“I can’t stand it anymore more / but if Shelly would just come back, it would be alright.”
– The Velvet Underground: I Can’t Stand It
… Es war weit nach Mitternacht, als er aus seiner Trance erwachte. “Wie schnell”, dachte er, “man doch fällt, wenn man sich in Sicherheit wähnt.” Er sah, spürte sie noch in seinen Armen, als sei ihr letztes Zusammensein noch jung und mehr als eine Erinnerung, die sich ihm, wie er hoffte, niemals entziehen möge.
Ihretwegen hatte er endlich verstanden, was der Volksmund meint, wenn er Leben und Lieben als gleichberechtigte Errungenschaften ansieht. So verliebt war er schon manchmal gewesen, aber daraus so viel Leben zu ziehen sog er in sich auf und genoss jeden einzelnen Moment. Das Leben, das sie mit ihrer Liebe gebracht hatte, ließ das seine endlich vollständig sein. Ihm fehlte es an nichts und das war ein Risiko.
So weniges hätte jemals geschehen dürfen. Er hatte länger um sie gekämpft als um vieles, das eigentlich wichtiger gewesen wäre, aber das Nomadenleben blieb . Der Weg ist nur ein Etappenziel, der Hürdenlauf stand erst noch bevor. Vielleicht wollte sie ihm beweisen, dass er sich geirrt hatte, aber sie wusste nicht, dass es mehr die Hoffnung als eine Überzeugung war, die aus ihm sprach, weil ihm kaum mehr geblieben war. Sollte es so enden?
Wenn es doch nur endete! Den Gefallen tat sie ihm nicht: Sie ging nicht, sie blieb ihm als Echo erhalten, als Stimme der Vernunft auch. Hätte er diese Stimme damals schon gehört, so hätte vieles ein anderes Ende genommen. Die Ironie ließ ihn schmunzeln. Dass all das jetzt Monate zurücklag und er es zumindest geschafft hatte, die Erinnerung an das Streben nach einer Zukunft mit einer Fata Morgana zu betäuben, war diese doch nur ein unsteter Rausch ohne Halt geblieben und hatte sich schon verflüchtigt, kaum hatte er sich an es gewöhnt. Die selbst gegrabene Grube, an deren Rand er längst balancierte, war mit Nägeln gefüllt worden. Der Schalk in seinem Nacken zog am Teppich. Wem konnte er etwas vormachen, wenn nicht einmal sich selbst?
Das Schlimmste war die Gewissheit, dass er sich selbst nicht mehr vertrauen konnte. Nein, sein Vertrauen hatte er selbst diesmal missbraucht und das konnte er sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr verzeihen.
Er öffnete seine Hand. Etwas fiel zu Boden. Er hatte verloren. …
“I’m still standing after all this time / picking up the pieces of my life without you on my mind.”
– Elton John: I’m Still Standing

