NerdkramsNetzfundstücke
Datengefährdung dank Digitalcourage

Was macht eigent­lich der digi­tal­cou­ra­ge e.V. (Themen: EU-Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Feminismus usw.) gera­de so? Nun, er wird mal wie­der durch die Medien getrie­ben, weil er trotz allem noch immer als in Datenschutzdingen halb­wegs stand­fest gilt. Der aktu­el­le Anlass scheint eine zwei Jahre alte Pressemitteilung zu sein, der zufol­ge noch 2018 in Wolfsburg Grundschüler ver­wanzt wer­den sol­len, um nicht über­fah­ren zu werden.

Für den soeben ver­link­ten Artikel wur­den zwei Auskenner aus dem „Verein, der sich seit 1987 für Grundrechte und Datenschutz ein­setzt“ (ebd.), nach ihrer Meinung zu die­sem Projekt gefragt. Um den Inhalt soll es mir hier aber nicht gehen, son­dern um den Verein selbst. Diesen hat­te ich vor etwa einem Jahr zum letz­ten Mal wirk­lich bewusst zur Kenntnis genom­men - damals emp­fahl der Verein auf sei­ner Website, man möge die Installation von Ubuntu, das gera­de erst wegen mas­si­ver Datenschutzärgernisse, näm­lich ein­ge­bau­ter Amazon-Spyware, in die Kritik gera­ten war, anstel­le von Windows in Erwägung zie­hen. Es han­delt sich also frag­los um einen Verein, der mit­un­ter popu­li­sti­schen Aktionismus (was auch sei­ne medi­al beach­te­te Verleihung der „Big Brother Awards“ belegt) über­leg­tem Raisonnement vor­zieht und dabei auch Schaden im eige­nen Lager in Kauf nimmt. Kurz gesagt: Was den Datenschutz betrifft, traue ich dem digi­tal­cou­ra­ge e.V. (der mir unter dem alten Namen „FoeBuD“ wenig­stens klang­lich sym­pa­thi­scher war) nicht über den Weg und wür­de dies auch nie­man­dem empfehlen.

Aufgrund des Artikels begut­ach­te­te ich die inzwi­schen - offen­bar nach „mobi­le first“, auf einem ver­nünf­ti­gen Bildschirm sieht sie also zum Speien aus - neu gestal­te­te Website aller­dings doch noch ein­mal, um mich zu ver­ge­wis­sern, dass mei­ne Vorbehalte nicht plötz­lich ver­al­tet sind; das Gute im Menschen bezie­hungs­wei­se im Verein sei ja nicht gänz­lich in Abrede gestellt. Natürlich war das ein Fehler.

Denn zwar wird nun die weni­ger grund­fal­sche Linuxdistribution Tails statt Ubuntu emp­foh­len und auch an ande­ren Stellen zeigt der Verein zumin­dest, woher sein weit­ge­hend guter Ruf eigent­lich ursprüng­lich ein­mal stamm­te, aber eine kon­se­quen­te Umsetzung der eige­nen Empfehlungen ist dem digi­tal­cou­ra­ge e.V. auch wei­ter­hin nicht gege­ben. Wasser pre­di­gen, Cognac saufen.

Auf der Seite über „Anti-Tracking-Tools“ wird näm­lich zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es eine sau­däm­li­che Idee ist, Websites ohne ver­nünf­ti­gen Grund das Ausführen von Code auf dem eige­nen Rechner („JavaScript“) zu erlau­ben. Leider wird jemand, der sich des­sen bewusst ist, die­sen Hinweis nicht so leicht fin­den wie etwas düm­me­re Menschen, denn wenn man mit aus­ge­schal­te­tem JavaScript auf der auf ver­nünf­ti­gen Bildschirmen gro­tesk gigan­ti­schen „Menü“-Schaltfläche her­um­drückt, pas­siert genau gar nichts, denn das „Menü“ (im Wesentlichen aus dem unte­ren Teil der Seite bestehend) wird nicht etwa mit CSS oder einem ein­fa­chen HTML-Verweis auf eben die­sen unte­ren Teil, son­dern per JavaScript ein­ge­blen­det. Das mag auf mobi­len Geräten, auf denen die Aktivierung grund­le­gen­der Sicherheitsmaßnahmen oft nicht ein­mal vor­ge­se­hen ist, kein gro­ßes Problem dar­stel­len, wenn man auf die Datensicherheit sei­ner Besucher kei­nen beson­de­ren Wert legt; aber eben auch nur dann. Dass vor die­sem Hintergrund die voll­mun­di­ge Behauptung aus der Datenschutzerklärung, in der unter ande­rem auch steht, der Server spei­che­re mei­ne Browserversion (wofür eigent­lich?), dass „grund­sätz­lich“ weder „Tracking“ noch „akti­ve Inhalte“ (ver­ste­he schon: JavaScript ist eben nicht aktiv genug) ver­wen­det wer­den, sich als hei­ße Luft ent­puppt, spielt da schon fast kei­ne Rolle mehr.

Vielleicht ist es aber auch nur Unfähigkeit und nicht etwa Unwissen:

Eine Ausnahme stellt das has_­js-Cookie dar, mit dem wäh­rend der Sitzung fest­ge­hal­ten wird, ob im Browser „Javascript“ ein­ge­schal­tet ist. Diese Information wird von unse­rem Content Management System „Drupal“ genutzt, um die Seiten-Darstellung in Ihrem Browser zu optimieren.

Mensch, das mit der Optimierung funk­tio­niert ja rich­tig klas­se! Inwiefern es die Seitendarstellung zu ver­bes­sern ver­mag, wenn man statt­des­sen JavaScript akti­viert, steht natür­lich nicht dabei. Bis auf eine Sammlung dann beweg­ter Bilder und einer end­lich mal funk­tio­nie­ren­den Navigationsleiste unter der dafür vor­ge­se­he­nen Schaltfläche konn­te ich jeden­falls gera­de kei­nen Unterschied erken­nen. Mir wäre es das ja nicht unbe­dingt wert.

An ver­schie­de­nen Stellen auf sei­ner Website ver­kün­det der Verein:

Digitalcourage setzt sich für Ihre Privatsphäre und Grundrechte ein. Unterstützen Sie unse­re Arbeit mit einer Spende oder mit einer Fördermitgliedschaft.

Ich hat­te noch nie so wenig Lust, einem Verein beizutreten.

Senfecke:

    • Tor, kein Javascript, kei­ne Cookies von Dritten. Und ich kom­men­tie­re. Bei einem Alphablogger mit Disqus wäre das nicht pas­siert. ;)

      Ist doch schön, wenn das Web ein­fach mal so funk­tio­niert, wie es gedacht ist.

  1. Der Scriptblocker sagt was von 27 Skripten und 1 Objekt. Kommentieren ist mög­lich, aber das Kommentarfeld ist ein klei­nes Rechteck. Gibt also noch Potenzial.

    • Ich bin dar­auf bedacht, dass Leute mit einem ver­nünf­tig ein­ge­stell­ten Webbrowser kei­nen tech­ni­schen Nachteil haben. Der Rest ist Beiwerk.

  2. Ich habe hier nur Bilder und CSS erlaubt. Die Seite ist voll funk­tio­nal und ich kann kom­men­tie­ren. Geht bei mei­ner Seite lei­der nicht, da Isso nur mit Javascript läuft. Das ist aber immer­hin selbst­ge­ho­sted und nicht bei Dritten.

    Zum Thema: Das ist wirk­lich pein­lich für einen Verein, der sich Datenschutzz etc. auf die Fahne schreibt.

    • Den ersten Kommentar einer Mailadresse muss ich hän­disch frei­schal­ten - ein­fach, um mir poten­zi­el­len Ärger zu erspa­ren. Dafür kann aber JavaScript nichts.

  3. Und der Kollege flat­ter ist jetzt wochen­lang auch schon nicht mehr über Tor zugäng­lich, und kei­nem scheint es auf­zu­fal­len. Ebenso wars mal beim Burks.

  4. Immerhin scheint die Aktion in Wolfsburg etwas bewirkt zu haben, wenn man hei­se und netzpolitik.org dazu heu­te liest.

    Das mit dem „ver­nünf­ti­gen Bildschirm“ ist so eine Sache, die mich selbst eben­falls umtreibt. Es nervt, wenn man unsin­nig viel scrol­len muss. Aber man wuss­te schon frü­her, dass zu brei­te Zeilen lese­un­freund­lich sind. Genau genom­men, müss­ten unse­re Monitore wohl hoch­kant stehen.

    • Die Bildschirme frü­her gra­fi­scher „PCs“ - der Xerox Alto ist ein groß­ar­ti­ges Beispiel - stan­den ja hoch­kant. Ich ver­ste­he das bescheu­er­te 16:9-Format auch nicht.

    • Niemand hin­dert dich dar­an dei­nen Monitor hoch­kant zu nut­zen. Bei jedem nicht ganz so bil­li­gen Monitor ist das sogar so gedacht (dreh­bar). ;)

      • erin­nert mich an man­che dama­li­ge Webmaster, die auf ihrer Homepage kur­zer­hand schrie­ben: „Diese Webseite ist opti­miert für .…“.

  5. In Bezug auf „mobi­le first“ gibt es zwei ver­schie­de­ne Bedeutungen / Interpretationen, wie ich her­aus­fin­den musste:

    a) Wie „ame­ri­ca first!“ – Mobil-Geräte wer­den bevor­zugt. Nicht so dol­le, wie du bereits schriebst.

    b) Eine zweck­mä­ßi­ge Vorgehensweise bei der Entwicklung einer Webseite: Man ent­wickelt zuerst für klei­ne Bildschirme mobi­ler Geräte (ein­fach, weil da meist alles unter­ein­an­der ange­ord­net wird, was bei einer Webseite ohne jeg­li­ches CSS auch der Fall ist) und passt es dann für gro­ße Bildschirme an. Die all­ge­mei­nen Anweisungen und sol­che für Mobil-Geräte wer­den dann auch vor denen für gro­ße Bildschirme in der CSS-Datei / Reihenfolge notiert.

    Siehe auch Informationen zu „Mobile First“ im Selfhtml-Wiki (Disclaimer: betref­fen­der Abschnitt teil­wei­se von mir geschrieben).

    Julius

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