Persönliches
Kinder statt Jugend? (Ein Nachtrag.)

Let­zte Woche mut­maßte ich, es gebe ein Feind­bild Jugend. So weit, so begrün­det. Heute nun schrieb Nutzerin “07elfe” fol­gen­den Tweet:

Solange ich nicht Mut­ter bin, darf ich selb­st das Kind bleiben, so seh ich das.

Während mir nicht ganz klar ist, wie viel Humor in diesem Tweet steckt, lässt er mich doch nach­den­klich wer­den. Ist das Selb­st­bild wer­den­der Eltern tat­säch­lich, dass die Zeit für Jux nun vorüber ist? Wie trost­los muss es sein, nicht mehr Kind sein zu dür­fen, weil man voll aufge­ht in der Rolle des Vor­bilds! Natür­lich ist es für die Entwick­lung eines Kindes als nicht kom­pat­i­bel mit gesellschaftlichen Nor­men anzuse­hen, wenn die Eltern bedröh­nt durch den Tag wan­deln und gele­gentlich fluchen und/oder unschöne Dinge tun, zum Beispiel alte Men­schen schub­sen oder BILD “lesen”.

Aber warum sollte man den Nor­men stets entsprechen?

Das staatliche Ide­al­bild eines Men­schen ist der Jasager, der sein spießiges kleines Leben unter dem Damok­less­chw­ert der Nor­men ver­bringt. Wer sich daneben­ben­immt, bege­ht damit sozialen Selb­st­mord oder beg­ibt sich zumin­d­est frei­willig in die Quar­an­täne. In diesen Trott gilt es nicht zu ver­fall­en. Warum sich selb­st den Spaß nehmen lassen?

So ungern ich das auch an dieser Stelle zugebe, aber die Serie “Gilmore Girls” habe ich kurzzeit­ig ver­fol­gt. Eine allein­erziehende Mut­ter in ein­er sit­com führt zwar wahrschein­lich ein meist etwas anderes Leben als die deutsche Haus­frau mit vorüberge­hend voll­ständi­ger Fam­i­lie, aber es gilt zu erken­nen, wo die Über­schnei­dun­gen liegen kön­nen. Wem ist geholfen, wenn der eigene Nach­wuchs seine Vor­fahren für lang­weilig, für wenig nachah­menswert hält? Let­z­tendlich möchte man in ein­er Phase seines Lebens oft anders sein als seine Eltern, denn die sind nor­maler­weise nicht cool. Warum nicht pos­i­tiv über­raschen?

Der Hedo­nis­mus ist wahrlich kein schlechter Rat­ge­ber, wenn die Lebens­führung selb­st einen Führer braucht. Das Leben ist zu kurz für Kom­pro­misse mit sich selb­st. Wenn man anders sein, seine Kinder bess­er erziehen will als man es selb­st in der Kind­heit erfahren hat, warum dann nicht mit Kon­se­quenz? — Tat­säch­lich sollte man stets ein Kind bleiben, um seine eige­nen Kinder zu ver­ste­hen. Nur wenig ver­führt mehr zu Mis­se­tat­en als der Reiz des Ver­bote­nen und das Bewusst­sein, dass das, was man tut, die Eltern ziem­lich verärg­ern würde, wären sie dabei.

So ist auch erk­lärt, warum die Jugendlichen, die lieben Jugendlichen, aus erwäh­n­tem Vor­beitrag stets die Bösewichte sind, deren Treiben es Ein­halt zu gebi­eten gilt. Natür­lich näm­lich waren die Erwach­se­nen, die Spießer unter dem Schw­ert, niemals jung, hat­ten niemals Spaß. Spaß war damals unter Strafe ver­boten. Beat­musik wurde natür­lich nicht gehört, die Röcke blieben immer unten, die Schuhe an den Füßen, und an Dro­gen war damals nicht zu denken; der anständi­ge Jugendliche von früher trank natür­lich nur Kräuter­tee und hat­te Spaß mit Büch­ern und Wan­dern. In wessen Dro­gen­hal­luz­i­na­tion diese Wirk­lichkeit sich einst befand, ist mir jedoch nicht bekan­nt.

Wer ein Vor­bild für ein Kind sein will, muss zunächst ein­mal in der Lage sein, selb­st Kind zu sein; wer will schon ein Kind haben, das sich ben­immt wie seine Erzieher?

Wenn es oben­drein wohler­zo­gen ist und im Bus und in der Bahn auch mal die Klappe hält, fände ich das ziem­lich spitze. Es wäre mir eine große Freude, hier­für den Aus­lös­er geliefert zu haben. Die Bla­gen gehen mir näm­lich wirk­lich enorm auf die Ner­ven.