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Medienkritik XXVIII: Ist das noch populär? (Werbung für Bahnfahrer, Musiktheorie für Unbedarfte)

“Die Autoren haben keine Zeit mit Recherchen ver­plem­pert”, so steht’s wörtlich in der Wer­beanzeige für das Non­sens­buch “Die sex­uellen Fan­tasien der Kohlmeisen” unter Anwen­dung ungewöhn­lich weniger Anglizis­men in der aktuellen Aus­gabe des Fer­n­reisenden­magazins “mobil”. Diese For­mulierung ließ mich schaud­ern, und als ich in der schö­nen Stadt Halle in dem lei­der ganz und gar nicht schö­nen Bun­des­land Thürin­gen dann noch ein Wer­be­plakat sah, das (gle­ich­falls wörtlich) die Auf­forderung bein­hal­tete: “Schock deine Eltern, lies ein Buch!”, ärg­erte ich mich über zweier­lei; zum Einen darüber, dass sich hier offen­bar jemand, der meint, ein sieben­teiliger Bild­band mit den schön­sten Eisen­bahn­streck­en der Welt genüge zum Lit­er­a­ten­tum, her­ablassend über Unbe­le­sene äußert, selb­st aber die feine Nuance zwis­chen schock­en und schock­ieren nicht zu begreifen imstande ist und somit eigentlich mal tüchtig mitlei­dig belächelt gehört, zum Anderen darüber, dass ich mich nicht bere­its beim Lesen oben erwäh­n­ten Mag­a­zins mit der flachen Hand an die Stirn geschla­gen hat­te, denn jet­zt müsste ich es kon­se­quent für bei­de Ent­deck­un­gen tun, und aus Rück­sicht auf Hand und Stirn verzichtete ich somit auf bei­des.

Im Zeitschriften­re­gal erblick­te ich nur wenig später zwei Mag­a­zine unter­schiedlich­ster Couleur, der­er bei­der Titel­seit­en den­noch ver­band, dass sie gle­icher­maßen Kri­tik (ob pos­i­tiv, ob neg­a­tiv, dies mag der geschätzte Leser selb­st beurteilen) an Musikschaf­fend­en übten. Es han­delte sich um das Her­ren­magazin Pent­house, das die von mir eben­falls geschätzten Fan­tastis­chen Vier auf eben sein­er Titel­seite dergestalt zitierte, dass eines der Mit­glieder dieser Com­bo zu Pro­tokoll gab, ohne Kif­f­en gehe es — gemeint waren, so nehme ich als jemand, der nur ungern einen Blick ins Innere ver­snobter Tit­ten­heftchen tut, die Auf­nah­men für etwaige neue Stu­dioal­ben, wobei deren aktuelles, ver­glichen mit den Vorgängern, ja auch eher so lala ist — im Stu­dio nicht, was mir allein als hier zitierenswert genügt, sowie das weniger geschätzte Aller­welt­spopquatschblatt musik­ex­press, auf das ich hier jedoch ein wenig aus­führlich­er einge­hen möchte, da sein Titel­blatt allein Anlass zu stun­den­langem Sin­nieren gab. Es sieht, dies weiß man im Inter­net, so aus:

Zu sehen ist, wie man leicht erken­nen kann, ein Kun­st­stoff­man­nequin, her­aus­geputzt wie ein Hybrid aus der frühen Madon­na, der mit­tleren Christi­na Aguil­era und der schreck­lichen Lady Gaga, beschriftet mit der lei­der nur rhetorischen Frage “Lohnt sich noch der Weg zum Pop­star?”, die, wie für Quatschblät­ter wie den musik­ex­press üblich, ungek­lärt lässt, ob (und warum) sich schon Pop­star nen­nen darf, wenn man ein­mal ein Lied in eine dumm herum­ste­hende Kam­era gequäkt hat, ob (und warum) Pop damit seine klare Abgren­zung als Beze­ich­nung für ein konkretes Genre (genauer: eine Gen­reklas­si­fizierung) ver­loren hat und wieso, zum Geier, aus­gerech­net das Aller­welt­spopquatschblatt musik­ex­press jet­zt seine eigene Berichter­stat­tung nicht mehr allzu leg­er akzep­tieren möchte, die (also die Frage) aber dann vom Artikel doch noch kon­terkari­ert wird. Nicht näm­lich ist die Schmähung unkreativ­er Massen­hupf­dohlen wie besagter lady das Ziel des mir mit plumpen rhetorischen Tricks schmack­haft gemacht­en Artikels, son­dern vielmehr das Gegen­teil:

Erfolg in der Musik ist heute nicht mehr als die direk­te Folge nüchtern­er Berech­nung – nicht mehr als nötig, nur der finanzielle Gewinn zählt. Sie scheinen ver­schwun­den, die wirk­lichen Stars, die Ver­rück­ten, Außen­seit­er, Aliens – die sich nicht an beste­hende Regeln hal­ten, son­dern neue auf­stellen. Doch nun macht sich eine junge Frau aus New York auf, den Gegen­be­weis anzutreten. Sie ist ver­rückt, eine Außen­sei­t­erin, sie ist bunt, laut, wild. Sie ist ein Pop­star, der größte unser­er Zeit und ein State­ment gegen die kalkulierte Langeweile der Musikin­dus­trie: Lady Gaga.

Neue Regeln also, dies behauptet der musik­ex­press, stellt Lady Gaga auf. Welche Regeln mögen das sein? Unkon­ven­tionelles Auftreten etwa? Kon­ven­tio­nen sind in der Musik bere­its seit etwa Mitte der 60-er Jahre des vorigen Jahrhun­derts keine Fixw­erte mehr, dies kann’s also nicht sein. Vielle­icht, dass man viel Geld ver­di­enen kann, wenn man nur ein­fach sich mit viel Bedacht von der Kreativ­ität der Kün­stler längst ver­gan­gener Epochen (lies hier: der 80-er Jahre) inspiri­eren lässt und die Quelle (lies hier: Gwen Ste­fani, Madon­na) weise ver­schweigt? Auch das hat man selb­st in der Com­put­er­branche längst verin­ner­licht, Apple ist auch bish­er nicht durch Inno­va­tio­nen aufge­fall­en und darf sich trotz­dem als ein an Finanzmit­teln nicht armes Unternehmen betra­chtet fühlen.

So sehr ich auch sin­niere, es fällt mir partout nicht ein, welchen beson­deren Aspekt an Lady Gaga, der nicht schon vor ihr längst etabliert war, die oben­drein auch, anders als etwa Gwen Ste­fani und Madon­na, einiger­maßen beliebig und aus­tauschbar klin­gende Verse erschallen lässt, der Zuständi­ge des musik­ex­press’, der, das kann natür­lich auch sein!, vielle­icht auch ein­fach nur trotz besseren Wis­sens ein paar Kröten mit der Hochstil­isierung abge­drosch­en­er Iko­nen zu ver­di­enen gedenkt, was immer­hin auch die wie Kar­nick­el aus dem Boden schießende bzw. wie Pilze sich ver­mehrende Vielzahl an “40-Jahre-Let-it-be”-Titelseiten inkl. der des aktuellen SPIEGELs erk­lären würde, denn nun genau meint, wenn er begeis­tert behauptet, Pop als Kul­tur der teuer verkauften Wieder­hol­ung sei zwar längst tot (für diese The­o­rie hätte ich dann übri­gens auch gern mal ein der­art anständi­ges Gehalt bekom­men, aber als ich sie jüngst ver­bre­it­ete, ern­tete ich zwar Ver­ständ­nis, jedoch kein­er­lei darüber hin­aus gehende Güter), Lady Gaga als schreck­lich inno­v­a­tive, mod­erne Form des Pop jedoch ger­adezu eine Aus­nah­meer­schei­n­ung. Ich werde mir wohl doch selb­st ein Exem­plar zule­gen müssen. Schreck­lich, schreck­lich.

(Schreck­lich übri­gens auch: Vor eini­gen Tagen sandte mir der pre­paid-Mobil­funkan­bi­eter mein­er Wahl eine Textnachricht, die da besagte, dass seine Ken­nung, die auf der Anzeige­fläche entsprechend aus­ges­tat­teter Mobil­tele­fone zu erscheinen pflegt, bin­nen weniger Tage, sollte man das Kom­mu­nika­tion­s­gerät aus- und wieder ein­schal­ten, geän­dert würde. Da ich stets den Besitz von Ungewöhn­lichem erstrebe, beschloss ich, die also durch Stromver­lust induzierte Änderung so schnell wie möglich hin­auszuzögern; und dann, um es ein­mal jovial auszu­drück­en, vergess ich Rind­vieh das Ding unbe­stromt in mein­er Hosen­tasche. Sei’s drum.)

Kaum bekan­nte Fak­ten: Wed­er in Licht­en­fels noch in Lud­wigsstadt gibt es ein Gleis 4 zwis­chen den Gleisen 3 und 5 und in Bad Harzburg ste­ht eine Fußgänger­am­pel blöd herum, die offen­bar nur mit weni­gen Aus­nah­men grün zeigt und während­dessen ständig nervtö­tend tickt.