Archiv für die Kategorie ‘Sonstiges’.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Sonstiges
Medienkritik XCV: Ein Satz mit X: „POPCORN“ erklärt das Internet

In den späten 1990-er Jahren – das „World Wide Web“ war noch nicht ganz so furchtbar wie heute, was wohl auch damit zu tun hatte, dass es mit AOL, CompuServe u.a. starke kommerzielle Konkurrenz hatte – las ich einmal im Kindermagazin „Micky Maus“ eine begeisternde Werbung für den „Online-Auftritt“ des Heftes, das damals natürlich noch über CompuServe abrufbar war. Als ich am vergangenen Wochenende wieder einmal in den Neuerscheinungen am Zeitschriftenkiosk blätterte, fühlte ich mich in diese Zeit zurückversetzt, denn ich sah Ungewohntes:

POPCORN 2-2016

Das Fachblatt „POPCORN“ – die Website des Magazins datiert gegenwärtig offenbar noch von 2015 – will „fit fürs Internet!“ machen. Das verspricht doch eine Menge Spaß.

Es sind aber leider nur drei Seiten, zusammengefasst unter der Überschrift „Klick dich schlau! – Internet von A-Z“, es werden also 26 Stichworte über „das Internet“ kurz erklärt. Eins sei vorweg verraten: Es kommt ausschließlich das Web zur Sprache, den Rest „des Internets“ hält man bei „POPCORN“ offensichtlich für nicht bedeutsam. Dass der Anreißertext „Newbie oder Pro – völlig egal!“ lautet, ist allerdings nicht übertrieben; newbies finden das Schlauklicken (wo klickt man in einer Zeitschrift eigentlich hin?) sicherlich lehrreich und pros höchst amüsant.

Aber keine Sorge, werte newbies, es muss euch nicht peinlich sein, denn was ihr seid, erklärt man bei „POPCORN“ unter „N“:

„Du Noob“ oder „Was ein Newbie“! – Könnte als Beleidigung benutzt werden, ist aber meistens nur eine Feststellung. (Das glaube ich gern. A.d.V.) Denn unter „Newbie“ oder „Noob“ wird im Web ein Neuling bezeichnet!

Fein, fein – dass „Web“ und „Internet“ irgendwas miteinander zu tun haben, vermag der unbekannte Verfasser gerade noch zu wissen, aber den Unterschied leider nicht. In dieser durchdigitalisierten Welt ist das aber auch manchmal schwierig, die Internetsprache hält ja Einzug in alle Lebensbereiche. Zum Beispiel das Szenewort „Quelle“:

Im Internet bezeichnet man Seiten, aus denen man Informationen bekommt, als Quelle.

Ulkig, wie diese Jugend heute redet. Noch so ein kompliziertes Wort ist übrigens „Jubiläum“:

Olé. olé, olé! Auch das Internet feiert Feste – und es hatte 2015 allen Grund dazu: Da wurde die erste Website „info.cern.ch“ am 13. November 25 Jahre alt! Kaum zu glauben: Früher gab’s nur Schriften auf einer Website und keinerlei Fotos oder Animationen…

Kaum zu glauben. Warum erfindet denn irgendwer ein System zum Austausch von Nachrichten, bei dem man nicht mal Schmink- oder Katzenvideos sehen kann? Laaaaame!

„Lame“ erklärt „POPCORN“ leider nicht. Leet ist, was nicht lame ist. Was allerdings offensichtlich leet ist: Werbeblocker.

(…) Das Programm (sic! A.d.V.) „Adblock“ blockiert die blöden Popups (…). „Adblock“ gibt’s bei www.chip.de zum Runterladen! Installieren, öffnen – und zack: werbefrei…!

Es ist natürlich möglich, auf einem Portal wie chip.de, das vor potenziell trojanerbefallener Werbung selbst nur so strotzt und dessen Downloads gelegentlich eigens mit Malware angereichert werden, einen Werbeblocker herunterzuladen. Es ist natürlich nur auch keine besonders gute Idee.

Tut man es doch, erkältet sich vielleicht noch der Computer („V“ wie „Virus“):

So wie unser Körper sich einen Virus einfangen kann, kann das unser Computer auch. (…) Das Ziel eines Virus ist es (…), bestimmte Dateien oder gar die komplette Festplatte zu zerstören. (Genau, nur dafür sind Viren da. A.d.V.) (…) Ladet möglichst keine Programme von dubiosen Websites herunter.

Ja, wie denn nun? :-?

Man könnte meinen, der Autor der Internetanleitung leide unter Realitätsverlust; wenn nicht gar unter Realitäts-Verlust („R“):

(…) Internetsüchtige verlieren das „echte“ Leben völlig aus den Augen und leben nur noch in einer „virtuellen Welt“! Tipp: Begrenzt eure Internetzeit auf 1-2 Stunden am Tag – am besten mit einem Wecker, der euch sagt, wann Schluss ist!

Diese 1-2 Stunden kann man dann mit „Whatsapp“ („W“) auf dem „Smarthphone“ (sic! Seite 19), mit „Zocken“ („Z“), „Challenges“ („C“) auf „YouTube“ („Y“), „Facebook“ („F“) oder „Streamen“ („S“) verbringen. Auf YouTube gibt es immerhin spannende Dinge sehen, zum Beispiel – „Witzig!“ – das allererste Video, auf dem der Gründer von YouTube im Zoo vor dem Elefantengehege zu sehen ist. Roffel!

Ob es auch was zu „X“ gibt? Aber natürlich, die essenziell wichtige „X-Taste“:

Smileys und Abkürzungen mit dem Buchstaben „x“ sind im Web voll trendy. Beispiele: „xoxo“ oder auch der Smiley :x – beides soll Küsse(n) signalisieren!

Zu meiner Zeit wurden Küsse ja noch durch :* ausgedrückt. :x stand für etwas anderes – „meine Lippen sind versiegelt“, „ich sag‘ nix dazu“. Es tut mir wirklich ein bisschen leid, dass der unbekannte Autor es auf diese Weise erfahren muss, aber die Sekretärin hat auf Ihre Liebesschwüre also gar nicht mit einem Kuss reagiert.

Ebenfalls in dieser Ausgabe der „POPCORN“ zu sehen: Die „Blondine“ und „hübsche Düsseldorferin“ (ebd.) „Dagi Bee“ gibt ein doppelseitiges Interview ohne Worte, indem sie dumme Fragen (etwa „Magenknurren! Hunger! Schokolade!“) mit mindestens ebenso dummen („witzigen“) Grimassen beantwortet.

Mir fällt dazu übrigens auch eine witzige Grimasse ein. Leider hat mein Wecker gerade geklingelt.

FotografieSonstiges
#32c3

Ho ho ho

Alle bekloppt. Alle restlos bekloppt.

In den NachrichtenSonstiges
Kurz notiert zu Eckart von Hirschhausens Kreuzzug

„Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen und die CDU-Politikerin Julia Klöckner sind von der befreienden Kraft der Religion überzeugt.“ So etwas liest man doch gern, dann weiß man wenigstens, mit wem man es zu tun hat. Entstanden ist dieser Satz für das „christliche Medienmagazin“ „pro“. Die Überschrift? Was Ärzte und Patienten von Luther lernen können.

Und zwar was?

So stellt der ausgebildete Arzt von Hirschhausen fest, dass viele einsame Menschen mit einer „pseudoreligiösen Erwartungshaltung“ ins Wartezimmer des Arztes kämen. Sie haben den „Wunsch nach Gesehenwerden, Berührtwerden im wahrsten Sinne des Wortes, nach Erlösung, nach Gnade“.

Gehen gläubige Christen eigentlich zum Arzt, wenn Gott doch will, dass alles so kommt, wie es kommt? Keine Zeit, darüber nachzudenken, der nächste Kracher lässt nicht auf sich warten:

„Luther hat den Anstoß dafür gegeben, dass man sich die heilenden Kräfte der Bildung klargemacht hat“.

Ein evangelischer Kabarettist, der in einer religiösen Publikation die Bildung lobt und später die katholische Kirche darum beneidet, dass sie „viele Rituale“ habe, „da habe seine Kirche das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, macht mir ja doch eher Mut als Hoffnung. Aber eigentlich brauchen wir Religion ja gar nicht, sondern, so vermerkte von Hirschhausen abschließend, „jemanden wie Jesus“:

Wenn wir in Deutschland beobachten, wie Arm und Reich auseinanderdriften, wie viele Leute sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen – dann braucht es jemand, der uns an Jesus erinnert!

Jesus hätte sicherlich etwas gegen diese Schere zwischen Arm und Reich getan, denn „[e]r ging gezielt auf die Menschen zu, ohne nach dem Status zu fragen“, um sie dann, das erwähnt von Hirschhausen nicht, für ihren Status trotzdem zu verurteilen:

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Markus 10,25

Eckart von Hirschhausen dürfte es also schwer haben, von jemandem wie Jesus als einer der Seinen akzeptiert zu werden; insbesondere, wenn er sein Leben auch ansonsten ganz in Ordnung findet:

So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.
Lukas 14,26

Die Menschen, um deren Gesellschaft Jesus sich bemühte, waren also keineswegs Gestalten wie Julia Klöckner und Eckart von Hirschhausen, sondern vom Leben gebeutelte, von der Familie entfremdete, zutiefst depressive Arme. Was er mit ihnen vorhatte, geht aus der Bibel nicht eindeutig hervor, ich habe da allerdings so eine Ahnung:

Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!
Matthäus 10,34

Predigt Herr von Hirschhausen eigentlich während seiner Auftritte oder redet er währenddessen nur Stuss? Hat sich der Verfassungsschutz schon mal genauer damit befasst?

„Jemand wie Jesus“ würde sich vermutlich im Grabe umdrehen.


Wusstet ihr übrigens schon, dass man jetzt auch so genannte „Homepages“ haben kann?

Sonstiges
„JOY“ und die 9 schönsten Peniszeichnungen

Helene Fischer, so fand man beim „Playboy“ heraus, ist derzeit die erotischste und nervigste Sängerin. Das ist ein bisschen unfair, denn besonders hübsch finde ich sie nun nicht gerade, aber vielleicht bin ich auch nicht Teil der Zielgruppe des „Playboys“, was ich wiederum sehr (an mir) schätze.

Was aber ist das Geheimnis von Helene Fischers Aussehen? Fragen wir die Profis für – fragen wir „JOY“.

JOY 11-2015

Denn die „JOY“ weiß, wie man in nur 3 Minuten perfekt geschminkt ist und zumindest auf Fotos endlich super aussieht: Dünn nämlich („Die 25 größten Abnehm-Irrtümer“, Seite 40 bis 42) sollte man sein und sich auf selfies nicht etwa natürlich zeigen, sondern hinter dem richtigen Filter und mit der richtigen Bemalung und im richtigen Winkel präsentieren („die Zauberworte lauten: üben, filtern und ein klein wenig tricksen!“, Seite 54 bis 58), denn wer will schon das echte Leben sehen?

Wenn man diese Tricks berücksichtigt, kann man sich daran machen, einen „Wahnsinns-BLOWJOB!“ zu praktizieren. Natürlich kommt dafür nicht jeder Penis in Frage, es muss schon mindestens ein Johnny sein:

Johnny, oh Johnny Hätte ich einen Penis, wäre er RIESIG! Hoden hängen

O_o

Und wie geht so ein „Wahnsinns-BLOWJOB!“? Nun, zuerst muss man üben, zum Beispiel so: „Eine Banane schälen und sie oral liebkosen“. Oder so: „Kaugummi in den Mund – dann knallen lassen“. Oder so: „die Tonleiter auf und ab singen“. Wenn man sich nach ausgiebiger Übung dann dazu durchringen kann, es mal mit einem richtigen Penis zu probieren, werden als Stimmungsaufheller Eiswürfel und Sprühsahne empfohlen, was gegenüber einer Grapefruit („JOY“, Ausgabe vom Mai 2015) immer noch eine geringe Verbesserung der Aussichten darstellt. Wenn jetzt einer meiner männlichen Leser Angst vor der „JOY“-Klientel bekommen haben sollte: Gut so!

Weniger Furcht hat Marvin (21) aus Mannheim, der sich sicherlich später einmal sehr dafür schämen wird, hier aber noch den Rat gibt, es „törne“ Männer „immer an“, wenn man Sprühsahne vom Penis lecke, nachdem er den perfekten Blowjob als sportliches, würziges Ritual geschildert hat:

Die Kombination aus Lecken, Handjob und Hodenkraulen. Ich nenne das den One-Handed-Egg-Twister. Auch gut: die Pfeffermühle – das Mädel nimmt meine Eichel in den Mund und dreht dabei leicht mit beiden Händen an meinem Penis in verschiedene Richtungen.

Ich hoffe für Marvin (21), dass er bisher von den Techniken „Stepptanz“ und „Gurkenreibe“ verschont geblieben ist.

Im gleichen Heft der „JOY“ versichert die Redaktion der designierten Leserin, dass sie ja „kein kleines Dummchen“ sei (Seite 45), gibt aber Nachhilfe (Seite 35), mit welchen Nachrichten sie ihren „Traummann“ – abgebildet ist ein typischer Hipster – erobern könne, zum Beispiel:

„HILFE! Riesenspinne im Bad!“ Emanzipation hin oder her – Männer wollen gebraucht werden.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Traummann nicht vorher die „JOY“ liest. Sonst ist er gewarnt.

In den NachrichtenMusikSonstiges
Aktion Doof

Was für eine großartige Idee doch ein Musiklehrer aus Niedersachsen da hatte:

Ein Musiklehrer aus Niedersachsen will ein altes Lied der Band Die Ärzte zurück in die Charts bringen – als Reaktion auf den zunehmenden Hass gegen Flüchtlinge und die Anschläge auf Heime, wie zuletzt beispielsweise in Heidenau, Meißen oder Freital. Seit Sonntag existiert die Initiative „Aktion Arschloch“ mit eigener Webpage und Facebook- sowie Twitter-Präsenz.

Denn nichts, aber auch gar nichts auf der Welt könnte effizienter das zusehends ärger werdende Kulturproblem zwischen Einwanderern und Einheimischen bekämpfen als ein Poprockliedchen, dessen Kernaussage es ist, dass Rechtsradikale allesamt verweichlichte Memmen und, daher der Name der „Aktion“, „Arschlöcher“ seien. Brüllen gegen Rechts, Eierlaufen gegen das Böse.

Nun trägt es zu mehr Sachlichkeit keineswegs bei, dass diejenigen, die diese „Aktion Arschloch“ unterstützen, gleichzeitig ernsthaft darüber debattieren, unter welchen Umständen die mediale Zurschaustellung von aufgrund behördlicher Vernachlässigung verstorbenen Flüchtlingen einen wertvollen Beitrag zur Besserung der Situation darstelle, so dass man über althergebrachte Werte wie Menschenwürde, Privatsphäre und Wahrung der Totenruhe großzügig hinwegsehen könne. Irgendwo habe ich in diesem Zusammenhang erst heute gelesen, dass eine Fotografin nach eigenen Angaben beim Sichten der herumliegenden Leichen erst dann nennenswert erschüttert war, als sie sie als Kinder identifiziert hatte. Den Wert einer Leiche am Alter ihres Körpers zu messen ist vielleicht das, was irgendwer von geringer geistiger Leistung als Menschlichkeit und Mitgefühl versteht.

Professionelle Distanz endet an Wasserleichen; zahlreiche tote Flüchtlinge, die irgendwo ertrinken, sind eben nur eine Zahl, bis sie wehrlose Kinder sind und man einen werbefinanzierten Artikel mit ihnen bebildern kann. Als wäre der Bilderwahn nicht schon dadurch auf eine ausreichend irre Art belegt, dass bei der Berichterstattung über Gerichtsverfahren allzu häufig Fotos aus dem Gerichtssaal, die Angeklagte mit Aktenordnern anstelle ihres Gesichts zeigen, eine Rolle spielen. Seht her, liebe Leser, hinter diesem Aktenordner sitzt ein möglicher Täter und unser Fotograf hat keine Mühen gescheut, euch diesen Aktenordner in Farbe präsentieren zu können.

Mir fällt zu all dem auch nicht viel mehr als ein Lied einer Musikgruppe ein, die vielen Unterstützern der „Aktion Arschloch“ vermutlich auch nicht völlig unbekannt ist.

Slime (Schweineherbst 1993) [22]. Besserwisserei Stinkt

Sag‘ deine Meinung, übe Kritik,
doch behaupte nicht, dass du die Wahrheit kennst. (…)
Verschon‘ mich mit deiner beschiss’nen Moral;
sie ist nicht mal das Band wert, auf dem du sie besingst!

Aber vielleicht ist das zu reflektiert für die, die stets das Richtige tun.

Sonstiges
iNetzpolitik (fortg.)

Es ist wahrscheinlich, andererseits, auch nicht in Ordnung von mir, mich über das schräge personalityPropaganda-Blog Netzpolitik.org (aus ethischen Gründen nicht verlinkt) immer wieder so zu ereifern, immerhin arbeiten seine Betreiber unermüdlich auf höchstem journalistischen Niveau im Dienste der Wahrh-

BILD sprach mit Markus Beckedahl, Chefredakteur des Blogs, über die jüngsten Entwicklungen.

:nein:

Sonstiges
Medienkritik XCIII: „Closer“ to Hassattacke

„Closer“. So ein schönes altes Lied der Nine Inch Nails.

Nine Inch Nails – Closer | Live in Portland | Moshcam

„Closer“. So ein schreckliches neues Magazin der Bauer Media Group, bekannt von den Erfolgsformaten „JOY“, „InTouch“ und „COSMOPOLITAN“.

closer 35-2015

„Naddel“, so titelt das dieswöchige Heft („Stars, die wirklich interessieren“), das auch wie zur Warnung eine ganzseitige Werbung für RTL enthält, habe einen „schockierenden Absturz“ hinter sich, irgendeine „Sabia“ wolle irgendeinen „Rafael“ erpressen, weil sie „doch krank“ sei, außerdem habe eine „Lena“ mit „schlimmen HASS-ATTACKEN“ (sic!) zu kämpfen. Endlich mal ein bisschen Spannung! Gucken wir mal rein:

„Schlimme HASS-ATTACKE“ steht über dem Artikel, der damit gleich zu Beginn den Plural relativiert, aber eigentlich geht es doch um mehrere. Die mir bis dato weitgehend unbekannte Lena Gercke („Topmodel“, ebd.) wurde für ein in der „Closer“ abgedrucktes Urlaubsfoto, auf dem sie von hinten mit – vielleicht, um ihr modeltypisches image als Dummchen zu festigen – verkehrt herum aufgesetzter Schirmmütze mit dem Aufdruck „BONNIE“ sowie in einem nicht besonders straff sitzenden Bikini zu sehen ist, auf Facebook „übel beschimpft“ („Closer“). Viele ihrer „Fans“ (ebd.) ziehen, so „Closer“, „über die Kehrseite des Models her“, indem sie schreiben:

Wo ist dein Po? :|

Oder:

Sorry Viel (sic!) zu dünn, sieht nur extrem krank aus.

Es ist schwer vorstellbar, wie das Frollein Gercke diese „fiesen Beschimpfungen“ (ebd.), sie habe keinen dicken Po, nur erträgt.

Auch schwer zu ertragen, wie man wenige Seiten später in der „Closer“ liest, sei das Dasein als Teilnehmer der offenbar irrelevanten Fernsehschau „Promi Big Brother“, in der es augenscheinlich darum geht, dass Leute, die jemanden kennen, der mal mit jemandem den Geschlechtsverkehr vollzogen hat, der mal als Statist durch eine Vorabendserie getorkelt ist, vor einer Kamera ein möglichst normales Leben simulieren. „Closer“ hat hierzu Ela Tas (wollte mal eine Liaison mit einem der ehem. „Bachelor“-Protagonisten eingehen) und Janina Youssefian (hatte mal Sex mit Dieter Bohlen), zwei durch und durch geschmacklose Personen, die in einer früheren Staffel der Sendung also gut aufgehoben waren, zu ihren Erfahrungen befragt.

„Wir wurden jeden Tag eine knappe Stunde mit extrem lauter Musik eingeschlossen, weil die Batterien der Kameras ausgewechselt werden mussten (…)“, erinnert sich Janina, die sich „wie ein Soldat im Krieg“ fühlte.

Wenigstens musste sie dabei kein Prekariatsfernsehen sehen; andererseits, so weiß es der Volksmund, bilde Fernsehen, und vielleicht hätte sie ein weniger komisches Bild vom Krieg, wenn sie mehr ferngesehen hätte, aber wer sein Geld damit verdient, vor Jahren mal einem reichen Schwerenöter unters Gemächt gerutscht zu sein, der braucht augenscheinlich nichts im Kopf zu haben. Ich habe meinen Beruf verfehlt.

Ihre zehn Jahre jüngere Leidensgenossin Ela ist noch immer sichtlich traumatisiert davon, dass man sie in einer Sendung, in der sie beim Leben gefilmt wird, auch beim Leben sehen kann:

Ich wachte nachts schweißgebadet auf, wenn meine Bettdecke verrutscht war, aus Angst, man würde zu viel sehen. (…) Das war Psycho-Terror und wirklich eine der schlimmsten Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben.

Ach, Mädels. Ihr müsst es euch wenigstens nicht hinterher ansehen. Dass so eine Schlafkleidung deutlich mehr Haut zeigt als so ein Badebikini, bezweifle ich allerdings.

Viele „Promi-Ehen“, so informiert mich „Closer“ im Weiteren, stehen derzeit vielleicht möglicherweise vor dem Aus, was mich fast so sehr schockiert wie der Umstand, dass ein deutlicher Großteil aller Texte in der „Closer“ mit drei Punkten („…“) endet. Seite 49 berichtet über die Tochter von Ophylia Adé, die kleine Angela Merkel, und wenn ich Redakteur der „Closer“ wäre, hätte ich die Steilvorlage „Angela Merkel Adé“ ja treffsicher verwandelt, aber ich habe wohl doch noch zu viel Anstand für solche Schundliteratur.

„Qualitätsjournalismus“ hat seinen Preis (1,90 Euro) …

In den NachrichtenSonstiges
Mondkalb des Tages: Martin Holland (heise online)

Ich erfuhr jüngst davon, dass es einen „Vertrauensverlust“ in die so genannten „Qualitätsmedien“ gebe. Da gucke ich doch erst mal in meine Leseliste; es kann doch nicht sein, dass man Verlagserzeugnissen nicht mehr trauen kann! – Oh, ein von einem Herrn Martin Holland verfasster Astronomieartikel auf „heise online“, und ich erstarre in Panik:

Das Universum gibt heute nur noch halb so viel Energie ab wie vor zwei Milliarden Jahren.

Das Universum behält heute mehr Energie für sich! Wir werden sterben! Also zumindest irgendwann, spätestens aber in vielen Jahren:

Mit insgesamt sieben Teleskopen – vier der leistungsstärksten der Welt und drei Weltraumsonden – haben die Astronomen aus aller Welt mehr als 200.000 Galaxien untersucht. Genauer als zuvor und in insgesamt 21 Wellenlängenbereichen haben sie dabei vermessen, wieviel Energie dort erzeugt wird. Zwar sei bereits seit den 1990er-Jahren bekannt, dass diese Energiemenge immer weiter nachlässt. (…) „Das Universum hat es sich im Prinzip schon auf dem Sofa gemütlich gemacht, eine Decke übergezogen und ist dabei für immer und ewig einzunicken“. Das werde aber noch lange dauern, beruhigt mit Aaron Robotham einer der beteiligten Forscher in einem Artikel auf The Conversation. In einigen Billionen Jahren würden wir von der Erde nur noch die Milchstraße sehen, weil alle anderen Galaxien zu weit weg sind und in einigen Hundert Billionen Jahren werden dann nirgendwo mehr Sterne entstehen.

Gucken wir doch mal in den Artikel:

GAMA has been able to measure this huge span of radiation over the past 5 billion years for almost 200,000 galaxies, categorically establishing that the energy output of stars in the universe is winding down.

Ach so, das Universum gibt gar keine Energie ab (an wen oder was denn auch?), sondern die kosmische Strahlung lässt nach. Egal – Strahlung im Universum, Energieabgabe, ist alles nicht sichtbar, ist also irgendwie das Gleiche. Wo kommt diese Energie eigentlich her? Nun:

Die meiste Energie im Universum sei direkt nach dem Urknall entstanden, fasst Forschungsleiter Simon Driver die Grundsätze zusammen. Aber seitdem werde immer weiter zusätzliche Energie geschaffen, wenn in Sterne Wasserstoff und Helium fusionieren.

Wieder was gelernt: Eine Kernfusion, durch die vorhandene Energie in andere Energie umgewandelt wird (in der Regel mit Energieverlust im Kern), erzeugt Energie aus dem Nichts. Einstein hatte Unrecht und erst Martin Holland hat das bemerkt – oder ist das doch nur eine Übersetzungsfehlleistung? Nein, auch in der Pressemeldung steht, es werde Energie erzeugt; allerdings aus der Masse der Sterne, nicht etwa aus dem Nichts. Sterne leuchten, indem sie ihre Masse sozusagen verheizen, und die so umgewandelte (nicht etwa „erzeugte“) Energie könnte sich irgendwann wieder zu neuer Masse zusammenfinden.

Es ist übrigens zwar eine bedrückende Vorstellung, dass in einigen hundert Billionen Jahren keine Sternschnuppen mehr von der Erde aus sichtbar sein werden; allerdings wird es in spätestens siebeneinhalb Milliarden Jahren für eine ziemlich lange Zeit auch niemanden mehr geben, der überhaupt noch etwas von der Erde aus sehen könnte.

Aber wen interessieren in der Astronomie schon solche unwesentlichen Kinkerlitzchen?


Sehr lesenswerter Rant übrigens: Friss deine Medizin, Post!

In den NachrichtenSonstiges
In aller Kürze: Bahnbrechende Verluste

Im Mai schrieb ich implizit, die Gewerkschaft der Lokführer verfüge über zu viel Geld. Heute wurde bekannt, wo dieses Geld eigentlich herkommt:

Der Gewinn der Deutschen Bahn ist im ersten Halbjahr um 18 Prozent eingebrochen. Allein den Schaden der Lokführerstreiks beziffert der Konzern auf 500 Millionen Euro.

Oha, das klingt nach einer Menge Geld. Und tatsächlich:

Die Deutsche Bahn hat im ersten Halbjahr 2015 fast ein Fünftel weniger verdient als im Vorjahreszeitraum. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen lag nach Konzernangaben bei 890 Millionen Euro. Das sind gut 18 Prozent weniger als in den ersten sechs Monaten 2014.

Der Umsatz stieg leicht auf rund 20 Milliarden Euro.

(Hervorhebungen von mir.)

Das riecht nach Personalkürzungen, um den unaufhaltsam scheinenden Sturz aufzuhalten. Und tatsächlich – der Bahnchef will durchgreifen:

Grube hatte dem Aufsichtsrat am Montag einen Sechs-Punkte-Plan zum Umbau des Konzerns vorgelegt, um auf die Schwierigkeiten in mehreren Geschäftsfeldern zu reagieren. Dazu gehört, dass die Zahl der Vorstandsmitglieder von acht auf sechs verringert wird.

Rüdiger Grube, dieser Sparfuchs, zählt bekanntlich zu den Bescheidenen seiner Zunft; sein Gehalt sank 2013 laut „Süddeutscher Zeitung“ von 2,66 Millionen Euro im Jahr 2012 auf 1,66 Millionen Euro, und es wurde seitdem nicht besser: 2014 wurde die Erfolgsprämie um etwa 174 Prozent erhöht, dieses Jahr sieht es mit der Erfolgsprämie düster aus.

Vielleicht sollten wir Spenden sammeln.

ComputerSonstiges
Aufgedeckt!

Fefe fragt:

Was ist denn bitte ein nicht-investigativer Journalist?

Ein Gang zum Zeitschriftenregal könnte ihm eine ungefähre Ahnung vermitteln.

Investigativ

:nein:

In den NachrichtenMir wird geschlechtSonstiges
Medienkritik extra: Altherrenwitze

Dass „alte, weiße, heterosexuelle Männer“ an allem schuld seien und aufgrund ihrer Heterosexualität, statistisch gesehen, leider auch irgendwann mal nullkommanochwas Feministinnen gezeugt haben, ist längst nicht mehr als ein müder Treppenwitz derer, die der Ansicht sind, ihr von Grund auf falscher Charakter sei nur deshalb nicht dazu befähigt, ihnen den Weg in höchste Gnaden zu bahnen, weil sich ihnen das Patriarchat in den Weg gestellt habe, und nicht etwa deshalb, weil sie außer Spracheverhunzen und Quotenfrausein nichts an Eignung vorzuweisen haben.

Etwas seltener ist dies:

Das Problem von „TV total“ ist nicht mal mehr der niveaulose Witz. (…) Die Show wirkt wie von alten Männern gemacht, hergestellt mit dem Humor-Werkzeug der Neunzigerjahre.

Alte Männer, so heißt’s dort, seien somit als Urheber von Unterhaltungsmedien nicht geeignet. Jung ist gut, frisch und im Bestfall auch nicht männlich, lese ich daraus, habe schlimme „junge Komikerinnen“ wie Carolin Kebekus, Cindy aus Marzahn sowie Martina Hill in ihrer einzigen unerträglichen Rolle als „Tina Hausten“ viel zu gut im Gedächtnis und rolle ein wenig theatralisch mit den Augen. Der Jüngste war Heinz Erhardt auch nicht mehr, als er gegen Ende seines Lebens immer noch Menschen amüsierte, und wie auch der Dichter Robert Gernhardt und der, nun, Fernsehkritiker Loriot, allesamt alte Männer, hätte er „TV Total“ vermutlich schon damals für viel zu albern gehalten.

Warum das jetzt, drei Monate nach der Veröffentlichung des beschämenden Artikels auf „SPIEGEL ONLINE“, noch von Belang ist? Stefan Raab höre auf, verkündeten die Medien, und nur wenige Stunden zuvor war gerade erst die erste Trauer über den Tod des Literaten Harry Rowohlt verklungen, der erst mit 70 Jahren seinen subtilen, bisweilen auch brachialen Witz nicht mehr zu haben imstande war. Was auf „TV Total“ folgt und auf „SPIEGEL ONLINE“ als geeigneter Ersatz beschrieben wird, nennt sich „Circus HalliGalli“ oder „Neo Magazin Royale“ und wirkt wie die Harald-Schmidt-Show (ihrerseits wenig mehr als eine Kopie dessen, was Jay Leno perfektionierte) ohne Harald Schmidt, dafür mit drei Oliver Pochers, die gleichzeitig versuchen, völlig unterschiedliche Witze falsch zu erzählen. Es mutet andererseits tragisch an, dass man Raab und Pocher hinsichtlich ihres Unterhaltungswerts kaum voneinander unterscheiden kann.

Stefan Raab, diese wahrhaftige Inkarnation Troy McClures, ist ein Anachronismus aus einer Zeit, in der man mit personality shows – auch Thomas Gottschalk ist ja mit mehreren Versuchen dazu gescheitert – noch prima Sendezeit füllen konnte. Das indes hatte er mit Harry Rowohlt gemein: Sie sind aus der richtigen Zeit in eine andere gefallen, in der Beschleunigung die Maxime bildet. Zumindest für Rowohlt blieb nur mehr eine Nische, die er allerdings besser zu füllen vermochte als sie ihm Platz bot; er war die Nische.

Stefan Raab hinterlässt im deutschen Fernsehen nichts als ein paar Stunden vakante Sendezeit. Wenn ihm das als Vermächtnis genügt, ist das valide. Harry Rowohlt, der das Fernsehen allenfalls in der „Lindenstraße“ beeinflusste, hinterlässt hingegen etwas, was von Jan Böhmermann oder, herrje!, Günther Jauch wohl nur schwer korrigiert werden könnte.

Schade drum.

Sonstiges
Medienkritik XCII: „JOY“ und „Jolie“ im Männercheck

Ein neuer Monat, ein paar neue Frauenzeitschriften. Grellbunt wetteifern im Zeitschriftenregal, wie so oft, turnusmäßig auch „JOY“ und „Jolie“, beide häufige Gäste in dieser Rubrik, um die Gunst der Käuferinnen. Ach, was soll’s Gegender? Natürlich auch der Käufer, steht doch immer auch vieles darin, was auch dem Manne gefällt.

Vieles? Man wird sehen.

1. „JOY“

joy juni 2015

In knalligen Farben legt die „JOY“ vor: Das Extraheft „107 Beauty-Tipps“, das wohl zur titelbildlich kolportierten Mission, aus jeder Leserin eine beknackt aussehende Frau mit schlechter Haut und kaputten Haaren zu machen, beitragen soll, mag neckisch sein, allerdings begeht Chefredakteurin Ann Thorer bereits im editorial einen Fauxpas, indem sie die „liebe Leserin“ anspricht. Als wären wir Männer nicht an Mode („die 70 coolsten Kleider des Jahres“), Sport („Yoga, Radfahren, Joggen & Co.“, wer immer die Kompagnons sein mögen) und unserem Aussehen („stylische 3-Minuten-Frisuren“, so was trage ich ja gratis, sowie „Make-up ohne Pannen“) interessiert!

Aber darum soll’s nicht gehen; vielmehr – passend zum auf Seite 17 abgedruckten „klugen Satz des Monats“ von Shailene Woodley, der „Keiner entwickelt sich weiter, wenn er sich an dem misst, was es schon gibt.“ lautet – empfiehlt die „JOY“ aus einer Auswahl der Dinge, die es schon gibt, „22 kleine Verführungstricks, die jeden Mann verrückt nach Ihnen machen“. Man möchte ja als Mann schon gern wissen, wieso man so verrückt ist. Dazu zählt offenbar:

Ach Mist, zu viel Bodylotion erwischt! „Süßer, kann ich dir was abgeben?“ Hui, das flutscht aber…

Hui. – Oder:

Ein Klassiker: Schlüpfen Sie beim Abendessen aus einem Ihrer Schuhe und führen Sie Ihren Fuß vorsichtig in Richtung seines besten Stücks. Hi, Kleiner…

„Kleiner“. Ich bin schon ganz rollig. Aber da geht noch mehr:

Guten Morgen! Versüßen Sie ihm das Aufwachen, indem Sie Ihre nackten Brüste mit kreisenden Bewegungen an seinem Rücken reiben. Das sorgt für eine extraschnelle Auf-STEH-Phase (hihihi).

(Zitat unverfälscht abgetippt; resp.: sic!)

Vollends zum Orgasmus aber treibt mein Zwerchfell Tipp 19:

Geben Sie ihm einen Grapefruit-Blowjob. Dafür die Enden der Frucht abschneiden und in der Mitte ein Loch in der Größe des Penis-Durchmessers bohren. Wenn sein bestes Stück so weit ist, drüberstülpen und auf und ab bewegen …

Die meinen das ernst.

Tipp 22 („greifen Sie ihm ohne Vorwarnung in den Schritt“) fragt abschließend:

Männer sind in Sachen Sex einfach gestrickt. (Ach so! A.d.V.) Warum nicht auch mal Sie?

Beim Sex so einfach gestrickt zu sein, dass man sich für die erfolgreiche Verführung eines einfach gestrickten Mannes – die typische Leserin legt auf einen Mann mit Stil offensichtlich keinen Wert – Obstbegattungstricks aus einem Quietschbuntmagazin anlesen muss, gehörte bislang allerdings auch nicht zu den Dingen, um die ich Frauen beneidet habe.

Vielleicht ist die Konkurrenz ja schlauer.

2. „Jolie“

jolie juni 2015

Die „Jolie“ hält dagegen: Zwar gibt es hier statt 107 nur „55 coole Beautytricks“, dafür aber auch „36x Traumbody“ („Die schönsten Bikinis für jeden Figurtyp“, ich bin dann mal einkaufen) und „15 Tipps, die sofort glücklich machen“ („Das Instant-Rezept für gute Laune“), darunter „Traurige Musik hören“ („What?“, ebd.), „Den Müller machen“ („Jubeln wie der Bayern-Star“) und „Das Bett machen“. Schade, dass es nur für 15 gereicht hat – so war für die unerlässlichen weiteren Tipps „Den Rasen mähen“, „Einkaufen“ und „Zahnarzttermine vereinbaren“ leider kein Platz mehr. Aber ich helfe doch gern!

Dafür hilft mir im Gegenzug die „Jolie“ wie auch die „JOY“ dabei, zu verstehen, wie ich für alle Beteiligten (noch) besseren Sex haben kann: „Setzen, Sex!“ („Sexschule für Männer“) lautet die Überschrift; vermutlich sollten die Männer zumindest froh sein, dass die Zeit der Züchtigung durch den Rohrstock bereits lange genug zurückliegt. Die sechs „Lektionen“ (sowie der unvermeidliche „Exkurs: G-Punkt“, wobei Letzterer, ich zitiere, „sozusagen im ersten Stock“ liege) sind wie eine typische Schullaufbahn aus der Sicht von jemandem, der nie eine Schule besucht hat, strukturiert:

Einführungsveranstaltung: Verführung

(…) Um eure Hand auf unserem Po platzieren zu dürfen, reicht es (…) nicht, dass wir uns angeschickert eine Portion Pommes Schranke geteilt haben. (…) Ihr sagt schmunzelnd „Selbst Ketchup steht dir“ und schaut schief grinsend ein bisschen zu lang auf unseren Mund? Hot!

Während die „JOY“-Zielgruppe sich also aus blöden Frauen mit wenig stilvollen Männern zusammensetzt, geht man bei „Jolie“ von Frauen ohne Tischmanieren und Männern ohne Subtilität aus. Schön, dass Kavalierstum auch 2015 noch zur Besonderheit genügt.

Pflichtpraktikum: Knutschen

(…) Man kann es sich vorstellen, wie wenn zwei Katzen aufeinandertreffen, sich erst mal vorsichtig beschnuppern, umkreisen und sich dann aneinanderschmiegen und -werfen. (…) Probieren Sie mal Folgendes aus: „Einmal mit der Zunge über die Lippen der Freundin fahren, dann erst mal aufhören, die Berührung nachwirken lassen. Wenn sie mehr will, sich langsam steigern, in kleinen Bewegungen rantasten.“

Wenn mehrere Katzen aufeinandertreffen, ist das selten vorsichtiges Beschnuppern, so weit ich das bisher miterlebt habe; und man schelte mich einen Narren, wenn ich irre, aber die Vermutung liegt nahe, dass eine Frau, der man über den Mund leckt, wenn sie knutschen will, das nur wenig betörend findet. Sei’s drum, Theoriefindung ist angesichts der dürftigen Quellenlage vielleicht auch unangemessen.

Fortbildung: Fummeln

Schon klar: Ihr habt selbst keine Brüste, deswegen stimmen euch unsere naturgemäß sehr aufgeregt. Das ist auch gut so – zumindest so lange, bis ihr sie komisch mit dem Finger pikt und dabei am besten auch noch „Möp-möp“ oder „Ding-dong“ sagt.

Manno! :lachtot:

Prüfungsphase: Sex

(…) Während [die Erregungskurve] bei euch meist von null auf geil verläuft, brauchen wir eine gewisse Aufwärmphase. Statistisch gesehen liegt die bei 20 Minuten.

Nützliches Sexutensil Nr. 1: eine Eieruhr.

„Achten Sie auf Ihre Körpersprache“, rät [Sex-Coach] Vanessa del Rae. (…) Ihr Tipp: die taoistische Rhythmustheorie. Neunmal kurz eindringen, einmal tief, dann achtmal kurz, zweimal tief, siebenmal kurz, dreimal tief, und wenn man bei eins angekommen ist, das Ganze rückwärts. „Das ist zielführender als ein Rein-raus-Einerlei. (…) Auch Kreisen kommt immer gut!“

Nützliches Sexutensil Nr. 2: ein Rosenkranz.

Zusatzausbildung: Cunnilingus

(…) Vanessa del Rae rät (…) zum „Adlersuchsystem“, also kreisen, aber nicht direkt landen.

Mit Kreisen hat die Frau es offenbar. Das Adlersuchsystem kenne ich allerdings von Computernutzern, es zeichnet sich dadurch aus, dass es quälend lange dauert und man bei konsequenter Nutzung auch langfristig keine qualitativen Fortschritte machen wird.

Abschlusspräsentation: Orgasmus

(…) Und wenn’s bei uns mal nicht klappt? Nicht so wild, so lange ihr euch danach nicht grunzend auf die Seite rollt. Lieber eine Ehrenrunde drehen! (…) Die Erektion schwillt ja erst langsam ab …

„Nicht so wild, aber ändern müsst ihr’s schon“. Grunz.

3. Fazit

Die „Jolie“ erweist sich zwar als das Magazin, das zumindest in der Theorie Klügeres zu lehren beabsichtigt, allerdings scheint man dort – anders als bei der „JOY“ – seine eigenen Tipps nicht selbst auszuprobieren. Der Sieger? Unentschieden. Sicher ist nur: Bereits am 5. Juni dieses Jahres erscheint von beiden Zeitschriften die Juli-Ausgabe. Das ist nichts für Männer. Wir mögen es logisch.

Habe ich jedenfalls irgendwo gelesen.

In den NachrichtenMir wird geschlechtSonstiges
[TW: GNTM]

Bislang war ich der Ansicht, die grauenhafte Fernsehsendung „Germany’s Next Topmodel“, in der entgegen ihrem Namen allerlei eher mittelmäßig aussehende junge Frauen ohne Scham- oder Selbstwertgefühl darum wetteifern, sich für die maximale Dauer einer Staffel nach Kräften blamieren zu dürfen, beleidige lediglich die Intelligenz der Zuschauer, Verwandten und Teilnehmerinnen. Offensichtlich ist mir da ein wichtiger Aspekt entgangen, wie mir die Folgen der gestrigen Bombendrohung – als wäre die nicht schon bescheuert genug – aufgezeigt haben:

Die Jury – samt Thomas Hayo und Wolfgang Joop – soll an einem geheimen Ort untergebracht worden sein. (…) Zunächst sei auch ihnen von einer „technischen Störung“ berichtet worden, erst etwa 20 Minuten nach dem Abbruch sei mit der Evakuierung der Halle begonnen worden, sagt der Insider unter Berufung auf einen Publikumsgast. (…) „Wenn die 10.000 Menschen verrecken, ist es nicht so schlimm, wie wenn die Promis (sic! A.d.V.) verrecken“, sagte demnach eine 23-Jährige aus Ludwigshafen.

Zumindest kann man den Machern der Sendung nicht vorwerfen, ihren Zuschauern vorzuspielen, sie seien ihnen wichtig und kein austauschbares Element im Konzept, weil’s ja eben schon egal ist, wie die Kinder heißen, die ihr Taschengeld für den Unsinn verplempern.

Apropos verplempern: Hat Hans-Peter Uhl eigentlich schon die Vorratsdatenspeicherung gefordert?


Triggerwarnung des Tages: Lateinische Klassiker.

In den NachrichtenSonstiges
Medienkritik in Kürze: Deutsche Überleichen

In Frankreich ist ein Flugzeug abgestürzt; aber keine Sorge, die Hinterbliebenen werden nicht im Stich gelassen: Die betroffenen Unternehmen setzten die Titelbilder ihrer Twitter- und Facebook-Accounts auf schwarzweiß. Betroffenheit stilvoll zu zelebrieren ist eine Kernkompetenz des modernen Deutschen, so lange es seinesgleichen (Nichtmuslime meist, bei Katastrophen wenigstens Deutsche) trifft: „Keine Überlebenden, viele deutsche Opfer“ beklagt SPIEGEL ONLINE, auch ZEIT.de betrauert „viele Deutsche“. Ausländische Medien wie 20min.ch scheren sich derzeit nicht um die Nationalität der Passagiere, wie’s auch SPIEGEL ONLINE nicht interessiert, woher Passagiere stammen, wenn sie nicht aus Deutschland kommen: An Bord des Airbus befinden sich 162 Menschen, na bitte, das ist journalistische Berichterstattung ohne Betroffenheitsgesülze (sieht man einmal von dem Breitbildaufmacher mit der weinenden Frau ab), aber das verkauft sich schlecht und hat wohl auch nicht so viele Leute interessiert.

Ein ausländisches Flugzeug stürzt im Ausland ab und kein einziger Deutscher kommt zu Schaden? Wie schade; denn dann muss Mitmensch „Journalist“ ja das eigentliche Geschehen (Flugzeugabsturz, materieller und menschlicher Schaden) zur Meldung machen. Ein beruflicher Glücksfall aber für jeden dieser Seelenverkäufer, wenn ein deutsches Flugzeug mit deutschen Passagieren in eine deutsche Wohnsiedlung fiele!

Ich befürchte, ich habe die Aufgabe eines Journalisten bisher völlig falsch verstanden.

Nachtrag vom 28. März 2015: Wer es lesen will, erfährt also, was das Pilotenschwein geträumt hat, warum der schon immer eine Sau war und man nur den gesunden Volkskörper hätte fragen müssen, wie man solche ausmerzt.


Schlechte Nachrichten: Jugendliche kommen vor lauter Internet gar nicht mehr zum Drogennehmen. Wie soll aus denen nur was werden?

Sonstiges
Ferkeleien

Glückliche Skurrile Umstände ließen mich der aktuellen Ausgabe des Magazins „Heavy Rubber“, offensichtlich ein Fachorgan für Freunde der völligen Gummiummantelung sexuell interessanter Menschen, habhaft werden. Offensichtlich handelt es sich bei „Heavy Rubber“ nicht um einen einfachen Latexfetisch, vielmehr um eine Vorliebe dafür, den Sexpartner nur noch erahnen zu können. Unter dem Stichwort „Heavy Rubber“ findet man im Internet jedenfalls Gasmasken und dergleichen. Anscheinend gibt es einen fluiden Markt für derlei Entspannungsgerät. Fragt ihr euch nicht auch manchmal, was eure Nachbarn nachts so treiben?

In dieser Ausgabe kommt neben manch anderer Fetischikone auch „Saeborg“, eine Latexkünstlerin, die nach eigener Aussage momentan an einer Schlangenfigur arbeitet, zu Wort. In ganzer sexueller Pracht erstrahlt Frau „Saeborg“ übrigens auf diesem Bild:

Saeborg Playmobil

In der „Heavy Rubber“ abgedruckt ist sie allerdings wie folgt:

Saeborg Schwein

Es handelt sich um eine glänzende Doppelseite. Interessenten erhalten gern eine laminierte Farbkopie.

So haben sich die Achtundsechziger das mit der „freien Liebe“ wahrscheinlich nicht vorgestellt; aber auch Bauern brauchen Wärme. – Ich lasse mich nicht gern für einen verklemmten Konservativen halten, schon gar nicht sexuell, weshalb ich mich mit der Bewertung an dieser Stelle vielleicht doch lieber zurückhalte. Zumindest wäre es wohl unangemessen, von dieser einen Künstlerin auf alle Menschen zu schließen, die sich für „Heavy Rubber“ interessieren. In der „Heavy Rubber“ kommen immerhin auch normale Menschen zu Wort, zum Beispiel Lara Aimée, ihres Zeichens niederländisches Modemodel, das von seiner Leidenschaft wie folgt schwärmt:

Meine Liebe zu Gummi reicht von einfachen, leicht anzuziehenden Sachen bis hin zu komplexen Outfits mit vielen Schichten. (…) Die (mit Masken usw., A.d.V.) verbundene Anonymität macht es mir leichter, aus der Komfortzone herauszukommen. Niemand sieht mich oder meine Gefühle; ich kann machen, was ich will. (…) Die Scheinwerfer und der Applaus geben mir einen großen Kick, während ich den Laufsteg herunterstolziere, (sic) in den schönsten Kreationen der besten Designer.

In den schönsten Kreationen.

Der besten Designer.

Lara Aimée

Wieher.

(irre kichernd ab)