[TW: Fassungs- und Verständnislosigkeit, Rationalität, Polemik.]
Ich begebe mich gelegentlich auf feministisches Terrain, weil zu den Feministen auch einige kluge Köpfe zählen, die sich durch eine hervorragende Weltsicht und ihre Offenheit in sachbezogenen Diskussionen wohltuend von den anderen Feministen abheben. Manchmal lese ich auf diesem Terrain Tweets, in denen “TW” vorkommt. Das hat mich zunächst ein wenig irritiert, denn einen Themenwechsel gibt es auf Twitter normalerweise eher selten (schon deshalb, weil es selten um Themen geht). Ich habe das mal nachgeschlagen.
Laut Blog der “Mädchenmannschaft” (Vorsicht: Blog der “Mädchenmannschaft”) steht das “TW” für eine “Triggerwarnung”, also eine Warnung davor, dass verlinkte Texte womöglich früher erlittene Pein wieder ins Gedächtnis rufen könnten.
Stellt euch zum Beispiel vor, ihr geht mit ’nem schönen Krimi aufs Klo und denkt an nichts Böses.
Und dann blättert ihr die Seite um und da erwischt es euch plötzlich eiskalt; irgendein Trigger, der euch sofort wieder ins Hier und Jetzt zurückholt. Vorbei ist es mit der Entspannung, vorbei mit der Auszeit, und euch beschleicht einmal mehr das Gefühl: Rape Culture (Vergewaltigungskultur) ist überall.
Ich finde ja auch, Krimis sollte man verbieten und durch irgendwas Harmloses (mit Luftballons) ersetzen. Sie sind voller unnötiger Gewaltdarstellungen!
Man verstehe mich nicht falsch: Dass Vergewaltigungsopfer ungern detaillierte Beschreibungen von Vergewaltigungen lesen, ist mir durchaus nicht unbekannt. Dieser gut gemeinte Ansatz lässt sich allerdings offenkundig hervorragend übertreiben, und der “Mädchenmannschaft” fiel bei ihrer vorangestellten “Triggerwarnung: Beschreibung von Triggern” wohl nicht auf, wo das Problem liegen könnte. Der real existierende Feminismus bringt Menschen hervor, die Texte über Vergewaltigung, Trigger, Essstörungen, Ablenkung und dergleichen schon beinahe reflexartig nur noch mit vorangestellter Warnung publizieren, vermutlich insgeheim bedauernd, dass das mit den Stoppschildern für’s Internet nicht geklappt hat, denn dann könnte man das Triggerproblem direkt an der Wurzel lösen. Überall nur noch böse Menschen. Schlimm, schlimm.
Auch vor wirklich schlimmen Dingen wie der Beschreibung von Fehlgeburten wird gewarnt:
Danke fürs Teilen! <3 (Achtung: Lebensrealität)
Da schreibt eine Frau einen (zweifelsfrei lesenswerten, aber auch recht detaillierten) Text über ihre Fehlgeburt und schreibt das sogar extra dran, um Sensibelchen, die mit zu detaillierter Darstellung von Fehlgeburten ein Toleranzproblem haben, davor zu bewahren, versehentlich etwas darüber zu lesen, und dann fällt jemandem auf, dass da noch eine ganz wichtige Warnung fehlt. “Achtung: Lebensrealität”. Kann Spuren von Realität enthalten. Der Umkehrschluss? Ausdrücklich nicht gewarnt werden muss vor flauschigen Katzen und Ponys. (Außer, wenn man als kleines Kind mal von einem Pony runtergefallen ist, dann ist “TW: Huftiere” natürlich Pflicht, wenn man nicht als respektloser Macker — oder wie auch immer gerade das aktuelle Flauschiwatti-Szeneschimpfwort für normale Leute lautet — erscheinen möchte.)
Sofern hier jemand mitliest, der sich auskennt: Hä?
Auch ’n fieser Trigger natürlich: Unerwünschte Nacktheit.


Senfecke:
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