Musik
Medi­en­kri­tik XIX: Bei RTL singt man inter­na­tio­nal.

Dass wir täg­lich von dem um sich grei­fen­den Angli­sie­rungs­wahn umge­ben sind, ist ja schon bei­na­he kei­ner Erwäh­nung mehr wert.
Manch­mal aller­dings fasst man sich dann doch an den Kopf.

Kürz­lich wur­de ich mit dem kaput­ten Sen­der RTL kon­fron­tiert, der der­zeit nicht mal ein brauch­ba­res Pro­gramm vor­zu­wei­sen hat, das irgend­je­man­den zum Ein­schal­ten bewe­gen soll­te, und es lief aus­ge­rech­net ein Eigen­wer­be­block. In die­sem wur­de wie­der­um dies ange­kün­digt:

Die erfolg­reich­sten Rock-/Pop-Christm­assongs aller Zei­ten soll­ten in Bäl­de auf­ge­führt wer­den.
Ist das nicht grau­sig?

Gehen wir’s mal durch:

„Die erfolg­reich­sten“
Wor­an wird der Erfolg genau gemes­sen? An der Beliebt­heit in der Zuhö­rer­schaft sicher nicht; „Last Christ­mas“ (aus Rück­sicht auf die Ner­ven mei­ner Leser nicht mit einem Hyper­link ver­se­hen) mag bekannt sein, aber nie­mand, der bereits eine voll­stän­di­ge Weih­nachts­zeit mit Musik­un­ter­ma­lung hin­ter sich gebracht hat, legt Wert dar­auf, die­se Gru­sel­mu­sik mit dem Attri­but „erfolg­reich“ zu ver­se­hen. Hof­fe ich jeden­falls.

„Rock-/Pop“
… und dazwi­schen gibt es nichts? „Rock/Pop“ ist die wenig­stens halb­wegs infor­miert klin­gen­de Aus­drucks­wei­se für „halt so Musik“. Alles, was nicht Rock ist, ist Pop; dies scheint die gesell­schaft­lich akzep­tier­te Les­art musi­ka­li­scher Gen­res zu sein.
Bedeu­tet das, dass Rock kei­ne popu­lar music ist? Schön wäre es ja, dann könn­ten sich eini­ge Rock­bands end­lich von dem Ver­such abwen­den, sich anzu­bie­dern, und wie­der gute Musik fabri­zie­ren. In dem Phra­sen­un­ge­tüm, das wir hier vor uns haben, ist „Rock/Pop“ jeden­falls besten­falls über­flüs­sig.

„Christ­mas“
Man mag ja von eng­li­schen Lehn­wör­tern hal­ten, was man will; „Christ­mas“ ist kei­nes. (Jeden­falls nicht nach der mir bekann­ten Defi­ni­ti­on von Lehn­wör­tern, die da besagt: Wenn ein fremd­spra­chi­ges Wort die deut­sche Gram­ma­tik bekommt, ist es ein Lehn­wort. Wie dekli­niert man „Christ­mas“?)
Nein: Hier wur­de ein eng­li­sches Wort mit­ten in den Term geklebt. Weil es eben „coo­ler“ klingt als „Weih­nachts-“, neh­me ich an. „Eek!“, wie der US-Ame­ri­ka­ner zu sagen pflegt.

„-songs“
Hier gilt eigent­lich noch immer der vori­ge Absatz, aber auch inhalt­lich möch­te ich noch eine Ergän­zung anbrin­gen: Dass in Weih­nachts­lie­dern lei­der meist Gesang im Spiel ist, ist eigent­lich nichts, was man sepa­rat durch die Wort­wahl beto­nen müss­te. Und „Ich sin­ge einen Song“ ist doch nun wahr­lich ein höchst alber­ner Satz.

„aller Zei­ten“
Zum Abschluss dann doch noch mal eine ver­meint­lich deut­sche Phra­se, ent­lehnt aus dem eng­li­schen „of all times“ und dort genau so falsch.
Wären es tat­säch­lich „die erfolg­reich­sten … aller Zei­ten“, so könn­te man also guten Gewis­sens davon aus­ge­hen, dass kein zukünf­ti­ges Musik­stück mehr einen grö­ße­ren Erfolg zu ver­bu­chen ver­mag. (Aber ich kann mich des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass die Rang­li­ste tat­säch­lich recht unver­än­der­lich ist. Ich hal­te mich vor allem zur Weih­nachts­zeit grund­sätz­lich best­mög­lich von allen Ver­an­stal­tun­gen fern, die Radio­mu­sik spie­len könn­ten, aber ich neh­me an, wenn ich in die­sem Jahr anders vor­ge­he, wer­de ich wie­der mit „Last Christ­mas“, „White Christ­mas“ und „Jing­le Bells“ gequält. Die deutsch­spra­chi­ge Musik­welt hat der­glei­chen nur wenig vor­zu­wei­sen, und ich kann es gar nicht groß genug schrei­ben, um mei­nem erleich­ter­ten Schrei aus­rei­chend schrift­li­chen Aus­druck zu ver­lei­hen: Zum Glück!)

I’m dre­a­ming of a wild busi­ness.
– EAV: Ihr Kin­der­lein kom­met (ver­dammt noch ein­mal)


Lese­tipp, bis mir wie­der was bes­se­res ein­fällt:
Der Super­markt als Spie­gel­bild der Ich-Gesell­schaft.