In den NachrichtenNerdkrams
Das Inter­net kaputt­ge­sun­den mit Sit­te und Anstand

Unter dem, nun, Künst­ler­na­men „Jigsaw” – zu Deutsch „Puz­zle” – erprob­te in der „Saw”-Filmreihe ein offen­bar sadi­sti­scher Täter eine Serie reich­lich unkon­ven­tio­nel­ler Tötungs­ar­ten. „Jigsaw” ist außer­dem der Name der Erfin­der­grup­pe („Think Tank”, zu Deutsch „Denk­pan­zer”) einer neu­en Zen­sur­soft­ware der all­seits belieb­ten Hip­pie­kom­mu­ne Goog­le. „SPIE­GEL ONLINE” berich­tet:

Belei­di­gun­gen machen vie­le Dis­kus­sio­nen im Netz unge­nieß­bar. Eine Goog­le-Toch­ter will jetzt die Lösung gefun­den haben: Eine selbst­ler­nen­de Soft­ware soll das Gift aus Kom­men­tar­spal­ten saugen.

Ich habe ja die vage Ver­mu­tung, dass Arti­kel­au­tor Fabi­an Rein­bold – das war, lang­jäh­ri­ge Leser mögen sich ungern erin­nern, der hier – „das Netz”, „das Web” und „das Inter­net” nicht so recht von­ein­an­der unter­schei­den kann, aber gut, ist ja auch nur das Res­sort „Netz­welt” auf „SPIE­GEL ONLINE” und nichts, wofür man irgend­was wis­sen müss­te, um da zu schrei­ben. Pas­sen­der­wei­se ist der Arti­kel ein­sor­tiert unter „Netz­welt -> Web -> Inter­net”, denn bekannt­lich ist das Inter­net im Web drin und nicht anders­rum. Ein drei­fach Hoch dem Qualitätsjournalismus.

Wor­um geht es? Um Anstand natürlich:

Trol­le ver­trei­ben Anders­den­ken­de, töten damit die Dis­kus­si­on. (…) Jigsaws Lösung: Eine selbst­ler­nen­de Soft­ware namens „Per­spec­ti­ve” soll die Pöbe­lei­en auto­ma­tisch erken­nen und aus­sor­tie­ren. (…) Jigsaw-Lei­ter Jared Cohen ver­kauft sein Pro­jekt mit dem Satz: „Wir wol­len ein gesün­de­res Internet.”

(Her­vor­he­bung von mir.)

„Anders­den­ken­de”, für die Guten ein belieb­ter Kampf­be­griff, um ihre ethi­schen Geg­ner zu kata­lo­gi­sie­ren und stig­ma­ti­sie­ren, sol­len also nicht mehr von „Trol­len” – basie­rend auf dem Kra­keel der Mas­se, denn wie schon auf Twit­ter sind die, die am lau­te­sten „der da ist böse” brül­len, immer die, die Recht haben bekom­men – an einer fried­li­chen und vor allem unge­stör­ten Dis­kus­si­on (vul­go „Fil­ter­bla­se”) gehin­dert wer­den, was erfah­rungs­ge­mäß dann unge­fähr so aus­sieht, dass die rück­sichts­lo­se­sten Besu­cher eines Kom­men­tar­be­reichs die­je­ni­gen sind, die ent­schei­den, wor­über dis­ku­tiert wer­den darf:

Gespeist wur­de sei­ne Daten­bank mit Bei­trä­gen aus der „New York Times”-Kommentarspalte und aus Wiki­pe­dia-Dis­kus­sio­nen, die noch von Men­schen als unan­stän­dig gebrand­markt wur­den. (…) Das Pro­gramm soll jeden Kom­men­tar mit einem Gift­wert von 0 bis 100 kenn­zeich­nen – und die­se auto­ma­ti­sche Ein­ord­nung soll Medi­en, die Per­spec­ti­ve ein­set­zen, entlasten.

(Her­vor­he­bung erneut von mir.)

Über Anstand dis­ku­tiert man nicht, nein, nein; den unpu­ri­ta­ni­schen Aus­wüch­sen die­ser Dis­kus­si­ons­un­kul­tur möge als­bald Ein­halt gebo­ten wer­den. Die reden da über Sex vor der Ehe, pfui! – Je nach­dem, wel­cher Par­tei Stamm­wäh­ler man fragt, dürf­te die Defi­ni­ti­on von „Anstand” eine sein, über die sich unter­ein­an­der pop­corn­wür­digst gestrit­ten wer­den kann.

Nun ist das Web („Netz”, F. Rein­bold) und mit ihm die Gara­gen­klit­sche Goog­le kei­nes­wegs des­halb so groß gewor­den, weil sich Men­schen gern dort auf­hal­ten, wo man sie an der unmo­de­rier­ten Äuße­rung pro­vo­kan­ter (wo nicht justi­zia­bler, was hier aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen wer­den darf), dem Zeit­geist wider­spre­chen­der Behaup­tun­gen hin­dert, son­dern des­halb, weil ihnen das „Inter­net” eine Platt­form zum unge­zü­gel­ten Aus­tausch gewähr­te, den weder Ochs’ Schäub­le noch Ese­lin von der Ley­en zu begren­zen ver­moch­ten. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Vor­stel­lung von „gif­ti­ger Spra­che” (die US-Ame­ri­ka­ner sind das­je­ni­ge Volk, wel­ches gegen die Todes­stra­fe, Mord­in­stru­men­te in jedem Haus­halt und Last­wa­gen fah­ren­de Kin­der nichts ein­zu­wen­den hat, aber umge­hend wüten­de Zuschau­er­mails ver­fasst, wenn jemand im Fern­se­hen vom Sau­gen spricht) wür­de ich in all mei­ner Nai­vi­tät jeden­falls kei­nes­falls zur Maxi­me erho­ben sehen wol­len, auch und gera­de nicht unter den gege­be­nen Umstän­den, dass die für mei­ne Ent­wür­di­gung der­zeit zustän­di­ge Bun­des­re­gie­rung im Kampf gegen unhöf­li­ches Mit­ein­an­der im „Inter­net” gemein­sa­me Sache mit „Schniep­t­rö­ten” (N. Her­mann, ande­rer Zusam­men­hang) wie Julia Schramm, die gegen ein paar kla­re Wor­te noch nie etwas ein­zu­wen­den hat­te, macht.

Gewöhn­lich sind es die Ver­gnü­gun­gen, in denen die guten Sit­ten zu Fall kommen.
Lü Buwei

Senfecke:

  1. Moin und Aha,
    Jigsaw“ = Fire­men für Netz­welt -> Web -> Internet
    erin­nert mich irgend­wie an Fah­ren­heit 451
    by R. Bradbury

  2. Tja, Moral wird immer Mode­strö­mun­gen unter­wor­fen sein, weil sich inner­halb von Grup­pen Macht­kämp­fe abspie­len. Mit der Eta­blie­rung und Durch­set­zung einer Moral lässt sich sehr ein­fach die eige­ne Posi­ti­on inner­halb der Grup­pe erhö­hen. Zu ver­lockend, wenn der „Geg­ner” ein anony­mer Kom­men­ta­tor im eige­nen Medi­um ist. Immer wie­der die alte Lei­er: Ein Feind von außen ist der­ma­ßen praktisch…

  3. Zuviel WOT gespielt :: „Think Tank” heißt nicht „Denk­pan­zer” :)

    „Denk­fa­brik” ist die „kor­rek­te” Über­tra­gung. Über­setzt wäre „Denk­tank” kor­rekt. Lei­tet sich hier näm­lich tat­säch­lich von TANK=>TANK=>Behälter ab, weil Think Tanks nur inner­lich arbei­ten, also im über­tra­ge­nen Sin­ne alle Arbeit im Behäl­ter gelei­stet wird und nichts nach außen dringt.

    Die Dis­kus­si­on zum The­ma Fil­ter­bla­se ist ja mal viel älter als der neue­ste Goog­le­ver­such, sel­bi­ge für sich nutz­ba­rer zu machen. Deut­lich ein­fa­cher wärs aller­dings, wenn man ( Goog­le ) nicht jeden erdenk­li­chen Scheiss von jeder erdenk­li­chen Web­sei­te indi­zier­bar gemacht hät­te. Dann wäre näm­lich man­gels Mas­se von dem Pro­blem nicht viel übrig geblieben.

Comments are closed.

https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_smilenew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_biggrin2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_sadnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_eek.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_shocked.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_confusednew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_coolnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_lol.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_madnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_aufsmaul.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_seb_zunge.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_blushnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_frown.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_twistedevil1.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_twistedevil2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/icon_mad.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_rolleyesnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_wink2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_idea2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_arrow2.gif 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre> <code> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Deine IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details findest du hier.