Netzfundstücke
Was hat Sascha Lobo eigent­lich gegen eine libe­ra­le Gesellschaft?

Erin­nert sich noch jemand an Sascha Lobo?

Sascha Lobo („Blog­ger, Buch­au­tor, Jour­na­list und Wer­be­tex­ter“, Wiki­pe­dia) wur­de vor eini­gen Jah­ren, wenn er sich nicht gera­de im Fern­se­hen bla­mier­te, dafür bekannt, dass er eine Fri­sur und vor allem eine Mei­nung hat­te; irgend­wo beim Auf­bau der „Blo­go­sphä­re“ (ein Wort wie ein Ele­fant mit Blä­hun­gen) bog er falsch ab und mach­te Wer­bung für Voda­fone und die SPD, wor­aus sich zumin­dest fol­gern lässt, dass er durch­aus auch ein Herz für Geschei­ter­te hat. Kon­se­quent arbei­te­te er in der Ver­gan­gen­heit gele­gent­lich mit Chri­stoph „Spin­ner“ Kap­pes zusam­men, zeig­te bis­lang also erschreckend wenig Berüh­rungs­äng­ste mit dem Grips­p­re­ka­ri­at. (Ande­rer­seits: Sascha Lobo kolum­niert der­zeit regel­mä­ßig für „SPIEGEL ONLINE“ – das Niveau muss man sich erst mal antrainieren.)

Schon im Sep­tem­ber 2009 mach­ten sich Sascha Lobo, Mar­kus Becke­dahl und ande­re ver­zicht­ba­re Alpharü­den mit dem Inter­net-Mani­fest einen schlech­ten Namen, das ein Vor­läu­fer vie­ler spä­te­rer Ent­wick­lun­gen, ver­mut­lich auch des unsäg­li­chen Ver­eins „Digi­ta­le Gesell­schaft“ (allein der Name schon!), war. Brau­chen wir nicht. Trotz­dem gin­gen die Prot­ago­ni­sten ein­fach nicht weg und dro­hen seit ein paar Stun­den mit der bal­di­gen papier­nen Ver­öf­fent­li­chung des­sen, was sie die Char­ta der Digi­ta­len Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on nen­nen, wor­aus ich ver­mut­lich nicht zu Unrecht fol­ge­re, dass sie gar nicht wis­sen, wel­che ihre der­zeit gül­ti­gen und sowie­so unver­äu­ßer­li­chen Grund­rech­te eigent­lich sind.

Auf die mei­sten Para­gra­phen der „Char­ta“ möch­te ich nicht unbe­dingt ein­ge­hen, da ist mir @tante doch deut­lich vor­aus – zusam­men­fas­send viel­leicht so viel: Sascha Lobo, Chri­stoph Kee­se, Anke Dom­scheit-Berg, aus­ge­rech­net Frank Rie­ger (CCC, natür­lich) und so wei­ter haben ein beäng­sti­gen­des Bild davon, wer was wie dür­fen soll und wie nicht. Ergän­zend zu soeben ver­link­tem Blog­ar­ti­kel möch­te ich aller­dings ins­be­son­de­re die aktu­el­le Fas­sung des 5. „Arti­kels“ herausheben:

(1) Jeder hat das Recht, in der digi­ta­len Welt sei­ne Mei­nung frei zu äußern. Eine Zen­sur fin­det nicht statt.

(2) Digi­ta­le Het­ze, Mob­bing sowie Akti­vi­tä­ten, die geeig­net sind, den Ruf oder die Unver­sehrt­heit einer Per­son ernst­haft zu gefähr­den, sind zu verhindern.

(3) Ein plu­ra­ler öffent­li­cher Dis­kurs­raum ist sicherzustellen.

(4) Staat­li­che Stel­len und die Betrei­ber von Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dien­sten sind ver­pflich­tet, für die Ein­hal­tung von Abs. 1, 2 und 3 zu sorgen.

Dass Sascha Lobo, Chri­stoph Kee­se, Anke Dom­scheit-Berg, aus­ge­rech­net Frank Rie­ger und so wei­ter sich bei Unter­zeich­nung auf die­se For­mu­lie­rung eini­gen konn­ten, lässt einen von drei mög­li­chen Schlüs­sen zu: Sie haben ihren eige­nen Text nicht ver­stan­den, die gel­ten­den Geset­ze nicht gele­sen oder aber sie machen das mit Absicht. Gut, zumin­dest bei der Kar­rie­re­frau mit­ten­drin ist die letz­te der drei Mög­lich­kei­ten die unwahr­schein­lich­ste – und sonst?

Jeder hat das Recht, in der digi­ta­len Welt sei­ne Mei­nung frei zu äußern. Eine Zen­sur fin­det nicht statt.

Ist das jetzt eine Erwei­te­rung oder eine Ein­schrän­kung gegen­über Art. 5 GG? Dort ist immer­hin nicht von der digi­ta­len Welt, son­dern von „Wort, Schrift und Bild“ sowie „all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len“ die Rede. Dass dies für das Inter­net nicht ohne­hin schon gel­te, hal­te ich für eine etwas obsku­re Auf­fas­sung. Aber immer­hin: „Eine Zen­sur fin­det nicht statt.“

Oder?

Gemäß BVerfG 1 BvR 23/​94 gilt, was die Initia­to­ren und För­de­rer (meist: SPD) diver­ser staat­lich geför­der­ter Kam­pa­gnen gegen ver­meint­lich ehr­ver­let­zen­de Tweets und Blog­tex­te eben­falls noch nie gele­sen zu haben scheinen:

[Mei­nun­gen] genie­ßen den Schutz des Grund­rechts, ohne daß es dar­auf ankommt, ob die Äuße­rung begrün­det oder grund­los, emo­tio­nal oder ratio­nal ist, als wert­voll oder wert­los, gefähr­lich oder harm­los ein­ge­schätzt wird (…). Der Schutz des Grund­rechts erstreckt sich auch auf die Form der Aus­sa­ge. Eine Mei­nungs­äu­ße­rung ver­liert den grund­recht­li­chen Schutz nicht dadurch, daß sie scharf oder ver­let­zend for­mu­liert ist[.]

Dem gegen­über steht die For­de­rung, dass „staat­li­che Stel­len“ dazu „ver­pflich­tet“ sein sol­len, „Akti­vi­tä­ten“, die den „Ruf (…) einer Per­son ernst­haft (…) gefähr­den“ kön­nen, bit­te­schön zu „ver­hin­dern“ (wohl­ge­merkt: prä­ven­tiv, nicht etwa erst hin­ter­her eine Stra­fe für das Nicht­ver­hin­der­te zu ver­hän­gen), was erstens nicht nur an das übli­che Vor­ge­hen in Prä­si­di­al­dik­ta­tu­ren und/​oder, qua­si als aktu­el­les Bei­spiel, der Tür­kei erin­nert, son­dern zwei­tens ins­be­son­de­re auch die Defi­ni­ti­on von „Zen­sur“ im besten poli­ti­schen Sin­ne erfüllt.

Was hat Sascha Lobo eigent­lich gegen eine libe­ra­le Gesellschaft?


Pri­ma Geschäfts­idee übri­gens: Schmink­tipps für ver­prü­gel­te Frau­en. Erklärt so man­ches make­up auch in deut­schen Städten.

Senfecke:

  1. Ist Leu­ten wie Frank Rie­ger wirk­lich nicht klar, dass sie gera­de aktiv an der Abschaf­fung der Demo­kra­tie mitwirken?

    Ich fas­se es ein­fach nicht mehr :(

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