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Bären, Bill und Medienkritik II

Holla, welch ereignisreiche Tage liegen hinter uns und krümmen sich vor Schmerzen.

Fangen wir mit dem an, was die Menschen wohl zurzeit am meisten bewegt, von dem ich jedoch aufgrund meines nahezu inaktiven Medienkonsums nur versehentlich in Kenntnis gesetzt wurde. Nein, nicht so irrelevanter Käse wie der systematische Massenmord in der Gegend um (T)China (dazu später mehr), sondern weit boulevardeskeres, das jedes Leid der Welt mühelos, so scheint es, in den Schatten zu stellen weiß:

BILD-Deutschland hat einen neuen Bärenskandal.

Es ist schon ein Unding, dass ein Bär, der in einem mitteleuropäischen Zoo derart umsorgt wird, dass er seine natürliche Umgebung längst verdrängt zu haben schien, sich plötzlich seiner animalischen Instinkte besinnt und die sein Gehege säubernden Tiere, mithin also seine Raumreinigungsfachkräfte f.k.a. Putzfische, verspeist.
Da es sich m. W. immerhin um inländische Fische handelt, könnte man, hätte man die notwendige Chuzpe, gar behaupten, der einstmals niedliche süße Knut sei eine Gefahr für jeden deutschen Fisch, und von dort ist’s bekanntlich nicht weit zu einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

Indes bin ich der törichten Ansicht, der Abschuss eines weiteren Bären erzeugte in diesem Land kein allzu großes Medienecho mehr, zumal sich Bären mit albernen Namen in diesem Land ja nahezu inflationär vermehren. „Bruno, Knut und Flocke“; sollte ich einst durch eine wie auch immer geartete Fügung des Schicksals mich Romanautor nennen dürfen und die Nachfolger der Drei ??? oder auch nur TKKG kreieren wollen, so sind dies schon jetzt einprägsame und kinderbuchgerechte Namen für die Protagonisten. Fein, fein, keine Frage.

Eine hingegen überaus berechtigte Frage ist’s, wer oder was den Bären an sich nun derart ins Zentrum des öffentlichen Interesses zu rücken weiß. Die oft als Argument missbrauchten Knopf- bzw. leider eben nur knopfähnlichen Augen der Jungtiere sind schon seit mindestens 24 Jahren nicht mehr überraschend, und in jungen Jahren ist, mit Ausnahme des Menschen, eigentlich jedes Tier einigermaßen süß; vor allem Pinguine, deren interessantes Äußeres, den Kinofilmen vergangener Jahre zufolge, das öffentliche Bewusstsein allem Anschein nach bereits erreicht zu haben schien.


Wo Deutschland sich ja zur Ablenkung von den ständigen schlechten Nachrichten (Steuererhöhungen, Krieg et.al.) ohnehin gern mit Symbolfiguren um- bzw. eingibt, und sei es nur der so genannte Sänger der Mädchenrockträgergruppe Tokio Hotel, bei dessen Vokaldisharmonien ich persönlich mitunter den Wohlklang des durchaus umstrittenen Gesangs von Dagmar Krause erst so richtig zu schätzen beginne; über Musikgeschmack (siehe auch weiter unten) lässt sich bekanntlich mitunter trefflich streiten.

Und dieser Bill ist doch nun wirklich zum Knuddeln. Hilflos wie ein Eisbär liegt er da und lässt sich seine Stimme entfehlern, total süß umringt von seinen liebenden Ventilatoren, und damit er die sprachlose Zeit mindestens so gut zu überstehen weiß wie bspw. ich, gibt er zuvor diversen anderen Klatsch- und Tratschheinis mündliche und im Anschluss der renommierten Fachzeitschrift Vanity Fair ein schriftliches Interview, in dem er der Welt all das mitteilt, was BILD und BRAVO ihm bislang nicht zu entlocken wussten, unter anderem eben, dass er von Groupies nicht viel hält („Groupie-Sex ekelt mich an“ und vermutlich vice versa); und ich kommentiere einige Auszüge desselben nunmehr wie folgt:

Ich war nicht jemand, der sich meldet und dann leise erzählt. Ich war immer am Rumschreien.

Einige schlechte Eigenschaften aus früher Kindheit legt ein Mensch zeit seines Lebens nicht mehr ab, heißt es.

Ich wusste immer, dass ich die Schule nicht brauche, weil ich Sänger werde.

Frei übersetzt scheint dies eine wertvolle, bereits dutzendfach erfolgreich erprobte Regel für jeden angehenden Prominenten zu sein:
Hauptsache reich und berühmt, Bildung wäre dem Erfolg nur hinderlich.

Ich hatte im Singen immer schlechte Noten, weil ich irgendwelche Volkslieder singen musste.

Richtiges Eingeständnis, aber falscher Schluss. Schade!

Manchmal gucken wir uns an und müssen lachen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass jemand ein Poster von einem von uns im Zimmer hat.

Das geht mir übrigens ähnlich.

Indes, mit 1½ Sätzen schaffte es der Befragte in meinem Ansehen wider Erwarten deutlich zu steigen, weshalb ich diesen Teil des heutigen Eintrags auch mit ihnen beende:

VF: Haben Sie schon mal zu einem Mädchen gesagt: „Ich liebe dich“?
B.K.: Ja. Habe ich aber nicht so gemeint.


Es wird also, wie man sieht, in der Tat Zeit, dass Deutschland sich nach neuen süßen Symbolfiguren umschaut; analog zu Eisbär „Flocke“ würde sich der Boulevard sicher auch für Haarreh „Krischna“* brennend interessieren, allein schon wegen des bescheuerten Namens.
Sollte sich nunmehr aber eine Forscherseele daran machen, ein ebensolches Haarreh (Nacktrehe sind vermutlich nicht allzu fotogen) tatsächlich zu züchten, so erbitte ich zumindest, dass es mehr kann als nur dämlich im Gehege kauern und Flaschenmilch saufen.

Wie wäre es zum Beispiel mit einer Änderung der Gangart? Nicht immer dieses dröge Rehgehopse; ein etwas unbeholfener Wackellauf sieht doch viel süßer aus. So ein richtig schön hilfsbedürftiges, leicht debiles Säugetier wie auch ebenjener Bill – ein Traum.

Zumal in dem von jeder anständigen Weltpolizei globalisierten Demokratie mindestens verhassten China der diesjährige Wackel-, äh, Fackellauf große globale Kreise zu ziehen vermag.

Dabei sein ist alles, heißt es in Bezug auf die mit Olympia eigentlich nur noch namentlich verwandten modernen Olympischen Spiele auch heutzutage, in einer Zeit der Gewinner, mit Blick auf das offenbar allgegenwärtige doping in fast perverser Weise leitspruchartig. Wen kümmert da schon Tibet? Das Wenige, was uns an Tibet fasziniert, ist ohnehin in einer fast lebenslangen Wanderausstellung ständig auch hierzulande zu sehen. Oder?

Wie tönten schon einst Die Goldenen Zitronen so treffend?
„Hier wurde niemand ausgegrenzt im Wettbewerb der Leuchten.“


Übrigens und apropos „tönen“ wird es, trotz oder aber auch wegen all des obigen Wortschwalls betreffs unsäglicher popular music, tatsächlich mal wieder Zeit für eine Musikempfehlung. Doch welche?
Nun, aufmerksamen Lesern könnte meine neuerliche Affinität zu der leider weithin unbekannten deutschen bayrischen Progressive-Metal-Gruppe High Wheel bereits aufgefallen sein.

Tatsächlich lautet meine diesmonatige Empfehlung wie folgt:
Kauft das Album Back from the void dieser unglaublich faszinierenden Musikgruppe, sobald ihr es irgendwo findet!

Freunde aktueller Porcupine-Tree-Veröffentlichungen, aber auch der frühen Van-der-Graaf-Generator– und Yes-Werke, die obendrein von Gesangschören ähnlich Gentle Giant angetan sind (insbesondere das Lied Void hat selbige zu bieten), sollten einen Blindkauf wagen; diejenigen unter euch, liebe Leser, denen das mal so absolut nichts sagt und die dies auch nicht zu ändern gedenken, werden nach dem unverbindlichen Reinhören noch immer ihre vorschnelle Entscheidung gegebenenfalls zu revidieren fähig sein.

Ich meinerseits, während der vergangenen Tage stets von anspruchsvoller Musik umgeben, benötige nun erst einmal ein wenig seichten Popscheiß, um wieder aufnahmebereit zu sein. Take on me!

Senfecke:

  1. Sklave.

    Dieser sehr viel nach sehr viel Mühe aussehender Eintrag verdient doch echt mal, Alter, kommentiert zu werden.

    Du triffst Bill mit Deinen Aussagen ganz gut, hast aber bei ihm ein paar „wichtige“ Kommentare vergessen / absichtlich weggelassen, zu denen man auch noch Interessantes hätte sagen können. Die Aussage bzgl. der Bildung stimmt nicht ganz, da es einige sehr ‚gebilderte‘ Prominente gibt (die unser Volk nur als B-Promis anerkennt, weil die denen zu hoch sind, aaaber es gibt sie.) Auch für angehende Promis stimmt die Aussage nicht immer.

    Du findest Pinguine süß? Ach, so mancher Meeresbewohner ist doch viel süßer, aber dazu schreib ich hier nichts, da es nur falsch interpretiert und mir angelastet wird ;d

    Ansonsten: Weiter so. Weniger Populismus und mehr von Artikel dieser Art sind ganz juppiedigut für dieses Weblog.

    Und, um nicht zu wenig zu meckern (hihi): Mach mal die wunderhübsche Kommentarfeldschrift größer.

    Hohe Berge, weite Täler,
    derklapper (Grüße aus der weit entfernten Ernst-Reuter-Straße).

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