MusikIn den Nachrichten
Der Antimusikpreis

Man stelle sich eine Ausze­ich­nung vor, die all jenen erteilt wird, die nicht etwa musikalisch oder wenig­stens textlich bedeut­same Werke mit Tief­gang und von über­ra­gen­der Kreativ­ität und Qual­ität her­vor­brin­gen, son­dern die das Geschäft, in dem es darum geht, mit möglichst wenig eigen­er Leis­tung, indem man sich zum Beispiel von Dieter Bohlen oder einem der ungezählten Hil­f­ss­chreiber der Indus­trie Melodie und Text vorgeben lässt und dann nur noch, wegen man­gel­nden Kön­nens stark ver­fremdet, einen klin­isch rein tönen­den Com­put­er begleit­et, möglichst viel kurzfristi­gen Erfolg (engl. “air­play”) zu erzie­len, ver­standen haben und zu nutzen wis­sen.

Im Rah­men ein­er möglichen Gala, die unter auss­chließlich­er Berück­sich­ti­gung von möglichen Reizen zur Lockerung des Porte­mon­naies um diese Ausze­ich­nung herum geschnei­dert würde, kön­nten dann zum Beispiel irgendwelche Kinder­stars auftreten und, um diesen Auftritt wenig­stens seman­tisch zu begrün­den, ein Kinder­lied­chen sin­gen oder ein Gedicht, lyrics also, auf­sagen (“rap­pen”). Im Vor­feld geäußerte Bedenken gegen dieses Gedicht wür­den sich­er­stellen, dass die Gala viel gut bezahlte Aufmerk­samkeit ver­schafft. Auch schlecht gelaunte Zuschauer sind Zuschauer. Dass der­jenige Preisträger, der — ganz Punk — die lautesten Bedenken gegen das undeut­lich Erzählte äußert, diese Ausze­ich­nung den­noch als Ehre begreift, wäre dabei selb­stver­ständlich, denn die Ausze­ich­nung kön­nte ja nichts dafür, dass man sie nicht für Qual­ität erhält. Ein vernün­ftiger Kün­stler würde sich durch eine solche Ausze­ich­nung belei­digt fühlen, darum wür­den vernün­ftige Kün­stler gar nicht erst nominiert.

Man stelle sich vor, diesen Unsinn nen­nte man dann einen Musik- und nicht etwa einen Kon­sumpreis, obwohl das für seine Exis­tenz Wesentliche doch der Kon­sum und nicht das Kon­sum­ierte ist. Unter etwas anderen Umstän­den wäre diese Vorstel­lung wohl eine Medi­en­satire, jedoch heißt sie in Deutsch­land schlicht “Echo” und beschäftigt die Medi­en und deren Empfänger seit Tagen, als wäre die Ausze­ich­nung von min­derqual­i­ta­tivem Murks ein Symp­tom eines Prob­lems und nicht etwa der Kern des Konzepts “Echo”.

Eine lebenswerte Gesellschaft etablierte “Vor­sicht: Echo-Gewin­ner!” als Warn­schild auf ein­schlägi­gen Ton­trägern, auf dass dem neugieri­gen Käufer schon im Voraus klar sein möge, dass er es hier mit Funk­tion­s­musik zu tun haben wird, deren wesentliche Fähigkeit es ist, Leben­szeit zu ver­schwen­den. Eine Gesellschaft ander­er­seits, die sich über­haupt einen solchen Antimusikpreis leis­tet, wird so lebenswert niemals sein.


Nach­trag vom 18. April 2018: “Wer so redet, ver­ste­ht Hip-Hop nicht.”

Senfecke:

    • Zu ster­ben ist keine Leis­tung, obwohl Ton­trägerkäufer das, sta­tis­tisch betra­chtet (Michael Jack­son, John Lennon, Elvis), oft anders sehen.

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