“Die Autoren haben keine Zeit mit Recherchen verplempert”, so steht’s wörtlich in der Werbeanzeige für das Nonsensbuch “Die sexuellen Fantasien der Kohlmeisen” unter Anwendung ungewöhnlich weniger Anglizismen in der aktuellen Ausgabe des Fernreisendenmagazins “mobil”. Diese Formulierung ließ mich schaudern, und als ich in der schönen Stadt Halle in dem leider ganz und gar nicht schönen Bundesland Thüringen dann noch ein Werbeplakat sah, das (gleichfalls wörtlich) die Aufforderung beinhaltete: “Schock deine Eltern, lies ein Buch!”, ärgerte ich mich über zweierlei; zum Einen darüber, dass sich hier offenbar jemand, der meint, ein siebenteiliger Bildband mit den schönsten Eisenbahnstrecken der Welt genüge zum Literatentum, herablassend über Unbelesene äußert, selbst aber die feine Nuance zwischen schocken und schockieren nicht zu begreifen imstande ist und somit eigentlich mal tüchtig mitleidig belächelt gehört, zum Anderen darüber, dass ich mich nicht bereits beim Lesen oben erwähnten Magazins mit der flachen Hand an die Stirn geschlagen hatte, denn jetzt müsste ich es konsequent für beide Entdeckungen tun, und aus Rücksicht auf Hand und Stirn verzichtete ich somit auf beides.
Im Zeitschriftenregal erblickte ich nur wenig später zwei Magazine unterschiedlichster Couleur, derer beider Titelseiten dennoch verband, dass sie gleichermaßen Kritik (ob positiv, ob negativ, dies mag der geschätzte Leser selbst beurteilen) an Musikschaffenden übten. Es handelte sich um das Herrenmagazin Penthouse, das die von mir ebenfalls geschätzten Fantastischen Vier auf eben seiner Titelseite dergestalt zitierte, dass eines der Mitglieder dieser Combo zu Protokoll gab, ohne Kiffen gehe es — gemeint waren, so nehme ich als jemand, der nur ungern einen Blick ins Innere versnobter Tittenheftchen tut, die Aufnahmen für etwaige neue Studioalben, wobei deren aktuelles, verglichen mit den Vorgängern, ja auch eher so lala ist — im Studio nicht, was mir allein als hier zitierenswert genügt, sowie das weniger geschätzte Allerweltspopquatschblatt musikexpress, auf das ich hier jedoch ein wenig ausführlicher eingehen möchte, da sein Titelblatt allein Anlass zu stundenlangem Sinnieren gab. Es sieht, dies weiß man im Internet, so aus:
Zu sehen ist, wie man leicht erkennen kann, ein Kunststoffmannequin, herausgeputzt wie ein Hybrid aus der frühen Madonna, der mittleren Christina Aguilera und der schrecklichen Lady Gaga, beschriftet mit der leider nur rhetorischen Frage “Lohnt sich noch der Weg zum Popstar?”, die, wie für Quatschblätter wie den musikexpress üblich, ungeklärt lässt, ob (und warum) sich schon Popstar nennen darf, wenn man einmal ein Lied in eine dumm herumstehende Kamera gequäkt hat, ob (und warum) Pop damit seine klare Abgrenzung als Bezeichnung für ein konkretes Genre (genauer: eine Genreklassifizierung) verloren hat und wieso, zum Geier, ausgerechnet das Allerweltspopquatschblatt musikexpress jetzt seine eigene Berichterstattung nicht mehr allzu leger akzeptieren möchte, die (also die Frage) aber dann vom Artikel doch noch konterkariert wird. Nicht nämlich ist die Schmähung unkreativer Massenhupfdohlen wie besagter lady das Ziel des mir mit plumpen rhetorischen Tricks schmackhaft gemachten Artikels, sondern vielmehr das Gegenteil:
Erfolg in der Musik ist heute nicht mehr als die direkte Folge nüchterner Berechnung – nicht mehr als nötig, nur der finanzielle Gewinn zählt. Sie scheinen verschwunden, die wirklichen Stars, die Verrückten, Außenseiter, Aliens – die sich nicht an bestehende Regeln halten, sondern neue aufstellen. Doch nun macht sich eine junge Frau aus New York auf, den Gegenbeweis anzutreten. Sie ist verrückt, eine Außenseiterin, sie ist bunt, laut, wild. Sie ist ein Popstar, der größte unserer Zeit und ein Statement gegen die kalkulierte Langeweile der Musikindustrie: Lady Gaga.
Neue Regeln also, dies behauptet der musikexpress, stellt Lady Gaga auf. Welche Regeln mögen das sein? Unkonventionelles Auftreten etwa? Konventionen sind in der Musik bereits seit etwa Mitte der 60-er Jahre des vorigen Jahrhunderts keine Fixwerte mehr, dies kann’s also nicht sein. Vielleicht, dass man viel Geld verdienen kann, wenn man nur einfach sich mit viel Bedacht von der Kreativität der Künstler längst vergangener Epochen (lies hier: der 80-er Jahre) inspirieren lässt und die Quelle (lies hier: Gwen Stefani, Madonna) weise verschweigt? Auch das hat man selbst in der Computerbranche längst verinnerlicht, Apple ist auch bisher nicht durch Innovationen aufgefallen und darf sich trotzdem als ein an Finanzmitteln nicht armes Unternehmen betrachtet fühlen.
So sehr ich auch sinniere, es fällt mir partout nicht ein, welchen besonderen Aspekt an Lady Gaga, der nicht schon vor ihr längst etabliert war, die obendrein auch, anders als etwa Gwen Stefani und Madonna, einigermaßen beliebig und austauschbar klingende Verse erschallen lässt, der Zuständige des musikexpress’, der, das kann natürlich auch sein!, vielleicht auch einfach nur trotz besseren Wissens ein paar Kröten mit der Hochstilisierung abgedroschener Ikonen zu verdienen gedenkt, was immerhin auch die wie Karnickel aus dem Boden schießende bzw. wie Pilze sich vermehrende Vielzahl an “40-Jahre-Let-it-be”-Titelseiten inkl. der des aktuellen SPIEGELs erklären würde, denn nun genau meint, wenn er begeistert behauptet, Pop als Kultur der teuer verkauften Wiederholung sei zwar längst tot (für diese Theorie hätte ich dann übrigens auch gern mal ein derart anständiges Gehalt bekommen, aber als ich sie jüngst verbreitete, erntete ich zwar Verständnis, jedoch keinerlei darüber hinaus gehende Güter), Lady Gaga als schrecklich innovative, moderne Form des Pop jedoch geradezu eine Ausnahmeerscheinung. Ich werde mir wohl doch selbst ein Exemplar zulegen müssen. Schrecklich, schrecklich.
(Schrecklich übrigens auch: Vor einigen Tagen sandte mir der prepaid-Mobilfunkanbieter meiner Wahl eine Textnachricht, die da besagte, dass seine Kennung, die auf der Anzeigefläche entsprechend ausgestatteter Mobiltelefone zu erscheinen pflegt, binnen weniger Tage, sollte man das Kommunikationsgerät aus- und wieder einschalten, geändert würde. Da ich stets den Besitz von Ungewöhnlichem erstrebe, beschloss ich, die also durch Stromverlust induzierte Änderung so schnell wie möglich hinauszuzögern; und dann, um es einmal jovial auszudrücken, vergess ich Rindvieh das Ding unbestromt in meiner Hosentasche. Sei’s drum.)
Kaum bekannte Fakten: Weder in Lichtenfels noch in Ludwigsstadt gibt es ein Gleis 4 zwischen den Gleisen 3 und 5 und in Bad Harzburg steht eine Fußgängerampel blöd herum, die offenbar nur mit wenigen Ausnahmen grün zeigt und währenddessen ständig nervtötend tickt.



