Michael Geist, laut Biografie juristisch bewandert und kein Kanadier, schrieb bereits am Montag etwas, was auf Spiegel.de seit Dienstag folgenderweise zu lesen ist:
Weil sie jahrezehntelang keine Tantiemen an Künstler auszahlten, stehen einige der größten Labels Kanadas bald vor Gericht. Die Klage liegt schon seit Oktober 2008 vor, und immer mehr Kläger schließen sich ihr an: Zuletzt reichte die Nachlassverwaltung des amerikanischen Jazzmusikers Chet Baker ihre Ansprüche gegen den Verband der kanadischen Musikindustrie CRIA ein. Insgesamt summieren sich die ausstehenden Tantiemenzahlungen zu astronomischen Höhen: 50 Millionen kanadische Dollar, gesteht die CRIA ein, schulde man den Künstlern wohl auf jeden Fall. Die Klage geht aber von leicht höheren Summen aus: Bis zu 6 Milliarden kanadische Dollar (circa 3,8 Milliarden Euro) könnten fällig werden — rund 20.000 kanadische Dollar pro Urheberrechtsverletzung.
20.000 Dollar pro “Urheberrechtsverletzung”; woher kenne ich solche Summen?
Ach ja, richtig:
Rund zwanzig Jahre gerierten sich also kanadische Plattenlabels wie Raubkopierer, die Ansprüche einfach mit einem Verweis auf die Wird-irgendwann-bezahlt-Liste abwehrten. Das könnte sie nun teuer zu stehen kommen.
Dass das Urheberrecht, das derzeit vor allem dazu zu dienen scheint, die finanziellen Interessen der Rechteverwerter zu wahren, dringend einer Erneuerung bedarf, ist bekannt und wurde ja auch im letzten Wahlkampf thematisiert. Dass die Nachricht über eine solche Klage nun ausgerechnet aus Kanada, wo die regelmäßig über die Stränge schlagende GEMA nicht wütet, zu uns dringt, ist schade, aber immerhin ein Anfang; man darf gespannt sein.
Hierzulande handeln die Rechteverwerter auch nicht unbedingt zum Wohle der Allgemeinheit und oft nicht einmal im Interesse der Künstler. Der große Knall ist lange überfällig. Wer fängt an?
Kleiner Nachtrag zu einem ganz anderen Thema:
Die angekündigte “Schweinegrippe”-Pandemie mit den Tausenden Toten scheint schon wieder vorbei zu sein, und all die schöne Panik war völlig vergebens. Götz Wiedenroth hat wieder eine treffende Karikatur hierzu erschaffen.




“Dass das Urheberrecht, das derzeit vor allem dazu zu dienen scheint, die finanziellen Interessen der Rechteverwerter zu wahren,…”. Ich gehe davon aus, dass die Betonung auf “scheint” liegt. Denn de facto ist das falsch. Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung.
Ja, “scheint” war bewusst gewählt.