Dass Google seit einigen Wochen bestrebt ist, sein Kerngeschäft mit der hauseigenen Suchmaschine hinten anzustellen, und dafür auch bereit ist, selbst diese Suchmaschine nachhaltig zu beschneiden, ist nun keine Neuigkeit mehr. Nun aber beschwert man sich im Hause Twitter darüber, dass man zugunsten von Google+ vernachlässigt wird, nachdem der wie auch immer geartete Vertrag zwischen Google und Twitter abgelaufen ist. (Ich sollte mich glücklich schätzen, dass diese Webpräsenz hier laut Statistik auch ohne einen Vertrag überhaupt noch bei Google auftaucht, schätze ich.)
Es sammelt sich auf Google+ hämisches Geschnatter von überzeugten Google+-Nutzern, Twitter brauche halt eh’ keiner mehr, weil sie den Unterschied zwischen einem Mikroblog und einem sozialen Netzwerk eben noch nie so richtig verstanden haben (gut, was ist von Google-Freunden auch zu erwarten?); aber das Problem liegt tiefer:
So bemängelte Twitter, dass Google durch die Änderungen keine neutralen Suchergebnisse mehr ausliefere.
Neutralität? Will Google das?
Google verdient recht viel Geld damit (bzw. bekommt es dafür), dass Anzeigenkunden gewünschte Verweise oben in den Suchergebnissen platzieren können, und das nicht erst seit gestern. Der Wegfall der Echtzeitsuche für ausgerechnet Tweets, die normalerweise ja eher unpersönlich gehalten sind, kann also noch irgendwelche “Neutralität” beschädigen?
Googles Suchmaschine überhaupt noch als solche zu bezeichnen war schon lange fragwürdig, tat sie doch selten das, was man ihr sagte, sondern formulierte intern die Suchanfragen so lange um, bis etwas herauskam, was man ganz sicher nicht gesucht hatte. Natürlich führte das so zu vielen Treffern, die am Rande etwas mit dem zu tun hatten, was man eigentlich gesucht hatte, aber Quantität und Qualität sind eben selten deckungsgleich.
Und nun also nicht nur “Suchen”, sondern “Search, plus your world”. Suchen in der eigenen kleinen Welt. Ist man bei Google+ registriert und rege aktiv, ausgefülltes und wahrheitsgemäßes Profil inklusive, bekommt Google nicht nur einen großen Anteil am Datenkuchen, den das fettleibige Facebook sonst allein gefressen hätte, sondern ist auch in der Lage, aus diesen Daten Ergebnisse zu liefern, die für das eigene reale Umfeld von hoher Priorität sind. (Ich nehme an, man sollte es also vermeiden, auf Google+ Pornodarstellerinnen “einzukreisen”; es sei denn, man sucht häufiger mal nach, ähm, so Sachen bei Google.)
Tatsächlich gibt es Leute, die von einer Existenz anderer Suchmaschinen gar nichts wissen; die verzweifelt sind, wenn Google einmal nicht erreichbar ist. Diese Menschen bereiten mir Sorge. Noch mehr Sorge aber bereitet mir diese mit sanftem Druck erreichte Dominanz von Google+ in einem wichtigen Teil des Internets, nämlich seiner Durchsuchbarkeit.
Marcel Weiss hat es schon richtig erkannt:
Google dagegen ist es ‘relativ’ egal, welches Social Network sich etabliert. Hauptsache, es hat Zugriff auf die Daten und kann diese auswerten und durchsuchbar machen. (…) Je größer Facebooks private Datenschatzkammer wird, je mehr Social-Graph-Daten Twitter und co. anhäufen, desto größer die eben beschriebene Gefahr für Google und desto erpressbarer wird Google.
Es geht hier nicht um Komfort für die Benutzer; was sollte auch daran komfortabel sein, wenn eine Suchmaschine bevorzugt auf Seiten des Betreibers verweist? Es geht einzig darum, den Mittelpunkt des virtuellen Lebens ihrer Benutzer auf Google+ zu verlagern. Die Verheißung: Endlich mal wieder brauchbare Suchergebnisse mit dem besonderen Extra, nämlich der noch persönlicheren Note als bisher. (Wer glaubte, Google würde jedem Suchenden auf die gleiche Frage die gleiche Antwort geben, den muss ich enttäuschen. Probiert es einmal aus!)
Google versucht Google+ neben dem allmählich verwelkenden Facebook, das sich mit der “Timeline” gerade zum wahrscheinlich letzten Mal aufgebäumt hat, zu etablieren und geht dafür über die eigene Leiche. Dass Facebook sich ebenfalls darüber beschwert, dass der einzig ernst zu nehmende Konkurrent sich selbst zum Invaliden macht, halte ich für unwahrscheinlich, aber die Befindlichkeiten der großen Konzerne sind gerade auch nicht das, was mich als Endanwender (zumal als momentaner DuckDuckGo-Nutzer) interessieren sollte. Vielleicht ist es aber auch deshalb gut, dass Twitter vorerst nicht mehr mit Google zusammenarbeitet: Wenn alle “großen” Plattformen im Google-Profil zusammenflössen, hätte das wahrscheinlich eher nicht so gute Konsequenzen.
Jedenfalls gilt: Die Google-Suche ist keine neutrale Suchmaschine und will es auch gar nicht sein. Dass das noch irgendjemanden so sehr überrascht, dass mein RSS-Leser mit Aaaahs und Oooohs ob der neuen verplussten Suche befüllt ist, ist daher ziemlich erstaunlich. Und ich wünschte, diesmal würde man dem Jungen, der “Wolf!” ruft, Gehör schenken. Er — der Wolf — kommt schneller als gedacht.
“Das Denken fand man bis heute nicht…”
— Hölderlin, “Requiem für einen Wicht”


Geschmacklos!
Hätte man mit dieser Nachricht nicht waren können bis der G‑Punkt gefunden wurde?
Drei Leser weniger!
Wurde er doch, er befindet sich hinten oben.
“ah, ich sehe, Sie kennen sich aus”
Hab ich gehört!