In den NachrichtenMusik
Vinyl <3 (6): 31 Sekunden gegen Enteignung

In meinen wiederkehrenden Musikrückschauen weise ich regelmäßig darauf hin, dass die von mir vorgestellten Musikalben zumeist auch auf Amazon.de testzuhören sind, wo die Länge der Hörproben – ich nenne sie gelegentlich begründbar „Schnipsel“ – auf etwa 30 Sekunden begrenzt ist. Dass diese 30 Sekunden für einen vernünftigen Eindruck kaum reichen, sofern das Stück nicht gerade selbst nur wenige Sekunden lang ist, halte ich selten für ausreichend erwähnenswert. Letztendlich verbinde ich mit meinen Empfehlungen ja naiverweise auch immer die Vermutung, dass, wer Musik mag, sich ohnehin den richtigen Tonträger zulegen wird.

Zu Unrecht?

Popmusik war schon immer ein eigener Kosmos im stetigen Wandel. Welchen Einfluss hat die fortschreitende Digitalisierung darauf? Nicht nur die Weise, wie wir Pop hören, sondern auch die Art, ihn zu produzieren, ändert sich. (…) Ein Song muss sofort ins Ohr gehen, damit er nicht weggeklickt, sondern länger gestreamt wird. So braucht es 31 Sekunden Verweildauer bei einem Track auf Spotify, damit überhaupt Geld an den Künstler fließt.

Dass Streaming faktisch wegen der geringen Umsatzbeteiligung pro „Stream“ den Musikern, wegen seines Konzepts als jederzeit abschaltbare Leihaudiothek auch den Musikhörern schadet, ist ein von mir inzwischen ermüdend oft wiederholter Umstand. Ich habe dennoch den Eindruck, dass nur eine fortwährende Wiederholung dieses Einwands irgendwann einmal zu etwas mehr Bedenken führen wird. Der Mensch neigt zur Trägheit.

Schlimmer noch: Nicht nur werden Künstler arm und Konsumenten besitzlos gehalten, auch der ideelle Wert der Musik wird weiterhin aus der Betriebswirtschaft herausgehalten.

Michael Krause, Managing Director bei Spotify für Zentraleuropa, (…) befürwortet jedoch Playlisten mit „funktionaler Musik, kuratiert von unserer Redaktion“.

Wenn diese blutleer gewordene Welt eines nicht unbedingt braucht, dann ist es eine Generation von Menschen, für die Leidenschaft und Musik in zwei völlig verschiedene Kategorien gehören, die miteinander allenfalls Berührungspunkte haben. Wie traurig wäre es, wäre die Musik der Zukunft von nicht mehr als Algorithmen geschrieben und aufgeführt! Wie arm wäre eine Gesellschaft, in der der letzte Wert der Musik ihr Preisschild ist! – Ich verschanze mich hinter einer Barrikade aus Schallplatten und CDs. Die letzte Schlacht gewinnen wir.

Wer macht mit?

Senfecke:

  1. Da liegst du leider daneben…
    Es sind die Rückzugsgefechte die wir führen.
    Die alten kennen sie ja noch die Platte/LP/CD, das Album das man komplett hörte.
    Die Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Stammhörer reicht nun mal nicht für ein ganzes Album.
    Es wird auch immer defizitär sie zu produzieren, zumal man mit dem einzelnen Video weit mehr Reichweite erzielt.
    Und das große Geld wird mit Auftritten generiert habe ich mir sagen lassen.

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
:P 
:ups: 
:cry: 
:evil: 
:twisted: 
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