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Ein Model F „XT“ für das 21. Jahrhundert

(Vorbemerkung: Es folgt ein vor allem für Hardware- und Altcomputerfreunde rele­van­ter Text. Der übri­ge Teil mei­nes geschätz­ten Publikums möge spä­ter wie­der vorbeischauen.)

Vor vie­len Jahren - es mögen zehn oder schon mehr gewe­sen sein - war es üblich, dass die Computer, mit denen man sei­ne täg­li­che elek­tro­ni­sche Korrespondenz erle­digt, eine Hardwaretastatur als Eingabegerät besaß. Allgemein ver­füg­ba­re Tastaturen, das muss man den Jüngeren viel­leicht erklä­ren, waren ver­gleichs­wei­se gro­ße, schwe­re Quader aus anfangs über­wie­gend Metall, spä­ter zuse­hends mehr Plastik, die bis zu 144 Tasten besa­ßen, auf die man drücken muss­te, um einen Buchstaben ein­zu­ge­ben. Wischen ging nicht, wäre manch­mal aber viel­leicht bes­ser für den Zustand der Tastatur gewesen.

Wenn man ernst­haf­te Tipparbeit an einem Computer ver­rich­ten möch­te, ist noch heu­te die Benutzung einer sol­chen Tastatur mit eini­gem Komfortvorteil ver­bun­den. Nachdem die ersten Laptop- und Budgettastaturen das Zeitliche geseg­net haben, denkt man aller­dings dann doch dar­über nach, ob frü­her nicht vie­les bes­ser war. Gute Tastaturen sind wichtig.

Früher oder spä­ter lan­det man dann in einem die­ser Fachforen, in denen es sehr weni­ge Konstanten zu geben scheint und die über­wie­gend von Menschen bevöl­kert zu wer­den schei­nen, die ein mir bizarr schei­nen­des Verständnis von Tastenzahl und -anord­nung haben. Eine die­ser Konstanten ist jedoch, dass, wer Langlebigkeit erwar­tet, eigent­lich nur eine ein­zi­ge ver­nünf­ti­ge Option hat: Die alten IBMs sei­en ein­fach die besten Tastaturen gewesen.

IBM, heut­zu­ta­ge nach dem Bereinigen sei­nes Software- und Hardwareportfolios weit­ge­hend auf den Servermarkt fokus­siert und mit sei­nem Produkt AIX eines der letz­ten Unixunternehmen, ließ sich bereits ab den 1970-er Jahren diver­se PC-rele­van­te Patente ertei­len, dar­un­ter die­je­ni­gen für „buck­ling springs“, also Knickfedern. Die bis­lang letz­te Verwendung die­ser Patente war die­je­ni­ge für das Model M, eine legen­dä­re Tastatur, die seit 1986 bis heu­te in viel­fa­cher Ausführung her­ge­stellt und ver­kauft wird und sich dadurch aus­zeich­net, dass sie das bis heu­te weit­ge­hend unver­än­der­te 101-Tasten-Layout (zu dem in den 1990er Jahren zwei Windows- und eine Menütaste hin­zu­ge­fügt wur­den) erst­mals zum Standard erhob und ziem­lich geräusch­voll ist. Auf eBay und in eini­gen Foren wer­den über die „neu­en“ Modelle aus Kentucky eigent­lich fort­wäh­rend alte Fabrikbestände sowie reno­vier­te (also gerei­nig­te und u.a. um USB-Adapter und/oder Bluetooth erwei­ter­te) Varianten die­ser Tastatur ver­kauft, was dafür spricht, dass sie weni­ger wahr­schein­lich noch inner­halb der Lebzeit ihres Besitzers hin­über ist als ande­re Tastaturen. Dass aus Kostengründen jeweils neue­re Modelle meist etwas leich­ter und damit Material spa­ren­der sind, ändert an ihrer Langlebigkeit kaum etwas.

Allerdings waren die älte­sten Model Ms bereits ein Kompromiss: Das Model M, des­sen Buchstabe viel­leicht für „Membrane“ (die Federn unter den Tasten betä­ti­gen Kontakte auf einer Membran), viel­leicht auch für gar nichts steht, wur­de mit dem IBM-PC bekannt, dem Vorläufer all des­sen, was heut­zu­ta­ge als „anstän­di­ger Computer“ ver­kauft wird. Aufgrund des damals eher klei­nen Marktes für Computer hat­te IBM nicht im Sinn, dazu bei­zu­tra­gen, dass die Kunden alle paar Jahre ein neu­es Modell kau­fen; die Preise waren auch noch ande­re: Ein „Portable PC“ von 1984, ein etwa 15 Kilogramm schwe­rer auf­klapp­ba­rer „Laptop“, koste­te in heu­ti­ger Währung über 20.000 Euro. Nicht nur der Kauf war jedoch mit ver­gleichs­wei­se hohen Kosten ver­se­hen, auch die Herstellung war recht teu­er, was IBM zu immer mehr Einsparungen ver­an­lass­te. Das Model M war ins­ge­samt IBMs drit­ter Versuch, Computertastaturen her­zu­stel­len: Es folg­te auf den Nachfolger der Beamspring-Tastaturen, die ziem­lich unhand­lich waren und heu­te nur schwer zu bekom­men sind - auf das Model F.

Das Model F, noch schwer und fest gebaut, exi­stier­te in vie­len Ausführungen, dar­un­ter als 122-Tasten-Version für Terminals und als Model F AT, das mit dem IBM Personal Computer/AT ab 1984 ver­kauft wur­de und erst­mals ein PS/2-kom­pa­ti­bles Protokoll kennt, also auch an heu­ti­gen Computern mit einem ein­fa­chen DIN-auf-PS/2-Adapter benutzt wer­den kann. Weil, statt eine Membran zu nut­zen, beim Model F kapa­zi­ti­ve Knickfedern benutzt wer­den und mehr Metall zum Einsatz kommt, klingt ein Model F - nicht unab­sicht­lich - fast wie eine Schreibmaschine. Abhilfe kann man schaf­fen, indem man Zahnseide in die Federn steckt, aber das ist natür­lich eini­ger­ma­ßen uncool. Zwei Varianten des Models F, die 62- und die 77-Tasten-Variante, wer­den dank der abge­lau­fe­nen Patente zur­zeit von einem Liebhaber erneut pro­du­ziert, die Auslieferung ver­zö­gert sich jedoch seit Jahren, denn die Qualitätsstandards von IBM aus jenen Jahren sei­en, so wird erzählt, nur mit gro­ßem Aufwand zu errei­chen. Von wegen geplan­te Obsoleszenz. Diesen neu auf­ge­leg­ten Tastaturen ist mit dem Model F AT der hohe Preis für ein makel­ar­mes Modell gemein, obwohl die Verfügbarkeit ab Auslieferung etwas höher sein dürf­te. Den Kompromiss aus einer fast moder­nen Tastenanordnung und der unka­putt­ba­ren Qualität - selbst die Plastiknieten, die in einem Model M gele­gent­lich abbre­chen und ersetzt wer­den müs­sen, sind hier aus Metall - las­sen sich die mei­sten Menschen, die zufäl­lig über so eine Tastatur ver­fü­gen kön­nen, eben teu­er bezahlen.

Vor dem PC/AT gab es jedoch den PC/XT, des­sen Tastaturprotokoll sich von den spä­te­ren in eini­gen wesent­li­chen Punkten unter­schied; so gab es etwa kei­ne Zwei-Wege-Kommunikation, das heißt, die Tastatur konn­te zwar zum Beispiel den Druck der Feststelltaste an den PC sen­den, jedoch das Ergebnis nicht dar­stel­len, womit die auch heu­te nor­ma­ler­wei­se noch vor­han­de­nen Status-LEDs schlicht nicht ver­füg­bar waren. Das klas­si­sche Tastaturmodell aus die­ser Zeit, das Model F „XT“ (das, genau genom­men, vor dem gleich­na­mi­gen PC ver­kauft wur­de), sieht, weil es noch kei­ne als nor­mal ange­se­he­ne Tastenanordnung gab, unge­fähr so aus wie mei­nes, näm­lich so:

Ein Model F

Hier sieht man 2,9 Kilogramm rei­ne Tippeffizienz. Wenn jemand ein­bricht, wäh­rend man mit die­ser Tastatur arbei­tet, kann man den Einbrecher damit ent­zwei schla­gen und anschlie­ßend mit der­sel­ben einen Blogartikel über den span­nen­den Vorfall schrei­ben. Verglichen mit heu­ti­gen Tastaturen bringt die­ses Modell aber zwei ent­schei­den­de Herausforderungen mit sich: Einige Tasten sind nicht an gewohn­ter Stelle oder feh­len ganz, auch hat das mit PS/2 inkom­pa­ti­ble Protokoll den Nachteil, dass man nicht ein­fach einen Adapter zwi­schen Tastatur und leid­lich aktu­el­len Computer stecken und los­tip­pen kann. Beides könn­te dazu bei­tra­gen, dass restau­rier­te oder gar noch nie aus­ge­pack­te „XT“-Tastaturen auf so Plattformen noch immer für unter 100 Euro zu bekom­men sind. Zum Glück las­sen sich bei­de Probleme für wenig Geld auf die­sel­be Weise lösen.

Zunächst zum Problem der unge­wohn­ten Anordnung: Dass es dem Betriebssystem nor­ma­ler­wei­se völ­lig egal ist, was auf den Tasten drauf­steht, soll­ten Menschen, die beim Tippen nur sel­ten auf die Tastatur gucken, immer­hin bereits wis­sen. Schließe ich an einen auf deut­sche Tastaturen ein­ge­stell­ten Rechner eine QWERTY-Tastatur an, so ist hin­ter der mit „Y“ beschrif­te­ten Taste trotz­dem ein Z zu fin­den. Von moder­nem Firlefanz ver­wöhn­te Menschen könn­ten sich aber dar­an stö­ren, dass es kei­ne Windowstaste gibt und die Taste, die auf einer QWERTZ-Tastatur spit­ze Klammern erzeugt, mit der Rautetaste ver­tauscht ist und über­dies statt die­ser Klammern ein ^ oder ein ° auf den Bildschirm malt. Aber wofür gibt es denn das Internet?

Im April 2011 ver­öf­fent­lich­te der spä­ter plötz­lich ver­schwun­de­ne, anschei­nend in Großbritannien woh­nen­de Computernutzer „Soarer“ die erste Version sei­nes heu­te all­ge­mein als „Soarer’s Converter“ bekann­ten Hardwareprojekts, das eine Bauanleitung für einen akti­ven Umwandler vom XT- auf das USB-Protokoll ist, so dass man selbst einen funk­tio­nie­ren­den „Stecker“ zusam­men­lö­ten kann. Wer, wie ich, über­haupt kei­ne Lust dar­auf und/oder kein Talent dafür hat, der kann auch jeman­dem, der die­se Umwandler in sei­ner Freizeit her­stellt, einen abkau­fen. In mei­nen Tests als durch­weg zuver­läs­sig hat sich der von ori­hal­con erwie­sen. Hat man einen sol­chen Umwandler also irgend­wann zur Hand, so wür­de es eigent­lich genü­gen, den DIN-Stecker in das DIN-Ende des­sel­ben und ihn selbst schließ­lich in einen frei­en USB-Steckplatz zu stecken, um die Tastatur zu benut­zen. Aber das wäre lang­wei­lig. Ein Vorteil des „Soarer’s“-Umwandlers ist es, dass er voll­stän­dig pro­gram­mier­bar ist, so dass sich auf Hardwareebene (und damit unab­hän­gig vom Betriebssystem) die Tastenbelegungen ändern las­sen. Das geht unge­fähr so:

Zunächst soll­ten aus dem „Soarer’s“-Beitrag - alter­na­tiv hier - die tools und die docs her­un­ter­ge­la­den wer­den. Letztere beschrei­ben die ver­schie­de­nen Tastencodes, die unter­stützt wer­den, eben­so wie die Programmiersyntax. Anschließend ist mit einem belie­bi­gen Texteditor eine Konfigurationsdatei zu schrei­ben. Einige Beispieldateien sind bei „desk­tho­ri­ty“ zu fin­den. Ich selbst arbei­te mit der Tastatur folgendermaßen:

  • Ich benut­ze den Zahlenblock nicht. Da sich dort die Pfeiltasten befin­den, von denen ich oft Gebrauch mache, soll­te er aber natür­lich trotz­dem umschalt­bar sein.
  • Die Taste „Rollen“, gele­gent­lich auch „ScrLk“ oder „Scroll Lock“ genannt, ist die ein­zi­ge Taste auf einer gewöhn­li­chen Tastatur, deren Nutzen mir völ­lig abgeht. Damit ist sie als Moduswahltaste geeignet.
  • Die Rautetaste und die Taste mit den spit­zen Pfeilen soll­ten dort sein, wo mei­ne Finger sie erwarten.
  • Ich mag die Feststelltaste nicht, ich hät­te dort gern statt­des­sen Alt Gr.
  • Die „Drucken“-Taste, eigent­lich die Multiplikationstaste des Zahlenblocks (den ich ja nicht nut­ze), könn­te statt­des­sen auch als Windowstaste benutzt werden.

Meine Konfigurationsdatei sieht der­zeit daher fol­gen­der­ma­ßen aus:

# Standardbelegungen:
remapblock
    PAD_ASTERIX LGUI  # "Drucktaste" = Windows-Taste
    CAPS_LOCK RALT    # Feststelltaste = Alt Gr

    # Navigationsblock wie auf der Tastatur aufgedruckt:
    PAD_1 END
    PAD_2 DOWN
    PAD_3 PAGE_DOWN
    PAD_4 LEFT
    PAD_5 ENTER
    PAD_6 RIGHT
    PAD_7 HOME
    PAD_8 UP
    PAD_9 PAGE_UP
    PAD_PERIOD DELETE

    # Raute- und Spitzpfeiltaste wieder an die richtige Stelle rücken:
    BACKSLASH     EUROPE_2
    BACK_QUOTE    BACKSLASH
endblock

# Zwei Moduswahltasten definieren:
# - Num Lock sollte zumindest wie gewohnt zur Verfügung stehen, falls mal eine
#   Umschaltung nötig ist.
# - Scroll Lock schaltet einen zweiten Modus frei, um Doppelbelegungen zu er-
#   möglichen.
ifselect any
remapblock
    NUM_LOCK    SELECT_1
    SCROLL_LOCK SELECT_2
endblock

# Num Lock schaltet derzeit nur den Zahlenblock und den Punkt um. Hier wäre
# Platz für weitere Erweiterungen, zum Beispiel die Wiederherstellung von
# PAD_ASTERIX (heißt wirklich so), das ich ja hier anderweitig belegt habe.
ifselect 1
remapblock
    PAD_1 1
    PAD_2 2
    PAD_3 3
    PAD_4 4
    PAD_5 5
    PAD_6 6
    PAD_7 7
    PAD_8 8
    PAD_9 9
    PAD_0 0
    PAD_PERIOD PERIOD
endblock

# Scroll Lock stellt die deaktivierten Tasten "Druck" und "^°" wieder her.
ifselect 2
remapblock
    PAD_ASTERIX PRINTSCREEN
    BACKSLASH   BACK_QUOTE
endblock

Aufgespielt wird die­se Datei, nen­nen wir sie modernxt.sc, mit­hil­fe der Programme aus den tools:

$ scas modernxt.sc modernxt.scb
$ scwr modernxt.scb

Windowsnutzer haben es ein­fa­cher, sie kön­nen die bei­gefüg­te Scriptdatei scas­wr nut­zen, die bei­de Schritte mit­ein­an­der ver­bin­det. Wichtig ist, dass der Editor Notepad hier (lei­der) dazu neigt, die Zeichenkodierung in UTF-8 mit Byte-Order Mark zu ändern, was zu einem Fehler führt. Ich emp­feh­le dar­auf zu ach­ten, dass die Zeichenkodierung UTF-8 ist. Ob ANSI auch funk­tio­niert, weiß ich aber nicht.

Nachdem die Firmware erfolg­reich ein­ge­spielt wur­de, bleibt fest­zu­stel­len: Damit lässt sich arbei­ten. Ich hat­te durch­aus Spaß an den Vorbereitungen zu die­sem Text und bin auch mit dem Ergebnis bei­na­he zufrie­den. Es ist nur etwas unge­wohnt, dass mein Model M jetzt so lei­se wirkt. Aber ein Mensch, der kei­nen Anlass zur Beschwerde hat, ähnelt sehr einem Menschen ohne Wünsche. Und wie trist wäre das?

Senfecke:

    • Unterschätz mal dein Muskelgedächtnis nicht. Als ich mein Model M bekom­men hat­te, war ich auch nur vor­über­ge­hend ein biss­chen ver­wirrt, schon wegen der Kreuznavigation. Inzwischen kann ich damit wie­der ganz nor­mal arbei­ten. So ähn­lich dürf­te es beim Model F auch lau­fen. Die Anordnung der Tasten ist ja weit­ge­hend eine Frage der Programmierung.

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
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