In den NachrichtenWirtschaft
Euro­pa ist mehr.

(Vor­be­mer­kung: Ich habe von Wirt­schaft kei­ne Ahnung.)

Ich wur­de gefragt, wel­chen Vor­schlag ich zum wei­te­ren Umgang mit Grie­chen­land und sei­nen feh­len­den Finan­zen denn machen kön­ne; man kön­ne doch die Grie­chen nicht ein­fach ver­hun­gern las­sen. Bei der Betrach­tung die­ses Extrems lie­ße sich ver­mut­lich bei einem Blick ins Gesetz­buch vie­les abkür­zen:

Die Uni­on haf­tet nicht für die Ver­bind­lich­kei­ten (…) von Mit­glied­staa­ten und tritt nicht für der­ar­ti­ge Ver­bind­lich­kei­ten ein (…). Ein Mit­glied­staat haf­tet nicht für die Ver­bind­lich­kei­ten (…) eines ande­ren Mit­glied­staats und tritt nicht für der­ar­ti­ge Ver­bind­lich­kei­ten ein (…).

Aber man müs­se doch den Euro ret­ten, skan­diert man, um sein Gewis­sen zu rei­ni­gen. Die gehen sonst! Dass bei den Dis­kus­sio­nen dar­über, ob dadurch nicht unser Euro­pa gefähr­det wür­de, EU-Län­der wie Groß­bri­tan­ni­en und Schwe­den, die den Euro nicht haben wol­len, sowie völ­lig außen­ste­hen­de euro­päi­sche Staa­ten wie die Schweiz und Nor­we­gen, die trotz feh­len­der Mit­glied­schaft in der Euro­zo­ne nicht unbe­dingt durch eine am Boden lie­gen­de Wirt­schaft auf­fal­len, oft nicht ein­mal berück­sich­tigt wer­den, beein­flusst das Ergeb­nis sol­cher Über­le­gun­gen ver­mut­lich nicht in unbe­deu­ten­dem Aus­maß. Inso­fern zeich­ne­te auch Paul de Grau­we ein merk­wür­di­ges Bild von Euro­pa, als er bereits im April die­ses Jah­res ver­kün­de­te:

Eine Wäh­rungs­uni­on, in der ein­zel­ne Län­der aus­tre­ten kön­nen, wenn der finan­zi­el­le und öko­no­mi­sche Druck zu groß wird, ist eine kom­plett ande­re als das Kon­zept einer dau­er­haft bestehen­den Euro­zo­ne, wie wir sie bis­lang hat­ten.

(Her­vor­he­bung wie gewohnt von mir.)

Weil wir sie eben nicht bis­lang hat­ten. – Ver­schie­de­ne Staa­ten sind eben­so ver­schie­de­nen Markt­be­din­gun­gen unter­wor­fen, eine staa­ten­über­grei­fen­de Wäh­rung kann in einem hete­ro­ge­nen Staa­ten­bund nicht ohne grö­ße­re Kom­pro­mis­se funk­tio­nie­ren.

Grie­chen­land bräuch­te, wenn es nach dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds geht, etwa 30 Jah­re Zeit, um sei­ne Schul­den zurück­zu­zah­len. Wäre das Land bereits 2008 mit dem Ein­set­zen der Rezes­si­on aus dem Euro aus­ge­stie­gen (das schreck­li­che Wort „Grexit“ emp­feh­le ich jedem Men­schen mit auch nur gerin­gem Sprach­ver­mö­gen zu ver­mei­den), spe­ku­liert Simon Jenk­ins, so wäre sei­ne Wirt­schaft bereits nahe­zu sta­bil. Woher die Angst? Viel­leicht soll­te Grie­chen­land aus der Wäh­rungs­ge­mein­schaft aus­stei­gen, die schon jetzt von etwa einem Drit­tel der EU-Län­der nicht beach­tet wird. Viel­leicht soll­te der Euro auch aus der EU aus­stei­gen, denn ein tat­säch­li­cher Mehr­wert einer gemein­sa­men Wäh­rung ist mitt­ler­wei­le, nach­dem ihre ein­sti­gen Stan­dards in Ver­ges­sen­heit gera­ten sind, zwei­fel­haft.

Dass als Zwi­schen­fa­zit all die­ser Dis­kus­si­on die Volks­sou­ve­rä­ni­tät Grie­chen­lands in ein „EU-Pro­tek­to­rat“ (Frank Schäff­ler, F.D.P.) über­ge­hen soll, ver­bes­sert die Lage auch aus mora­li­scher Sicht nicht:

All das, wofür Syri­za im Janu­ar gewählt wur­de und was jetzt beim Refe­ren­dum mit gro­ßer Mehr­heit bestä­tigt wur­de, soll nun über Bord gewor­fen wer­den. So lächer­lich unrea­li­stisch die ange­peil­ten Pri­va­ti­sie­rungs­er­lö­se von 50 Mil­li­ar­den Euro auch sein mögen, sie sind ein Schlag ins Gesicht der Sozia­li­sten in Grie­chen­land.

Eine euro­päi­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft ist aus histo­ri­scher wie öko­no­mi­scher Sicht eine gute Idee. Sie kann aber selbst unter der Vor­aus­set­zung, dass sie auch ohne ein Drit­tel der mög­li­chen Teil­neh­mer noch als „intakt“ gewer­tet wird, nur funk­tio­nie­ren, wenn zweit­ran­gi­ge Wer­te wie etwa der Name der in ihren Mit­glieds­län­dern ver­wen­de­ten Wäh­rung kei­nen hohen Stel­len­wert ein­ge­räumt bekom­men. Im Übri­gen ist der Markt noch immer ein Vehi­kel und kein Prot­ago­nist; Schwe­den, Nor­we­gen und selbst Groß­bri­tan­ni­en sind bei allen wirt­schaft­li­chen Unter­schie­den noch immer ein Teil der euro­päi­schen Wer­te­ge­mein­schaft. Nun mag man von der euro­päi­schen Wer­te­ge­mein­schaft ange­sichts von Krieg und Elend so wenig hal­ten wie ich, aber es gilt: Euro­pa defi­niert sich nicht über gemein­sa­mes Geld, Euro­pa ist ein Ide­al.

In Soma­lia ver­hun­gern Kin­der und ihr wollt eure fehl­ge­plan­te Wäh­rung ret­ten?


Zum Aus­gleich noch etwas von die­ser abend­län­di­schen „Kul­tur“ („SPIEGEL ONLINE“), von der immer alle reden: Hihihi, er hat „kom­men“ gesagt!