Seit gestern wird wieder einmal wild spekuliert: Ein Nichtschwarzer betrat eine Kirche und erschoss dort diverse Schwarze beim Beten. Die zynische Anmerkung, dass ihr Glaube sie damit wohl getötet hat, könnte ich hier anbringen, mir damit die altbekannten Anfeindungen einfangen und alles wär’ beim Alten. Rassismus sei doch schrecklich, Rassismus sei das Problem.
Wenn jemand in den USA irgendwo hingeht und scheinbar wahllos Leute umbringt, dann ist es eigentlich erst ab einer zweistelligen Zahl von Opfern von besonderem Nachrichtenwert. Da tragen ja alle Waffen und schießen ständig auf wen, hahaha, kennt man ja, diese Amerikaner. So doof. — Bis es jemanden trifft, dessen Hautfarbe nicht der des Angreifers ähnelt.
Im Zusammenhang mit dem Angriff schreibt “SPIEGEL ONLINE”:
Die Polizei spricht von einem “Verbrechen aus Hass”.
Natürlich: Menschen, die man nicht hasst, tötet man normalerweise nicht, insofern ist ein Mord, der nicht als Kollateralschaden während eines Raubes stattfindet, grundsätzlich selten eine Tat aus einem anderen Motiv als Aversion gegenüber demjenigen, den man ermordet. Das Problem am “Attentat in Charleston 2015”, wie “SPIEGEL ONLINE” in der merkwürdigen Annahme, es bliebe in Charleston bis 2016 erst mal ruhig, es betitelt, ist insofern ein anderes als das vermutete:
Der 21-Jährige soll in einer afroamerikanischen Kirche in Charleston neun Menschen erschossen haben — aus rassistischen Motiven.
Der Gedankenstrich ist hier durchaus nicht irrelevant, ihm soll die Pointe folgen. Was wäre verloren gewesen, hätte man schlicht “Der Täter soll in einer Kirche in Charleston neun Menschen erschossen haben.” geschrieben? Welchen Nachrichtenwert hat das Alter des Täters, wie bedeutsam ist es, in welcher Kirche er aus welchem Grund möglicherweise neun Menschen ermordete? Es soll wohl zeigen: Hier hat nicht nur jemand Leute umgebracht, hier hat ein junger Weißer mehrere Nichtweiße umgebracht. Er sei somit nicht nur ein Mörder, sondern insbesondere nach gängiger Definition ein Rassist, wodurch der Umstand des mehrfachen Mordes allein seine Bedeutung verliert; als ändere es die Schwere der Tat, wenn der Täter nicht völlig grundlos, sondern mit einer aus seiner Sicht guten Erklärung auf Menschen schießt.
Das eigentliche Problem mit rassismusinduzierten Morden in den USA ist aber nicht, dass sie aus derart lächerlichen Motiven geschehen, das Problem ist, dass sie überhaupt möglich sind. Jajaja, die USA, die dortige Ballerlobby wird schon dafür sorgen, dass jede weitere Einschränkung des Rechts auf freien Waffenbesitz nicht möglich sein wird. Ein Staatenbund, der nur existieren kann, weil rechtzeitig diejenigen, die sein Territorium bewohnten, mit Waffengewalt vom ungehinderten Weiterleben abgehalten wurden, hat ja auch so seine Traditionen.
Ich gehe sogar noch etwas weiter und behaupte: Manche vermeintlich rassistischen Taten sind eine direkte Folge aus Waffenbesitz und fehlender anderweitiger Möglichkeit zum Aggressionsabbau. Wer Waffeneinsatz befürwortet, sein Leben nicht auf die Reihe bekommt und darum Aggressionen aufstaut, geht hierzulande oft zur Bundeswehr, in den USA sucht man sich halt jemanden, an dem man sich abreagieren kann, und nimmt dafür gern jemanden, den der eigene Bekanntenkreis aus ähnlichem Grund nicht leiden kann. In der Gruppe geht es eben immer noch um Bestätigung.
Rassismus sei, so teilte man mir in dieser Sache mit, ein gesellschaftliches Problem und wie alle gesellschaftlichen Probleme aus der Welt zu schaffen, um ähnliche Vorkommnisse künftig zu vermeiden. Klar: Ohne politischen Extremismus gibt es keine extremistisch motivierte Gewalt mehr, ohne die “Sozialdemokratie” in den Köpfen der Menschen wäre das deutsche Sozialsystem wahrscheinlich auch noch intakt. Wenn aber jemand in den USA irgendwelche Leute erschießt, dann ist nicht nur seine Weltanschauung, die er damit zur Maxime zu machen versucht, schuld, sondern auch der Umstand, dass er überhaupt in der Lage ist, Leute zu erschießen. Wer kein Jäger ist und trotzdem aus freien Stücken eine Schusswaffe trägt, der ist immer und grundsätzlich ein gefährliches Arschloch. Wenn er zusätzlich noch ein Rassist ist, erhöht das möglicherweise den Nachrichtenwert seiner späteren Handlungen, ändert aber nichts an seinem Dasein als gefährliches Arschloch.
Sich zu bewaffnen und dann aus Rassismus, Habgier, Eitelkeit, Selbstüberhöhung oder einem beliebigen anderen Grund irgendwen zu meucheln hat als gemeinsamen Nenner die Bewaffnung. Es gilt zuvörderst, die Gründe für die Bewaffnung eines beachtlichen Teils der Bürger eines Staatenbundes zu ermitteln und zu bekämpfen. Eine Gesellschaft, die den Besitz von Waffen sowie jegliche Gewaltausübung entschlossen und konsequent ablehnt, wird, nehme ich an, auch friedlich bleiben, wenn einige ihrer Mitglieder andere Mitglieder aus irgendwelchen Gründen doof finden.
Das könnte man ja mal ganz unverbindlich ausprobieren.


Man teilte dir in dieser Sache mit? Deine Kosenamen für mich waren wirklich schon besser und von meiner Argumentation ist wohl leider auch nicht so viel hängen geblieben. Ach, du. ;p
“Diese Sache” ist doch gar kein Kosename. Und ein Teil deiner Argumentation wurde aufgegriffen!
als würde sich hierzulande ein großes medium wie spon trauen (können), dieses thema an die große glocke zu hängen!
alleine die möglichkeit, dass ein beliebiger 21jähriger LEGAL mit einer derartigen waffe durch den öffentlichen raum laufen darf — nicht zu fassen. was kann man denn mit so ner waffe machen außer töten/verletzen/cool rüberkommen? was?