NerdkramsPersönliches
Smartphoneblues

Seit ich im Jahr 2010 zufällig Androidnutzer wurde (ich berichtete), habe ich nur wenige Gedanken daran verschwendet, ob ich den eingeschlagenen Weg jemals verlassen würde. Klar, die Smartphones sind seitdem größer geworden, ihre CPUs und GPUs stärker und ihre Preise unverschämter, aber sonst ist doch alles fast wie früher.

Allein: Der derzeitige Smartphonemarkt ist geprägt von der Angst, interessant zu sein, fürchte ich.

Nachdem Samsung mit dem Galaxy S6 sein lobenswertes Konzept des sich nicht unbedingt hochwertig anfühlenden, aber bezahlbaren Smartphones, das dafür über einen Wechselakku und andere Annehmlichkeiten verfügte, zugunsten einer iphonigen Konstruktion und eines beinahe ebensolchen Marktpreises aufgegeben hatte, verließ ich den Kundenstamm des Unternehmens in Richtung LG, die als eines der letzten drei Unternehmen diese Annehmlichkeiten noch für essenziell hielten und halten. Wechselakkus scheinen im Allgemeinen fünf Jahre nach der Marktergreifung Samsungs, dessen wichtigster Marktvorteil noch vor wenigen Jahren der austauschbare Energieträger war, unwichtig, denn so ein Akku hält ja zwei Jahre ohne merklichen Kapazitätsverlust durch, und wer will schon ein über zwei Jahre altes Smartphone benutzen, das lächerliche 600 Euro aufwärts gekostet hat? Ach, ihr? Dann seid ihr nicht die Zielgruppe.

Das anfangs für externe Entwickler sehr empfängliche Samsung, dessen Angebot an Drittanbieterfirmware schon früh das der Konkurrenz (vielleicht mit Ausnahme der eigentlich für Entwickler gedachten Nexus-Geräte, deren Hersteller ja regelmäßig wechselt) überstieg, änderte seine Attitüde eigentlich bereits um das Jahr 2012 herum, als ein inoffizielles ROM, dessen Code teilweise auch in regulären Firmwareupdates landete, viele Geräte komplett lahmlegte. Das Anfang 2013 veröffentlichte Galaxy S4 machte es deutlich unangenehmer, nicht von Samsung stammende Android-Versionen zu installieren, da wesentliche Änderungen am Startvorgang stets ein nicht zurücksetzbares Hardwarebit setzten, das fortan beim Hochfahren anzeigte, dass jemand am Gerät herumgepfuscht hat. Einerseits diente dies wohl der Sicherheit, andererseits war es ein Makel für all jene, die bis dahin geglaubt hatten, es lasse kein großer Hersteller Hobbyentwicklern so viel Freiheit wie Samsung. Dass die firmeneigenen Exynos-Prozessoren so schlecht dokumentiert sind, dass das freizeitliche Entwickeln eigener Android-Versionen für sie kaum noch lohnenswert ist, passt da hervorragend ins Bild.

Statt des Wechselakkus und des Einschubs für SD-Karten zählen heute neben den Lautsprechern – wir, die nur ungern auf ständig einander mit schlechter Musik in noch schlechterer Qualität beschallende Jugendliche aufmerksam werden, haben den Krieg wohl leider verloren – offensichtlich die Kameras in den Geräten als entscheidendes Merkmal, alles Übrige rückt in den Hintergrund, wie Tests belegen. Als würden selfies, belfies, felfies und sonstige Beknacktheiten interessanter, wenn die Kamera, die der Laie trotz aller Korrekturfunktionen ungelenk verwackelt, 16 statt 14 Megapixel hat.

Andererseits scheinen die wesentlichen Unterschiede sich längst auf solche Lappalien zu beschränken; als ich vor kurzem dem Hinweis, ich solle doch mal in einem der einschlägigen Technikgeschäfte die aktuellen Smartphones auf ihre Verarbeitung hin überprüfen (vulgo befühlen), nachging, stellte ich vor allem eine erschreckende Gleichförmigkeit fest. Apples iPhone, Motorolas Moto X, Huaweis P9, HTCs 10, Samsungs Galaxy S7: Wenngleich manche mehr, manche weniger mit Fingerabdrücken übersät waren, war doch zumindest die ähnliche Bauart auffällig. All sie kommen in einem „Unibody” daher, der Erweiterbarkeit nicht zum Zweck hat, all sie gleichen einander in Form und Größe immer weiter an. Wer mutiger ist, verliert: LG entließ kürzlich einige Manager, weil das ambitionierte G5 nicht ähnlich erfolgreich ist wie das Vorgängermodell G4, wobei man wirtschaftlich auch davon profitiert hatte, dass viele ehemalige Samsungkunden und -entwickler vom doch allzu verschlossenen neuen Duo aus Galaxy S6 und Galaxy S6 Edge verschreckt worden waren.

Überhaupt: Befühlen. Es scheint auch unter Android mittlerweile unüblich zu sein, ein Gerät nach seinem tatsächlichen Nutzen zu beurteilen, was damit zu tun haben könnte, dass die wesentlichen Eigenschaften (ein aktuelles Android ist verfügbar, das Gerät explodiert nicht beim Einschalten, eine Netzverbindung sollte verfügbar sein und man sollte nicht zu lange warten müssen, bevor das System hochgefahren ist) mittlerweile Konsens sind. Das absurde Genre des unboxings, also gefilmtes oder wenigstens beschriebenes Auspacken eines Gegenstands aus der Originalverpackung, ist inzwischen auch bei Smartphonetests ein führendes, Hand drauf!

Als die Revolution begann, habt ihr gerade Schachteln rezensiert.

Senfecke:

  1. Dito!
    Dabei laufen der gewünschte Nutzen und die tatsächlichen Fähigkeiten der Smartphones komplett auseinander.
    Während man sich vor 10 Jahren noch darum bemüht hat, Kontakte und Aufgaben mit Handy und Server zu synchronisieren, wäre das heute problemlos möglich, aber es nutzen recht wenige. Es muss halt eine 4-Kern CPU mit HD-Display etc. sein um….Youtube zu gucken und whatsapp nachrichten weiterzuleiten :roll: . Oh, es muss einfach MEHR sein als das der anderen, ob das wirklich GUT ist, ist erstmal egal. Wir könnten mit den Dingern so viel produktiver sein, sind es aber meist genau nicht.

  2. Pingback: Hirnfick 2.0 » Smartphoneblues (II): Feuer und Flamme

  3. danke. ich kam mir schon komisch vor, weil ich der einzige in meiner hood bin, der ähnliche ansichten hat.

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