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Schauspiel und Kunst. / Ich gründe aus Versehen eine Religion.

Die deutsche Aus­gabe der Huff­in­g­ton Post, die Qual­ität­sautoren wie Boris Beck­er in ihren Rei­hen hat, wird auf Twit­ter schon so aus­führlich und genussvoll zum Abfall erk­lärt, dass ich das nun nicht mehr tun muss. Allein diesen Text — irgend­was mit Sin­n­find­ung, die hier wohl selb­st vergebens wäre — tät’ ich dann zwecks Anschau­ung doch dann gern mal weit­erempfehlen.


Ein ganz anderes The­ma ist ja auch viel inter­es­san­ter. Eine Bekan­nte wies mich heute auf einen ihr bis dahin unbekan­nten Film hin, den sie zu sehen beab­sichtigte; dies nicht etwa auf­grund nen­nenswert­er Hand­lung, son­dern weil eine Schaus­pielerin, die sie sehr schätze, Teil der Beset­zung sei und der Film somit wahrschein­lich gar nicht schlecht sein könne. Das ist ziem­lich skur­ril. Zwar gibt und gab es Filmkün­stler, die in ein­er bes­timmten Phase ihrer Kar­riere aus­nahm­s­los her­vor­ra­gende Werke her­vorge­bracht haben (Woody Allen und Luis Buñuel gehören dazu), dies lag aber nicht an den beteiligten Per­so­n­en selb­st, son­dern am Zusam­men­spiel der­er Fähigkeit­en mit dem jew­eili­gen Drehbuch. Man stelle sich ein­mal Woody Allens “Der Stadt­neu­rotik­er” mit Til Schweiger in der Haup­trol­le vor, um das Prob­lem zu begreifen.

Schaus­piel­er wer­den oft als “Gesicht des Films” missver­standen, in dem sie agieren. Tat­säch­lich aber zeich­net einen guten Schaus­piel­er, wenn es nicht ger­ade um Slap­stick­komö­di­en geht, aus, dass er eben nicht als er selb­st auf­fällt, son­dern dem Zuschauer das Gefühl realen Geschehens im Bei­sein Unbekan­nter ver­mit­telt. Insofern ist sog­ar Helge “Adolf” Schnei­der ein besser­er Schaus­piel­er als zum Beispiel, ich erwäh­nte ihn bere­its, Til Schweiger. Ich würde niemals einen Film nur deshalb anse­hen, weil ich einen der Schaus­piel­er mag, und wenn Luis Buñuel dem Grab entstiege und sich entschlösse, von nun an Liebesro­mane zu ver­fil­men, würde ich das allen­falls mit gerümpfter Nase und krauser Stirn zur Ken­nt­nis nehmen und mich nicht umge­hend ins Kino begeben. Das wäre mir unan­genehm.

Eigentlich, so fuhr die Bekan­nte fort, sei es auch gar nicht von Belang, wie gut diese Schaus­pielerin denn ihre Rolle erfülle, denn sie sei im wahren Leben hüb­sch und sym­pa­thisch, was schon vol­lkom­men genüge, um einen entsprechen­den Film zu schätzen zu wis­sen. Mein Ein­wand, sie habe ver­mut­lich nie ein Wort mit dieser Schaus­pielerin gewech­selt, been­dete den Dia­log lei­der unsan­ft, bevor ich weit­ere Ken­nt­nisse daraus gewin­nen kon­nte.

Zu mein­er Zeit waren Filme ja noch wegen der Hand­lung inter­es­sant.


In der Blo­gosphäre wird momen­tan rege eines dieser so genan­nten “Stöckchen” weit­erg­ere­icht, also eine Samm­lung von Fra­gen, die man nach der Beant­wor­tung einem anderen Blog­ger weit­er­leit­et. Die ursprünglichen Fra­gen stam­men vom BR und richt­en sich an die Net­zge­meinde. Höh­len­malereige­meinde my ass. Es geht um die Gretchen­frage, wie das Netz es eigentlich so halte mit der Reli­gion, und während ich noch nicht davon überzeugt bin, dass diejeni­gen, die sich selb­st als Nerd­blog­ger betra­cht­en (kön­nten) und lustige 1337-Fake-sonst­wie-Domains benutzen, irgen­dein­er retro­vertierten Weltan­schau­ung viel abgewin­nen kön­nen und das Konzept eines devoten Glaubens im freien Netz unge­fähr so inter­es­sant find­en wie den BR, würde ich auf eine der gestell­ten Fra­gen unge­fragter­weise doch gern etwas näher einge­hen (die anderen sind mir zu doof oder wur­den im ver­link­ten Blog schon aus­führlich genug zur Ken­nt­nis genom­men), näm­lich gle­ich die erste:

Woran glaubt die Net­zge­meinde?

Ich würde ja sagen, ich glaube an den men­schlichen Ver­stand, aber ich kenne Twit­ter. Was ste­ht uns wohl über­wiegend lib­eralen, tech­nikbegeis­terten Frei­denkern denn so an Reli­gio­nen abseits der­jeni­gen Reli­gio­nen, für die sich der Unter­schied zwis­chen Leben und Glauben nur in Form irgendwelch­er absur­den Rit­uale man­i­festiert, zur Ver­fü­gung? Ich bin ein großer Anhänger der Church of Satan, da sie einen ratio­nalen, unaufgeregten Lebensstil predigt, und ich bin dur­chaus (von ihr selb­st völ­lig unab­hängig) ver­sucht, nach ihren Regeln zu leben, aber das ist wiederum eben­so wenig eine Sache des Glaubens wie es meine Übere­in­stim­mungen mit den anderen größeren Reli­gio­nen sind. “Du sollst nicht töten” ist ein dur­chaus vernün­ftiges Gebot, der Glaube dahin­ter mit dem welt­frem­den Bild (beziehungsweise eben Nicht­bild) von einem Schöpfer­gott, der uns irgend­wann alle ins Fege­feuer wer­fen wird, weil wir uns über ihn lustig machen, ist aber nicht mit meinem Selb­stver­ständ­nis als denk­ender Men­sch vere­in­bar. Es gilt also zur wahrheits­gemäßen Beant­wor­tung der Frage alter­na­tive Glaubens­ge­mein­schaften her­anzuziehen.

Die Church of Revenge­day? “Wir glauben an das Inter­net” bzw. an “wis­sen wir selb­st nicht”, ja, das klingt nach einem typ­is­chen Inter­net­nutzer, aber seinen virtuellen Leben­sraum zur Reli­gion zu erheben halte ich für gefährlich, mit dem Netz wird auch ohne Reli­gion­ssta­tus schon genug Schind­lud­er betrieben. Mein Bett ist ja auch keine Reli­gion. Passt dann eine dieser Inter­ne­tre­li­gio­nen eher zu mir? Wie steht’s mit dem Fliegen­den Spaghet­ti­mon­ster? An sich inter­es­sant, aber einige der acht “Gebote” dieser Reli­gion bere­it­en mir gehöriges Kopfzer­brechen, schon wegen ihrer links­fem­i­nis­tis­chen Aus­rich­tung. Eine Reli­gion ist doch keine Partei, her­rje.

Auch recht beliebt bei uns Nerds ist der Disko­r­dian­is­mus. Eine zweifels­frei inter­es­sante Idee, die aber in ihren Grundzü­gen nichts anderes als “Denke selb­st!” besagt — das ist wahrschein­lich nicht das, was mit der Frage gemeint war. Eines allerd­ings gefällt mir schon, näm­lich der Teil mit dem disko­r­dian­is­chen Papst. Ich exkom­mu­niziere in mein­er Eigen­schaft als unfehlbar­er Papst euch alle­samt hier­mit eben­so wie mich und damit ist die Sache dann auch erledigt. Da kommt der Kopimis­mus der Net­zge­meinde schon eher ent­ge­gen, der Glaube an File­shar­ing, mithin an die Ehrwürdigkeit sozialen Teilens (zum Beispiel von Musik). Wiederum ist dies aber eine Reli­gion, deren Zusam­men­hang zum all­ge­meinen Glaubens­be­griff ich nicht ver­ste­he. “Ich glaube an File­shar­ing” ist wie “ich glaube ans Einkaufen”. Habe ich jet­zt verse­hentlich den Shop­pis­mus ins Leben gerufen? Gedenkt mein­er dere­inst als Papst der Lehre von Rewe, Ama­zon und Sat­urn!

Nein, die Net­zge­meinde glaubt eigentlich nur daran, dass sie als homo­gene Ein­heit lediglich ein Hirnge­spinst schlechter und offen­bar über­bezahlter (weil über­mo­tiviert­er) “Jour­nal­is­ten” von öffentlich-rechtlich­er Gnade ist. Der Glaube war in dun­klen Zeit­en stets eine Zuflucht für Men­schen, die keine Hoff­nung mehr zu find­en ver­mocht­en. Was das Netz bet­rifft, bleibt insofern zu kon­sta­tieren: Gott ist tot. Wir machen uns jet­zt unsere eige­nen Göt­ter (“A‑Blogger”) und lassen sie im Fernse­hen und auf Twit­ter dumme Dinge sagen, die dann trotz­dem als unsere Mei­n­ung dargestellt und von den Poli­tik­ern nichts­destoweniger vol­lkom­men ignori­ert wer­den. Was näm­lich will die Net­zge­meinde? Erst mal Sascha Lobo fra­gen.

Und sie sahen, dass es nicht gut war.