Die außerhalb von Militär, Aktivismus und Sport seit jeher populäre These, die Jugend sei von Grund auf verdorben, zieht immer noch weite Kreise.
Ich kann ja verstehen, dass man als pars pro toto gern diejenigen als Beispiel heranzieht, die aus der Menge herausstechen. Recht häufig werde ich etwa Ohrenzeuge von Gesprächen zwischen Jugendlichen, die von jüngsten Geschehnissen berichten und jeder gleich wie öden Teilerzählung ein “vor allem, das Geilste war” voranstellen. Fällt diese Phrase, so kann man getrost davon ausgehen, dass irgendein lahmer Pups- oder vergleichbarer Witz folgt.
Letzte Woche stand ich an einer Bushaltestelle herum, an der Namen wie “Schweigerstraße” von ungelenker Hand mit “Till-Schweiger-Straße” überschrieben wurden, “Linden” etwa mit “Indien”. Um den Haltestellenpfosten mit diesen Aufschriften herum standen Leseanfänger, die (löblich!) versuchten, die Schrift zu identifizieren. Einer von ihnen stellte fest, dass das gar nicht die korrekten Namen waren, sondern dass da jemand was Falsches hingeschrieben hat. Nein, nicht jemand: “Das waren Juuuugendliche!” (Betonung nachempfunden). Warum nur Jugendliche schwarze Leuchtstifte sowie die bierselige Laune, “Linden” mit “Indien” zu überschreiben, besitzen sollten, ist mir schleierhaft. Auszuschließen ist zumindest, dass es eventuell nicht allzu außergewöhnliche Frauen in ihren Zwanzigern waren, denn die wissen normaler- wie überflüssigerweise, wie man Til Schweiger richtig schreibt.
Ein anderes Beispiel: In einer hier nicht weiter bedeutsamen Kleinstadt werden gelegentlich wiederum die Glaswände einer bestimmten Bushaltestelle zerstört und/oder beschmiert. Die Stadtpfleger hatten das irgendwann dermaßen satt, dass sie einen offenen Brief aushängten, in dem sinngemäß etwa stand, dass die lieben Jugendlichen doch bitte damit aufhören sollten. Nur Jugendliche kämen auf die Idee, Glasscheiben zu zerstören!!1 Kindliche Mutproben, alkoholinduziertes Fehlverhalten vermeintlich Erwachsener? Gibt es nicht, darf es nicht geben. Das wäre doch schade um die Stereotypisierung. (Merkwürdig, dass trotzdem noch so viele von der ewigen Jugend träumen. Das Finanzamt fände das auch nicht gut.)
Nicht, dass ich ein nennenswertes Problem damit hätte, dass mir ältere Menschen immer noch mit erschrockenem Blick ausweichen, wenn ich ihnen in der Stadt entgegenkomme; nicht, dass ich ein nennenswertes Problem damit hätte, dass ich im öffentlichen Personennahverkehr meist Platz habe, um mich auszubreiten, weil ältere Mitreisende einen großen Bogen um mich machen und ihren Ehepartnern, die sie fragend ansehen, leise erklären, dass dort schon ein junger Mann sitze und man deswegen also nicht den freien Platz neben ihm einnehmen könne. Im Gegenteil, ich begrüße dies, denn es kommt meiner Freude an ausreichend Beinfreiheit oft sehr entgegen. Ebenso stört es mich nicht im Geringsten, für einen Jugendlichen gehalten zu werden. Was mich aber stört, sind Pauschalisierungen auf meine Kosten, obwohl ich diese Kosten liebend gern zahle.
Dass die Protagonisten in Werbekampagnen gegen Alkoholismus meist jugendlich sind, ist sicher auch nur Zufall.
Ich war nie so.

Du junger Typ.