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Allerweltsfilme

Aus Recherchegrün­den warf ich während der ver­gan­genen Tage wieder ein­mal einen Blick auf die Titel­seite ein­er Fernseh-Pro­gram­mzeitschrift. Unter dem dezent nach­bear­beit­eten Kon­ter­fei ein­er lei­dlich bekan­nten Schaus­pielerin wur­den dort zwei Filme angekündigt.

Die Älteren unter meinen Lesern erin­nern sich vielle­icht noch daran, dass im Abspann von Fil­men früher in der Regel die höch­ste Pri­or­ität auf dem Film selb­st lag. Dort hieß es dann etwa: “Sie sahen: Kehr zurück, kleine She­ba”, darunter dann gegebe­nen­falls die Verteilung der Rollen. Damals hätte man es ver­mut­lich besten­falls als stil­los emp­fun­den, wüsste man, wie längst üblich, erst nach zehn Minuten, wie der Film eigentlich heißt, oder läse es im Abspann erst nach zwei Papierk­ilo­me­tern.

Diese Rela­tion scheint allerd­ings in den let­zten Jahren per­vertiert wor­den zu sein; die ein­gangs erwäh­nte Pro­gram­mzeitschrift näm­lich kündigte auf besagter Titel­seite nicht etwa zwei beson­ders empfehlenswerte Filme an, son­dern die Schaus­pielerin Jen­nifer Anis­ton “mit” zwei Fil­men, was wiederum bedeutet: Der eigentliche Film tritt in den Hin­ter­grund, die Men­schen sollen ihn nicht etwa wegen der gewitzten Dialoge voller Pop­kul­turz­i­tate oder wegen der lehrre­ichen Moral sehen, son­dern, weil Jen­nifer Anis­ton in ihnen zu sehen ist.

Bere­its in mein­er Filmkri­tik zu “Inglou­ri­ous Bas­ter­ds” bemerk­te ich dieses Phänomen; dass Film­fre­unde dieser Tage eben vor allem das Kino auf­suchen, um bes­timmte Gesichter zu sehen, und auf den eigentlichen Film dann nicht mehr viel Wert leg­en. Wie son­st ist es zu erk­lären, dass etwa Til Schweiger mit sein­er Rolle als Macho, der im Ver­lauf des Films zu einem san­ften Schmuse­mann geläutert wird, in diesem Jahr (“Kokowääh”) schon wieder Mil­lio­nen Kinobe­such­er, einige von ihnen gar mehrmals, unter­hält? Die zweifel­sohne urkomis­chen Szenen, die einem irgend­woher bekan­nt vorkom­men, allein dürften es nicht sein, denn Keinohrhasen zum Beispiel ist nur mäßig witzig und war den­noch ein Pub­likums­mag­net. (Mir, dies sei als Spitze ange­merkt, ist kein Mann bekan­nt, der anlässlich des genan­nten Films auf eige­nen Wun­sch und ohne weib­liche Begleitung im Kino saß. Eine etwaige Kausal­ität möge sich der geneigte Leser selb­st erspin­nen.)

Zwar stimmt es, dass sich aus der Beset­zung eines Films die unge­fähre Hand­lung und das Genre oft erah­nen lassen, von löblichen Aus­nah­men wie eben “Inglou­ri­ous Bas­ter­ds” und “Angst und Schreck­en in Las Vegas” abge­se­hen, aber sie sollte nicht der Anlass sein, einen Film zu sehen. Jen­nifer Anis­ton etwa ist mir nur als Darstel­lerin durch­schnit­tlich­er Sit­coms in Erin­nerung, warum sollte ich das auf Film­länge sehen wollen? Geset­zt den Fall, die Frau hat sich inzwis­chen zu ein­er ser­iösen Schaus­pielerin entwick­elt und meine Frage geht von falschen Voraus­set­zun­gen aus: Warum tritt dann der eigentliche Film so sehr in den Hin­ter­grund?

Nicht jed­er dieser Schaus­piel­er, deren bloße Erwäh­nung für zalan­doeske Jubelschreie sorgt, fällt mit dem immer­gle­ichen plot auf, was die Her­vorhe­bung ihrer Per­son gegenüber der Hand­lung noch frag­würdi­ger macht. Woody Allen etwa, dessen frühe Filme (“Die let­zte Nacht des Boris Gruschenko”, “Im Bann des Jade-Sko­r­pi­ons”, “Der Stadt­neu­rotik­er” usw.) ich beina­he alle­samt als höchst betra­cht­enswert ein­stufe, weiß mich mit seinen neuesten Fil­men nur noch sel­ten zu überzeu­gen. Es scheit­ert aber anson­sten nicht an ihm, Woody Allen, oder der Beset­zung (zuver­läs­sig als Fehlbe­set­zun­gen zu beze­ich­nende Schaus­piel­er spie­len in seinen Fil­men ohne­hin nie mit), son­dern an der Hand­lung des Films. Ver­all­ge­mein­ert bedeutet das: Gefällt mir ein Film, gefällt mir nicht auch jed­er andere Film mit ähn­lich­er Beset­zung allein der Beset­zung wegen.

Insofern ist es absurd, dass Filmemach­er dieser Tage mehr mit Schaus­piel­ern als mit ihren eige­nen Fil­men zu prahlen scheinen, aber nur kon­se­quent. Seit­dem irgen­deine Flitzpiepe blöder­weise erfol­gre­ich aus­pro­biert hat, ob drei­di­men­sion­ale Effek­te über fehlende Hand­lung hin­wegtäuschen kön­nen, gle­icht der Gang ins Kino mitunter einem Toi­let­ten­gang mit Ver­stop­fung: Langfristige Freude kommt partout nicht auf, und man ver­spürt ein unan­genehmes Ziehen. Regelmäßige Kinogänger sind offen­bar einem selb­st aufer­legten Masochis­mus zum Opfer gefall­en. Tem­po­ra mutan­tur, et muta­mur in illis.

Fragte mich ein Film­pro­duzent, auf welchen Film ich mich am meis­ten freuen würde, so wortete ich ant: Ich hätte gern einen nicht zu seicht­en, fein pointierten, gern leicht bis schw­er sur­re­al­is­tis­chen Film, über dessen Anspielun­gen auf Pop­kul­tur und Zeit­geschehen es später viele Büch­er geben wird, mit denen alte, dick bebrillte Pro­fes­soren sich dumm und däm­lich ver­di­enen, und der im Genre der Komödie — die Tragikomödie eingeschlossen — zu verorten ist. Die Haup­trollen soll­ten bitte nicht mit John­ny Depp, Til Schweiger und Brad Pitt zu beset­zen sein, willkom­men wäre ein Engage­ment in nicht tra­gen­den Neben­rollen aber alle­mal. Die Film­plakate soll­ten kein­er­lei Namen tra­gen, höch­stens den des Pro­duzen­ten und vielle­icht den meinen neb­st URL mein­er Webpräsenz, denn ich mag es, Aufmerk­samkeit zu bekom­men.

Aber mich fragt nun ein­mal kein Film­pro­duzent, denn was ich von ihnen, den Pro­duzen­ten, erwarte, spielt keine Rolle, so lange ich brav den Brei fut­tere, den sie mir auf den Teller kotzen.
Habe ich erwäh­nt, dass ich in den let­zten vier oder fünf Jahren, sofern mich meine Erin­nerung nicht trügt, nur zweimal im Kino war?


Nach­trag zum The­ma “Tschüs­si, Herr zu Gut­ten­berg”:

Wie sehr mir der Tod “mein­er” Sol­dat­en nahe geht, ent­nehmen sie bitte der Tat­sache, dass ich dieses Ver­reck­en in mein­er gegen­wär­ti­gen Sit­u­a­tion noch dazu instru­men­tal­isiere, um Jour­nal­is­ten und andere Canaillen dafür ein schlecht­es Gewis­sen einzure­den, dass sie die Men­schen in der BRD darüber aufgek­lärt haben, was ich für ein Betrüger und Hochsta­pler bin.

Mehr beim Nachtwächter.

Senfecke:

  1. ver­such’ dich doch mal an peter green­away: der kon­trakt des zeich­n­ers oder ver­schwörung der frauen.

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