Ich bin ein großer Freund des rhetorischen Kniffs, anstößige Thesen an den Beginn eines Beitrags zu stellen. Dann hören einem die Menschen wenigstens mal zu. Hier ist meine heutige These: Die Berliner Jusos haben Recht.
„Aber tux0r, ausgerechnet die Jusos? Die Jusos? Warum denn das?“ höre ich euch im Geiste schon fragen, brauche wahrscheinlich dringend Therapie für diese Stimmen in meinem Kopf und antworte trotzdem:
Aus Sicht der Jungsozialisten ist die Zivilehe ein Relikt, das „patriarchische Machtstrukturen“ verstärkt und die individuelle Freiheit durch ihren Anspruch auf Dauerhaftigkeit einschränkt.
Die „Berliner Zeitung“, traditionell ein Blatt, das weltanschaulich und auch sonst nicht unbedingt dort zu finden ist, wo ich zu finden bin, wirkt gewohnt empört, ich hingegen wirke zustimmend, stärkt doch die Zivilehe nicht nur irgendwelche Strukturen, sondern diskriminiert sie auch bis heute weniger langweilige Auffassungen vom Leben und der Liebe. Die (absichtlich?) falsch betitelte „Ehe für alle“ endet bekanntlich spätestens im § 1306 BGB, mithin dort, wo die Ehe für mehr als zwei Menschen begönne, ließe man sie denn zu, und in einer Zeit, in der man für das Bumsen mit soeben Kennengelernten von den normaleren Zeitgenossen weder in die Hölle noch an den Galgen gewünscht wird, besteht der kümmerliche Mehrwert der Eheschließung in zweierlei, nämlich in der „Steuergemeinschaft“, was eine doch sehr deutsche und (deshalb?) kaum fassbar unromantische Vorstellung ist, und darin, dass eigentlich nur die Ehe vor der unangenehmen Konsequenz von Hitlers Namensrecht schützt, dass man sein Leben lang so heißen muss, wie man heißt, weil die Eltern so hießen, wie sie hießen.
Sicher: Befürworter der Ehe haben etwas, was irgendwer als gute Argumente anerkennen könnte. Als Frau könne man, erzählte mir eine Frau einmal verträumt, so ein teures weißes Kleid tragen. Ist das denn sonst verboten? Andere pochen darauf, dass die Ehe eine gute christliche Tradition sei. Mag ja sein, aber es ist ja nun auch nicht jeder ein Christ.
Nicht alles, was ist, ist auch behaltenswert. Was spricht dagegen, auch mal Gewohntes zu hinterfragen?


Mhh.
Was gern vergessen wird bzw. um diese ganze Aneinanderreihung von „Argumenten“ auf den Kopf oder auf die Beine oder was auch immer zu stellen:
– es gibt nichtpatriarchale Ehen. Viel. Dieses patriarchgequatsche können die Nebelkerzenwerfer sich wo hinschieben. Strohmann in den Strohkopf oder so.
– es gibt Ehefrauen, die finanziell nicht von ihrem Partner abhängig sind. Kenne ich eine…
– es gibt patriarchale Ehen. Ist doof, gehören aber 2 dazu und:
– es gibt Frauen, die geil auf Haushalt&Co sind
– es gibt gleichberechtigte Ehen, wo die Frau das Geld heimbringt… Kenne ich .. ah hatte ich schon.
– vererbungsdingsis und/oder „Absicherung“ nach Tod einer Person. Geht easy über die Ehe und sonst eher mit abenteuerlichen Konstrukten.
Last but not least: es gibt viele geschlechter-spezielle Ungerechtigkeiten; Ehe hätte ich da eher nicht oder gaaanz hinten auf’m Schirm.
Ein Hoch auf die Ehe!
Äh, und dafür braucht man eine Ehe?
Da ist das Problem doch, dass man dafür noch eine Ehe braucht. Teil des Angesprochenen.
Oh, ich hab was vergessen …
Die Sozen!!11?
Tut mir auch leid.
Steuer ist ein Aspekt, ein weiterer ist die Versorgung. Insbesondere hinterbliebene Eheleute von Beamten haben hier enorme Vorteile. Von daher ist eine Änderung auch nicht zu erwarten. Ehe (hahaha) das Beamtentum nicht verschwindet, bleiben solche Diskussionen recht akademisch.
Aber jemand muss sie ja führen, und seien’s wir Akademiker.
„Frauen an den Herd“ ist beim Ehe-ist-Mist-Bingo oben links das erste Feld.
Gut, haste nich gebracht, war von mir aber auch eher allgemein gemeint.
Bzgl. Absicherung: Du hast recht, ist aber falsch. Die Ehe ist nicht das Problem bei der Absicherung, sondern die Nichtehe. Da könnte man dran drehen – also theoretisch.
Zwangsehe für alle? Oder doch lieber – wie in meinem Vorschlag – Absicherung für alle?
Du willst mich falsch verstehen, kann das sein?
Absicherung für alle? Wo die Politik an den „Privilegien“ der Eheleute sägen möchte?
Was bleibt denn dann am Ende über? Nix. Ausser dass dann alle gleich schlecht gestellt sind. Hurra, Gleichberechtigung! Fürn Arsch. Und das gewonnene Geld können wir für Sondervermögen verbrennen.
Win-Win-Win!
Der aktuelle Fall ist, dass alle Beteiligten Vor- und Nachteile abwägen können.
Niemand wird gezwungen zu heiraten oder nicht[1].
[1] Ja gibt Ausnahmen, ich bekomme meine Grundsicherung von der Madame. Ob das jetzt Zwang ist, oder Angenehmes mit dem Nützlichen verbinden…
Wenn es Privilegien für die Ehe gibt, darf es meines Erachtens nicht sein, dass diese Privilegien nicht von jedem erreicht werden können, etwa von in polyamoren Beziehungen lebenden Menschen. Siehst du das anders? Warum gibt es überhaupt (reale, politisch bedingte) Nachteile, wenn man sich anders entscheidet (oder schlicht niemanden findet, den man heiraten wollen würde)?
Schwierig.
Flapsige Antwort: wer sich nicht entscheiden kann und in der Weltgeschichte mit wechselnden „festen“ Partnern rumbumsen muss… Spontan: für mich keine Ehe.
Ich verstehe Deinen Punkt aber ich teile ihn irgendwie (noch) nicht.
Ich kenne einige Leute aus der Ecke und da sind mir um 50% Verstrahlte oder mehr dabei, die schlicht eheunfähig sind. Das gibt’s bei heteronormativen Ehen auch, aber nicht in der Grössenordnung.
Weissnichdigger.
Polyamorie ist kein Rumbumsen. Da geht es ja schon los, du alter Katholik… ich meine, klar kannst du Beziehungsmodelle abwerten (doch, wirklich, ich habe ja auch hier und da meine konservativen Ansichten), weil du einige derjenigen, die sie ausleben, für Vollpflaumen hältst. Die meisten beziehungsunfähigen Deppen, die ich kenne, leben aber ziemlich heteronormativ. Warum sollten die privilegiert werden und ich nicht?
Und da ich gerade am Fragen bin: Was ist denn für dich eine Ehe, die qua Beschaffenheit das Recht auf Privilegien hat? Exakt zwei einander liebende Personen? Warum nur zwei? Und wo hapert es bei der Transferleistung zwischen „man sucht sich nicht aus, ob man Mann oder Frau liebt“ und „man sucht sich nicht aus, wie viele Menschen man liebt“ noch? Ich helfe ja gern beim Verständnis, so ist’s ja nicht.
Ich versteh den Plot schlicht nicht.
Ehe mit mehr als einer „weiteren“ Person ist nahezu weltweit nicht vorgesehen. Ist vielleicht suboptima für den einen oder die andere, aber ist’s ungerecht oder unlösbar?
Option A:
wir schaffen die Eheprivilegien ab, weil eine recht übersichtliche Minderheit sich benachteiligt fühlt … s.O. aka Superidee
Option B: wir machen eine Petition für mehr Privilegien für alle
Option C:
Person A heiratet Person B und Person C heiratet Person D. Jippie, 4 Polys verheiratet, alles in bester Ordnung, kein Problem gehen Sie weiter, gibt nix zu sehen…
Ja, das ist aus dem gleichen Grund ungerecht wie es die Ehe nur für heterosexuelle Paare war. Schwule sind auch eine Minderheit, trotzdem bekommen sie diese Privilegien. Meiner Meinung nach besteht kein zwingender Anlass dafür, dass man bessergestellt wird, bloß weil man heiraten darf, und auf eine Erläuterung dieses Anlasses warte ich irgendwie vergebens, leider wohl auch in dieser Kommentarecke. Dabei ist Option A die einzige, die nicht rotzeblöd ist.
Option C scheitert übrigens an zweierlei: Polyamore Beziehungen bestehen nicht immer aus einer geraden Anzahl an Menschen und der Punkt ist ja, dass man ungern einen der Partner den anderen gegenüber bevorzugt.
Schwulenehe? Pah! Sollen sie halt eine Frau nehmen!
Ei-ei-ei…
Danke für’s rotzeblöd. Gebe ich gerne zurück.
Da Du auf meine Argumente nicht eingehst, bin ich raus.
Option C (bzw nicht-Option‑C) scheitert übrigens an Deinem begrenzten Horizont. Hint: heteronormative Leute haben gelegentlich das selbe Problem. Dein valides Argument so: *poff*
Du hast kein Problem, sondern eins an den Haaren hergezogen, weil die anderen Schuld sein müssen und DEIN Plot der Richtige ist.
Das Argument, nicht du. Aber dass konservative Ehefans bisweilen persönlich werden, wenn man an ihren Überzeugungen rüttelt, ist mir schon aufgefallen. Na, wenn’s hilft…
„Rotzeblöd“ ist hier jedenfalls als „in der Theorie vielleicht überzeugend klingend, aber an der Lebensrealität scheiternd“ zu lesen. Petition? Warum nicht gleich einen Leserbrief an die Fernsehzeitung? Dürfte auf’s selbe hinauslaufen. Und Option C habe ich ja schon inhaltlich auseinandergenommen.
Das Gespräch bisher:
- Du: Nur normale Paare haben Privilegien.
– Ich: Wofür überhaupt Privilegien?
– Du: Es ist gut, dass nur normale Paare Privilegien haben.
– Ich: Wofür überhaupt Privilegien?
– Du: Sollen sie halt anders lieben, wenn sie auch Privilegien wollen.
– Ich: Wofür überhaupt Privilegien?
– Du: Du gehst gar nicht auf meine Argumente ein!
Mir würd‘ ja eine Antwort schon reichen. Aber gut, dann halt nicht. Freies Land, freie Meinung.
„Hint“: Das liegt unter anderem daran, dass der Staat so handelt, wie er handelt. Aber da willst du das Warum nicht diskutieren, sondern „isso, weil isso“. Machste nix. Ciao!
Mein konstruktiver Vorschlag (es geht hier nicht um „Schuld“, mir geht’s gut, ich brauche ja keine Ehe) war übrigens, keine Beziehungsform besserzustellen als eine andere. Willste nicht. Warum nicht? Sagste nicht. Analogie zur Hetero- und Homoehe? Ignorierste komplett, würde deinen Punkt hinterfragen. Aber Argumente wollen. Alter.
Ich habe keinen Plot. Ich habe einen Vorschlag gemacht. Die Gegenseite meines Vorschlags (dabei will ich niemandem was Böses, sondern – im Gegenteil – gleiches Recht für alle) hat außer „ich finde die Idee doof, weil ich heteronormativ bin und das deshalb nicht brauche bzw. meine schönen Privilegien ja dann keine mehr sind, wenn doofe Menschen sie auch bekommen“ wenig aufzubieten. Das ist schade. Aber meine Holschuld endet hier.
Langzeitfickprämien sind ohnehin problematisch, da der Fortbestand immer nur gesichert ist, wenn der Samen auch entsprechend weitergegeben wird.
Allerdings gibt es auch immer noch Kirchen und Kulturen, wo es ohne Hetero-ehe gar nicht erst geht.
Rumgevögelt wird natürlich trotzdem immer. Die Bigotterie wird furchtbar übertrieben und durch Medien und besonders Kitschfilme seit Dekaden unterstützt.
Dann sinnloseste Gefühl ist Eifersucht und den Schwänen hängt die Monogamie zu den Hälsen raus.
„Konzept des unveränderlichen Patronyms“ – schön, dass man auch hier immer wieder was lernt, sobald man mal reinguckt. Bitter weiter so.
Ansonsten: Hörnsemaherrhaa – Sie sind tatsächlich für den Posten des ZDF-Intendanten vorgesehen, ja, mich auch, wenn da nicht Ihr Nachname … verstehen Sie? Ich meine, wenn Sie den Mädchennamen Ihrer Gattin, verstehen Sie? Nein, kein Problem, für Sie doch nicht, Termine im Standesamt regeln sich auf dem kurzen Dienstweg, Freitag ginge sofort …
Kann es sein, dass keiner das eigentlich Grundkonzept der Ehe versteht?
Mann und Frau kriegen gemeinsam Kinder und werden dadurch eine Wirtschaftsgemeinschaft. Das heute viele nur noch die Vorteile die man evtl. dadurch hat, sehen mag daran liegen das nicht jede Ehe Kinder hervorbringt und das auch die Diskussionen in der Vergangenheit dieses Konzept kaum beinhalteten. Aber eigentlich geht es ja bei der Ehe nur darum.
Mir ist die Konservative Welt eigentlich sehr fremd, aber ich kann in Anbetracht der zahlreichen Kinder von ehelosen Müttern und zahllosen Vätern in meinem Umfeld nachvollziehen warum man das früher als nützlich betrsachtete. Wenn der moderne Mensch dafür bessere Konzepte hat, dann sollen sie es manchen. Mittlerweile glaube ich aber, es geht in die Richtugn der staat soll die Kinder ernähren und erziehen. Was auch vielen Politikern gefällt. Dann wird diese Art der Lebensgemeinschaft tatsächlich obsolet.
Was mich aber wundert ist das nach meinen Eindruck die modernen Menschen, die Ehe als eine Art Besitzanspruch für Sexualpartner sehen. Dann machen die Forderungen Sinn, für sowas braucht man keinen staatliche Lizenz, da sollten ganz normale Verträge ausreichen.
Eine Beziehung, die man per Vertrag formalisieren muss, kann eigentlich ganz weg. Dessen ungeachtet: Das „Grundkonzept“ dessen, was heute Ehe heißt, wurde von den Christen eingeschleppt und hatte in der Tat vor allem einen Besitzanspruch zur Ursache. Fürstenhäuser haben einander nicht aus romantischem Schmacht weggeheiratet. Das ist alles ein politisch-religiöser Akt der Macht, mithin so romantisch wie eine Steuererklärung.