Mir wird geschlechtSonstiges
Medienkritik CVI: Si tacuisses…

Das Magazin „Hohe Luft“ – Untertitel: „Für alle, die Lust am Denken haben“ – gehört zu den wenigen Magazinen, deren Erscheinungen ich regelmäßig zumindest inhaltlich zur Kenntnis nehme. Das wesentliche Thema des Magazins ist die Philosophie, und während Adorno und Altgriechen in der Redaktion offenbar als gesetzt gelten, hat doch jede einzelne Ausgabe ein anderes Hauptthema. Wie auch in der vor vielen Jahren noch grundsätzlich lesenswerten „c’t“, die irgendwann um 2014 herum zum Linux-Fanmagazin verkommen ist, nehme ich jedoch auch in der „Hohen Luft“ allmählich einen qualitativen Verfall wahr.

Normalerweise geht es an dieser Stelle um Frauenmagazine und ihr merkwürdiges Bild von Männern. So ähnlich ist es auch heute, denn die Redaktion der „Hohen Luft“ hat eine recht hohe Frauenquote. Selten aber war das so offensichtlich wie diesmal.

Das Titelthema der Ausgabe 5/2017 der „Hohen Luft“ nämlich lautet: „Was es heißt, ein Mann zu sein“. Bebildert ist es vorne drauf mit einer Silhouette, die wohl einen Mann darstellen soll, um den klassisch männliche Dinge wie Gewichte, ein muskulöser Arm, eine Schirmmütze, ein Tennisschläger und ein Bügeleisen kreisen. „Der Mann als ethisches Geschlecht“ ist das jetzige Leitthema des Magazins und ich habe mich wirklich schon mal ethischer gefühlt.

Den Text zur blöden Überschrift („Der moderne Mann“) verfasste Chefredakteur Thomas Vašek gemeinsam mit der erschreckend blonden Philosophin, Rednerin & Autorin Dr. Rebekka Reinhard, die unter anderem das Buch „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“ geschrieben hat und gelegentlich für Geld über „Female Empowerment“ redet, wie ihre Website weiß; die Qualifikation für einen mehrseitigen Text über die Ethik des modernen Mannseins bedarf also keiner weiteren Erklärung. Vielleicht schreibe ich irgendwann mal ein Buch über Menstruation oder so.

„Der traditionelle Mann“, behauptet also schon der Anrisstext, sei „ein Auslaufmodell. Doch was ist das überhaupt: Männlichkeit?“ Da bin ich mal gespannt. Aus didaktischen Gründen springe ich im Text ein wenig umher, zur Stringenz ist der Genuss des Originaltexts unvermeidlich.

Schon, weil der vermutlich entscheidende Textteil mittendrin steht:

Männer haben bisher die (Über-)Macht. Sie haben sich die Welt so eingerichtet, dass sie ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht. Kapitalismus, Wettbewerb, Waffen, Kriege, schnelle Autos – all das sind ihre Erzeugnisse.

Frauen nämlich, das muss man wissen, sind für Kapitalismus und Wettbewerb nicht fähig genug – daher vermutlich ihr Gezeter ob ausbleibender Vaginalquotierung – und haben kein Bedürfnis nach Waffen und Kriegen, was sie immer und grundsätzlich von Männern unterscheidet. Ein Mann steht morgens auf und fängt erst mal einen Krieg an, denn das verlangt die von ihm selbst errichtete Welt von ihm.

Mit einem so bescheuerten Grundverständnis vom Mannsein (Buchvertrag!) argumentiert es sich natürlich recht schnell etwas über „Männerforschung“ zusammen. „Die Männerforschung“, behauptet ein Erklärungskasten, sei „ein interdisziplinäres akademisches Fach, das (…) neue Modelle der Männlichkeit diskutiert. (…) Einer der derzeit einflussreichsten Männerforscher ist der amerikanische Soziologe und Feminist Michael Kimmel“, denn wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, die Männer sinnvoll erforschen kann, dann sind das ganz klar die Feministen. Bedauerlicherweise schaffen die beiden Autoren es auf vier Seiten kaum, inhaltlich merklich über die Behauptung, unter Mannsein verstehe man 2017 etwas anderes als noch 1817, hinauszugehen, wobei sie immerhin den Kunstgriff vornehmen, die Geschlechterfrage nicht auf „hat Penis“ und „hat keinen Penis“ herunterzubrechen.

Selbstgewählte Männlichkeit nämlich – das ethische, nicht etwa das soziale oder biologische Geschlecht – liege vor, wenn männliche Werte vertreten würden, zum Beispiel nämlich:

Ein Mann strebt einen gut bezahlten Job an, weil ihm finanzielle Unabhängigkeit wichtig ist. (…) Er kann es (…) unabhängig von einem bestimmten männlichen „Sollen“ tun – einfach deshalb, weil es seiner Vorstellung von einem gelingenden Leben entspricht.

Der Argumentationsweise der Autoren zufolge ist jede Frau, die gern ein finanziell gelingendes Leben führen möchte, ethisch ein Mann. Hoffentlich lesen Feministen nicht die „Hohe Luft“. – Wenige Seiten zuvor zitierte Tobias Hürter bezogen auf Donald Trump die Logikerweisheit „aus Falschem folgt Beliebiges“, jedoch hatten die Autoren in Logik wohl meist gefehlt, so dass es ihrerseits zu folgendem Vorschlag kam:

Nur wenn der moderne Mann bereit ist, seinen Umbau selbst in die Hand zu nehmen (…), kann er sich wirklich als „modern“ und zukunftsfähig erweisen.

Mit dem „Umbau“ ist hier die Aufgabe der so genannten „Männlichkeit“, das Aufbrechen von „klassische Normen“ genannten Verhaltensmustern (i.e. Waffen und Kriege), gemeint, um als Mann, dem seine gewohnten Normen aufgrund gesellschaftlicher Umwälzungen abhanden gekommen seien, nicht den Lebenssinn zu verlieren. Ich bezweifle, dass diese Ausgabe der „Hohen Luft“ diesem Verlust nicht Vorschub leistet.

Als „Lektüre“ werden am Schluss des Artikels magazintypisch drei verschiedene Bücher empfohlen, darunter „der Klassiker eines Feministen über die verschiedenen Männlichkeitskonzepte unserer Zeit“. Man könnte wahrscheinlich stattdessen auch einfach die „EMMA“ lesen.

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  1. Meine Fresse, haben die alle einen an der Klatsche.

    Gestern noch ein Zitat von Berthold Brecht in der U-Bahn gesehen:“Kein Vormarsch ist so schwer wie der zurück zur Vernunft“

    Passt nur zu gut in die heutige Zeit …

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