NerdkramsNetzfundstücke
Tore zum Mistmachweb (5): Apples nobler Kollateralschaden

Im Juni 2017 schrieb ich:

Das Problem mit dem Digitalstandort Deutschland ist es nicht vorrangig, dass die Internetverbindungen immer weniger für effizientes Arbeiten tauglich wären, sondern, dass für die Datenübertragung so instinktiv wie fälschlich zu einem Protokoll gegriffen wird, das dafür nicht gedacht ist, um mit einem Programm, das dafür nicht gedacht ist, eine Website aufzurufen, die die Probleme, die das falsche Programm im falschen Protokoll notwendigerweise bei der Umsetzung bereitet, auf eine Weise, die dafür ungeeignet ist, zu umgehen („beheben“) versucht.

Ein Jahr zuvor, im Juni 2016, wurde in der deutschsprachigen Wikipedia ein Artikel erstellt, der die weitere Entwicklung vorwegnehmen sollte: Eine „Progressive Web App“ sei „eine Website, die zahlreiche Merkmale besitzt, die bislang nativen Apps vorbehalten waren.“ Sie könne „wie eine Webseite mit HTML5, CSS3 und JavaScript erstellt werden“. Weil diese drei nun die einzigen drei Sprachen sind, die die Angestellten von Startups, die nur ein Lieferdienst davon trennt, sich „Codemanufaktur“ zu nennen, halbwegs gut beherrschen, weil 2020 jeder Schwachsinn, ob voll „vernetzt“ oder bloß irgendwie digital, gefälligst in einem aufgeblasenen Dokumentenbetrachter lauffähig zu sein hat (der Markt, wissenschon), ist PWA momentan ein Muss.

Eine persönliche Anekdote: Ein Mitglied meiner Familie besaß vor dessen Abkündigung ein Smartphone mit Windows drauf. Für dieses Mitglied war es genau das richtige Gerät, die verfügbaren Apps – etwa Dropbox – wussten mich aber nicht so recht zu überzeugen; im Wesentlichen handelte es sich um die Dropboxwebsite in einem Browserfenster ohne Adressleiste, aber mit einem zusätzlichen Werbebanner. Mir scheint, der Entwicklernachwuchs hatte niemals ein vergleichbares Gerät, denn statt korrekt zu erkennen, dass die Interaktion zwischen einem Webbrowser und dem zugrunde liegenden System eine von großer Ressourcenlast bei gleichzeitiger Funktionsminderung beschwerte ohne merkbaren usability-Mehrwert, der über „man braucht nix zu installieren“ hinausgeht, ist, wurde all das seitdem zum wünschenswerten Treiben erklärt, geändert allein dadurch, dass der schlecht getarnte Webbrowser jetzt einfach direkt als Webbrowser gestartet wird. (Anmerkung aus anderem Grund: Auf „ZEIT ONLINE“ und bei der „FAZ“ kann man dieser Tage mit aktivierter Reklameblockade auch nicht mehr ungestört lesen. Wieder Lebenszeit gewonnen!) Anekdote vorüber, weiter im Text.

Nun leben wir in einer Zeit, in der das ansonsten politisch scheußliche Konstrukt der Europäischen Union ausnahmsweise mal etwas Vorteilhaftes erreicht hat, nämlich eine allgemeine Vorsicht in Datenschutzdingen. Ausgerechnet Apple, als einziger der großen Browserhersteller nicht auf Werbegroschen angewiesen, führte vor wenigen Tagen zusätzliche Schutzmechanismen in Form der begrenzten Haltbarkeit theoretisch zur Benutzerverfolgung tauglicher Drittanbietercookies und nur siebentägigen Speicherfrist für Daten im Web Storage, was faktisch dazu führt, dass PWAs, die nicht all ihre Daten mit einem Server synchronisieren, nach einer Woche der Nichtnutzung wieder wie neu sind. Aus Datenschutzsicht ist das sehr begrüßenswert, blöderweise macht es aber das Geschäftsmodell von Programmierfaulen (warum machen die dann überhaupt was mit Programmieren?) kaputt.

Bereits am Folgetag wagte es daher ein Codemanufakturist, diese Änderung als faktisches Verunmöglichen seines selbstlosen Tuns zu bezeichnen:

Ich liebe RSS und Blogs, deshalb entwickle ich meinen eigenen Feedleser. Ich wollte, dass er eine PWA ist, so dass andere davon profitieren können, aber ich wollte ihn ohne einen Server im Hintergrund entwickeln.

(Übelsetzung, wie auch die folgende, von mir.)

Nun könnte man ihm entgegenschleudern: Dann programmier doch eine ganz normale App, du Depp! :motz: Das hat man auch gemacht, wie er später ergänzte:

Zu sagen, dass man dann halt einfach eine native Anwendung bauen solle, ist keine Antwort. Native Anwendung müssen an Torwächtern vorbei, das Web nicht.

Das Problem dieses Herrn ist also, dass er gern eine app, von deren Gattung es bereits ungezählte gibt, veröffentlichen würde, aber nur unter der Bedingung, dass keiner prüft, ob sein Code nicht vielleicht irgendwelchen Schaden anrichtet, bevor er – der Code – verfügbar wird. Nicht wesentlich mehr passiert in dem Schritt, der hier als Torwächter bezeichnet wird. Im gleichen Artikel erwähnt der Entwickler, der es für eine gute Idee hält, jedes erdenkliche Programm im angreifbarsten Teil eines Computers (dem Webbrowser) zu implementieren, mehrfach direkt oder indirekt, dass ihm Datenschutz und Privatsphäre sehr wichtig seien, was Apple mit seinem Einbau von Schutzmechanismen ihm leider verleide.

Was machen diese Leute eigentlich beruflich?

Senfecke:

  1. Ooch wie thüüüüth!

    Ich denke ja schon wieder, dass früher alles besser … da ich über viele Jahre nur hier und da ein paar Programmzeilen wo hineingepfuscht habe und ansonsten gern Systeme kaputtgemacht, indem ich sie benutzte, hat es sehr lange gedauert, bis ich verstand, dass Pogrammierer, die anfangs Webdesigner noch mit gewissen Recht als „Snowboarder“ zu bezeichnen pflegten, nicht etwa diesen beibringen konnten, dass das Erstellen von Softwareprodukten an gewisse Bedingungen gebunden ist, sondern dass vielmehr die Snowboarder die Coder auf die dunkle Seite gezogen haben. Daher gibt es auch so etwas wie Moden (eigentlich Großschreibung, viele Ausrufungszeichen) beim Coden (hier noch mehr davon – btw passt das Design hier gerade dazu). Egal, was sich entwickelt, es dient entweder dem Mehrwert oder Idioten. Meistens beidem.

    • Ich bin nicht davon überzeugt, dass irgendeine Software der letzten 30 Jahre dem Mehrwert dient. Es wiederholt sich zu vieles.

      Apropos: endlich mal wieder normales Aussehen.

      • Öhm; Mehrwert: Jemand arbeitet, wird dafür bezahlt und sein ‚Arbeitegeber‚/Profitnehmer ’verdient‘ am Produkt. In Kontext: Software wird produziert und verkauft. Das gibt es doch? Oder wieso habe ich schon selbst Software käuflich erworben? Wurde ich betrogen?

        • Puh, rein wirtschaftlich ja (also Mehrwert), aber dann sind „PWAs“ aus beiderseitiger Sicht doch noch blöder. Installierbares kann man viel teurer verkaufen.

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
:P 
:ups: 
:cry: 
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:twisted: 
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