Die US-amerikanischen Postrocker Caspian hatte ich kurzzeitig vergessen. Als im letzten Jahr Peter, eigentlich über das zuletzt veröffentlichte Caspian-Album “Waking Season” berichtend, allgemein über die Eintönigkeit der aktuellen Postrocklandschaft referierte, ließ ich mich nur zu einem kurzen Kommentar hinreißen, in dem ich ihm grundsätzlich Recht gab. Ja, natürlich ist das, was gemeinhin unter dem allzu unklar definierten Begriff “Postrock” eingeordnet wird, fast immer (die von mir hoch geschätzten Dear John Letter etwa sind willkommene Ausnahmen) Gitarrengewitter und elegische Melodien und Laut-Leise-Wechsel und diese kurzen Ambient-Momente als Ruhe mitten im Sturm, und ja, natürlich klingt da einfach vieles gleich.
Auch Caspian.
Caspian ist ein Quintett aus Massachusetts, das auch auf seinem dritten Album nicht viel anders macht als auf den beiden Alben davor. Über 57 Minuten machen Caspian auf “Waking Season” nicht einfach Musik, sie fangen Emotionen ein und wandeln sie um in Bilder, wie es sich für eine gute Musikgruppe gehört. Die Stücke tragen Titel wie “Halls of the Summer”, “Long the Desert Mile” und “Fire Made Flesh”. Das ist kein fröhlicher Sommerpop, es ist der soundtrack zum ewigen Herbst. Gelegentlich, etwa in “Gone in Bloom and Bough” (10:24 Minuten lang), ertönt eine leise, aber gut vernehmbare Stimme, während die Instrumente — melodiöse Gitarren, darüber ein treibendes Schlagzeug — den grauen Himmel im Kopf blau bemalen.
Die ruhigen Momente sind es dann, die den blau bemalten Himmel wie mit einem Hammerschlag zusammenstürzen lassen. “Waking Season”, der pubertierend rebellierende kleine Bruder von Spirit of Eden? Möglicherweise. Postrock hat ja gelegentlich diese grundsätzlich durchaus positive Eigenschaft, die vorgeblich heile Gefühlswelt eines Menschen binnen Sekunden in heiße Lava zu tauchen oder eben unter eine erfrischende Dusche zu stellen. Das hier ist Lava, und wann sonst sollte man Lava hören wollen, wenn nicht am Valentinstag, an dem es vielen nur um Romantik und lav geht? Verbitterte Menschen können gern weiterhin affigen Mädchenpop mit dummen Texten (“Baby Baby Baby Baby Baby Baby” usw.) hören, bis er ihnen zu den Ohren heraustrieft. Ich höre Lava.
Diese Lava klingt natürlich wie Mogwai, wie Russian Circles und wie Mono (deren Produzent Matt Bayles auch hier seinen Teil beitrug), außerdem aber klingt sie unverwechselbar nach Caspian. Und Caspian klingt gut — den Stream gibt es zurzeit hier, Hörproben dort.
Sollte euch ein Banause einmal fragen, wofür man heutzutage noch Kopfhörer (und einen Plattenspieler) braucht, wenn man gute Lautsprecher besitzt, gebt ihm “Spirit of Eden”. Oder dieses Album.
Denn es ist wirklich ziemlich gut.


Welker Klangsalat. Nach der dritten Hörprobe und dem ersten Stream habe ich aufgehört.
Banause.