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Medienkritik LXV: Die Netzgemeinde und wir

Eines dieser Ärgernisse, die den gesellschaftlichen Fortschritt in ein digitales Miteinander erschweren, ist ja dieses merkwürdige Selbstverständnis von Totholzjournalisten, die „das Internet“ für Google, Wikipedia, Facebook und Sascha Lobo halten und ansonsten stets eine Front herbeihalluzinieren, die nicht existiert: „Die im Internet“ und „die Gesellschaft“. Jüngster Spross dieser Wurzel ist dieser merkwürdige Artikel aus dem Hause Handelsblatt, der schon zu Beginn erfrischend daneben liegt:

Prominente Köpfe der Netzgemeinde behaupten, die Netzgemeinde gäbe es gar nicht. Weil die Mehrheit der Bevölkerung das Internet nutze, sei der Begriff überflüssig. Das ist falsch.

Das ist falsch.

Warum? Weil Autor Stephan Dörner das Internet nicht verstanden hat:

Auch meine Mutter nutzt das Internet – schon seit 1999. Sie schreibt E-Mails, kauft auf Ebay Reisen und liest Nachrichten auch online. Sie ist dennoch kein Teil der Netzgemeinde. (…) Weil der Begriff Netzgemeinde in der Regel eben nicht 74,7 Prozent der Bevölkerung meint, sondern diejenigen, die das Netz aktiv mittels Blogs und Twitter nutzen, um Ideen zu verbreiten und Kampagnen zu organisieren.

Ach so, Teil der „Netzgemeinde“ ist man nur, indem man bloggt oder twittert. Aktive Nutzer des Usenets etwa werden gänzlich ignoriert; „da ist ja gar kein blaues e dran, also ist das auch kein Internet“. (Schön wäre es ja, würde die Mehrheit des Volkes das Internet nutzen, aber sie beschränken sich weitgehend auf Mail und WWW und nutzen beide bevorzugt passiv.)

Dabei konnte das World Wide Web als wohl erfolgreichster Dienst des Internets überhaupt nur so groß werden, weil in seinen Anfangstagen bis zur „.com-Blase“ um die Jahrtausendwende herum ein Großteil seiner Nutzer gleichzeitig Produzenten waren. Das „Web“ ist ein Kommunikations- und kein statisches Informationsmedium.

Sicherlich ist das Definitionssache, aber das Wort „Netzgemeinde“ ist es ja auch: Bin ich Netzgemeinde, sind’s meine Leser? Stephan Dörners Behauptung ist aber sogar nach seinen eigenen Maßstäben gänzlich Hirnbrei, denn man kann von Facebook halten, was man will, aber ich stelle die steile These auf, dass wirklich alle, die dort nicht nur als Karteileiche angemeldet sind, den Dienst zur Informationsverbreitung nutzen – wahrscheinlich (statistisch gesehen) auch Stephan Dörners Mutter.

Und da wird das Problem deutlich: Wo niemand außer Sascha Lobo „Netzgemeinde“ sein will, dort wird es schwierig, sie zu definieren. Warum überhaupt wird versucht, einen Sammelbegriff für diejenigen Internetnutzer zu finden, die nicht nur passiv Internet gucken, sie sozusagen als Sonderlinge zu kennzeichnen? (Im Internet (!) einen Artikel zu veröffentlichen, der Leute, die sich allesamt primär als Individuen betrachten und eine Unterscheidung zwischen „schreibt ins Internet“ und „nutzt das Internet“ prinzipiell ablehnen, pauschal als „die Netzgemeinde“ bezeichnet, ist übrigens auch nicht ganz frei von Komik.)

Die einzige Gemeinsamkeit derer, die die Medien als „Netzgemeinde“ bezeichnen, ist ein Internetanschluss, ob mobil oder stationär. Wenn das als Aufnahmekriterium genügt, ist „die Netzgemeinde“ ungefähr so sinnvoll wie „die Mineralwassergemeinde“.

Wer „Netz“ sagt, meint auch das Nichtnetz; oder, kurz und prägnant, eben auch: Netzgemeinde, Zeitungsgemeinde, Fernsehgemeinde, Faxgemeinde, Telefongemeinde, Gesprächgemeinde, Briefgemeinde, Höhlenmalereigemeinde my ass.

Senfecke

Bisher gibt es 6 Senfe:

  1. ja, dann schreib ich mal aktiv ins Internet rein:

    ERSTER! ROFL! LOL! OMG WTF FAIL! +1 +1 +1 +1 Was für ein selten bescheuerter Beitrag. Ich mag Wurst. Sie sind, mit Verlaub, ein Arschloch. Jehova! Jehova!

  2. Du Netzgemeiner!

  3. Der gemeine Netzgemeinder, klingt wie ein fieses Tier.

  4. Ich hab auch Fell! (Bzw. eben Federn.)

  5. PINGBACK: Don't Shake The Milk » Urheberrecht sichern – Ideen verteidigen?
  6. PINGBACK: Hirnfick 2.0 » Schauspiel und Kunst. / Ich gründe aus Versehen eine Religion.

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