Sonstiges
Medi­en­kri­tik LXXI: Der Mythos vom Nichtmitmachen

Das Autoren­duo Hol­ger Bleich und Ragni Seri­na Zlo­tos wid­met zwei Dop­pel­sei­ten in der neu­en Aus­ga­be des Tech­nik­ma­ga­zins c’t ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten, die eige­ne Web­prä­senz (und nicht etwa „Inter­net­prä­senz“) mit so genann­ten „sozia­len Netz­wer­ken“ wie Goog­le+ und Face­book sowie mit dem Mikro­blog­sy­stem Twit­ter zu verknüpfen.

Dabei kommt außer diver­sen jeweils haus­ei­ge­nen Plugins, etwa dem Face­book-Plugin für Wor­d­Press, das mal eben den eige­nen Kom­men­tar­be­reich auf den Ser­ver eines Dritt­an­bie­ters ver­la­gert, auch der gran­dio­se Dienst ift­tt vor. Dass die bei­den Autoren noch am Anfang ihres Arti­kels die Nach­tei­le eines Face­book-Auf­tritts (näm­lich das Abtre­ten der mei­sten Rech­te an die­sem Auf­tritt) beto­nen und also, aus­ge­rech­net Sascha Lobo zitie­rend, dazu raten, lie­ber auf eine eige­ne Domain zu set­zen, ist ihnen zugu­te zu hal­ten, um so weni­ger jedoch ver­ste­he ich, wie­so sie bei ift­tt als „gro­ßen Nach­teil“ benen­nen, dass der Dienst auf die jewei­li­gen Kon­ten (Twit­ter, Face­book, …) Schreib­zu­griff benö­tigt, wäh­rend sie sich über die Nach­tei­le einer direk­ten Face­book-Inte­gra­ti­on ausschweigen.

Beson­ders auf­fäl­lig aller­dings waren die­se Sätze:

Sicher­lich wird es eine Wei­le dau­ern, bis sich Ihre Ver­zah­nung mit sozia­len Medi­en posi­tiv aus­wirkt. Eines ist jedoch sicher: Wer nicht mit­macht, der bekommt aus die­sen Kanä­len sel­ten posi­ti­ve Aufmerksamkeit.

In ande­ren Wor­ten: Wer bewusst dar­auf ver­zich­tet, sei­ne Bei­trä­ge auto­ma­ti­siert in irgend­ei­nes der unzäh­li­gen „sozia­len Netz­wer­ke“ zu schmie­ren, der han­delt fahr­läs­sig und wird des­we­gen kaum Leser erhalten.

So weit die Theorie.

Die­se Theo­rie wäre zutref­fend, wären die im Arti­kel genann­ten Dien­ste Face­book, Twit­ter und Goog­le+ vom Rest des Webs abge­schot­te­te Inseln, auf denen man nur wahr­nimmt, was inner­halb ihrer Gren­zen geschieht. (Sym­pa­thi­sche Men­schen wür­den nun sagen: Ja, auf Face­book ist das doch genau so.) Aller­dings funk­tio­nie­ren sozia­le Medi­en eben nicht des­halb mehr oder weni­ger gut, weil Com­pu­ter­pro­gram­me dort Din­ge ver­öf­fent­li­chen, son­dern des­halb, weil Men­schen es tun.

Ich habe, seit ich ein „Web­log“ (bezie­hungs­wei­se eben die­se Sei­te hier) betrei­be, noch nie einen neu­en Arti­kel auto­ma­tisch get­wit­tert oder geface­bookt oder gegoog­leplust. Eine Aus­nah­me mache ich, wenn ich etwas zu einer aktu­el­len Dis­kus­si­on auf Twit­ter geschrie­ben habe, dann füge ich gele­gent­lich manu­ell einen Ver­weis zu dem ent­spre­chen­den Bei­trag an einen Tweet an. Bei­trä­ge, die ich selbst für beson­ders erwäh­nens­wert hal­te, kopie­re ich manch­mal auch in mein Dia­spo­ra-Pro­fil (zur­zeit wird hier oben rechts dar­auf ver­linkt) und erfreue mich an den drei oder vier Kom­men­ta­ren, die ich dort in der Regel erhal­te, aber zu einem Ansturm an Besu­chern führt das schon des­halb nicht, weil ich sel­ten die Adres­se zum Ori­gi­nal­ar­ti­kel dort hin­ter­las­se. Wel­chen Mehr­wert hät­te das?

Und obwohl ich weder Face­book noch Goog­le+ mit rele­van­ten Inhal­ten befül­le, obwohl ich nicht auto­ma­ti­siert twit­te­re oder sonst­wie das mensch­li­che Mit­ein­an­der dort mit­hil­fe see­len­lo­ser Algo­rith­men stö­re, die nur der plum­pen Eigen­wer­bung die­nen, fin­den immer wie­der Besu­cher von dort mei­ne Arti­kel. Mei­ne dies­wö­chi­ge Ver­weis­sta­ti­stik, also die Sta­ti­stik der Web­sei­ten, von denen aus am häu­fig­sten Besu­cher auf mei­ne Web­prä­senz gelan­gen, wird nicht sel­ten von Twit­ter angeführt:

Wor­an das liegt? Nun, aller Wahr­schein­lich­keit nach dar­an, dass „sozia­le Netz­wer­ke“ auf dem Prin­zip des Tei­lens basie­ren. Wenn jeman­dem aus irgend­wel­chen Grün­den gefällt, was ich schrei­be, dann steht es ihm frei, hier­auf in einem „sozia­len Netz­werk“ sei­ner Wahl zu ver­wei­sen. Auf die­se Wei­se wer­den mir sogar Besu­cher von facebook.com und plus.google.com beschert, obwohl ich die nun wirk­lich nicht ein­ge­la­den habe.

Aber auch, wer nicht auf Face­book oder der­glei­chen über einen Ver­weis hier­her stol­pert und sich dabei hof­fent­lich kei­ne Bles­su­ren zuzieht, ist in der Lage, in den Wei­ten des Webs aus­ge­rech­net mei­ne Tex­te zu fin­den. Die Tech­nik, die dies ermög­licht, ist älter als Face­book, Goog­le und Twit­ter. Sie heißt Suchmaschine.

Hol­ger Bleich und Ragni Seri­na Zlo­tos schei­nen die Benut­zer von Face­book, Goog­le+ und Twit­ter für so beschränkt zu hal­ten, dass für jene in ihrer Vor­stel­lung „das Inter­net“ nur noch aus die­sen drei Por­ta­len und dem Mail­pro­gramm (bezie­hungs­wei­se eben Goog­le Mail oder Face­books Mail­sy­stem) bestehe; dass sie sich einer Exi­stenz ande­rer Web­sei­ten gar nicht mehr bewusst sei­en, weil sich ihr digi­ta­les Leben allein dort abspie­le. Tat­säch­lich aber ist das, was ich publi­zie­re, pro­blem­los auch per Duck­Duck­Go, Bing, Blek­ko und Goog­le zu fin­den, wenn es nur dem Gesuch­ten nahe kommt.

Wenn etwa jemand wis­sen möch­te, was das Pro­gramm ilividsetupv1.exe (immer noch unan­ge­foch­ten an der Spit­ze der hie­si­gen Such­be­grif­fe) genau macht, dann kann er ent­we­der auf sei­ner Face­book-Pinn­wand danach fra­gen, wor­auf­hin irgend­je­mand in der Such­ma­schi­ne sei­ner Wahl danach suchen und viel­leicht mei­nen Bei­trag dazu fin­den wird, oder dies selbst tun. Das Ergeb­nis ist das glei­che: Web­sei­ten aus dem „rest­li­chen Inter­net“ fin­den in Form eines Ver­wei­ses ihren Weg in die gera­de im Trend lie­gen­den „sozia­len Netz­wer­ke“, ohne dass es dazu akti­ver Unter­stüt­zung des Autors („Urhe­ber“ ist ja die­ser Tage eher ein Schimpf­wort) bedarf.

Wer also von der Face­book-Kli­en­tel gele­sen wer­den möch­te, der muss nicht sei­ne Web­prä­senz mit kilo­byte­wei­se Java­script zu einer Wer­be­platt­form für irgend­wel­che gro­ßen Por­ta­le machen. Es gilt die glei­che Regel wie für die­je­ni­gen, die auf tech­ni­sche SEO (Such­ma­schi­nen­op­ti­mie­rung) set­zen und dar­über den Inhalt ver­ges­sen: Leser erwar­ten vor­ran­gig inhalt­li­chen Mehr­wert. Eine tol­le bun­te Kom­men­tar­funk­ti­on und eine Ein-Klick-Lösung, um das Gefal­len aus­drücken zu kön­nen, ohne „Dan­ke!“ schrei­ben zu müs­sen (das scheint ja eine aus­ster­ben­de Tra­di­ti­on zu sein), sind besten­falls zweit­ran­gig. Ich habe noch kei­ne Web­site besucht, weil ich ihre Kom­men­tar­funk­ti­on so toll fand – und wer mir nichts zu sagen hat, der wird mich nie wie­der sehen.

Aber viel­leicht habe ich das mit dem Web auch ein­fach nur falsch verstanden.

Senfecke:

  1. Dass jemand, der das Web erfun­den hat, nicht der Erfin­der des Inter­nets ist, leuch­tet mir ein. Wie eine Web­prä­senz kei­ne Inter­net­prä­senz sein kann/​soll/​ist ver­schließt sich mir jedoch. Bei einer Impli­ka­ti­on muss man auch die Rich­tung beachten.

  2. „Inter­net­prä­senz“ ist zwar rich­tig, aber falsch. Ich bin im Inter­net unter ande­rem mit einer Web­prä­senz prä­sent. :)

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