Nerdkrams
Diktat der Werbeakzeptanz

An das dun­kle Zeital­ter des Webs, als Geoc­i­ties und Beep­world noch große Namen tru­gen und ani­mierte GIF-Bilder noch den Flaschen­hals der Web­seit­enüber­tra­gung per 56-kbit-Leitung darstell­ten, erin­nert heute zum Glück kaum noch etwas. Nur Nos­tal­gik­er und Spaßvögel kom­men mit Gedenk­seit­en wie dem Geoc­i­ties-izer noch immer auf ihre Kosten. Das per­sön­liche Web, so hässlich es auch war, hat­te aber doch seine attrak­tiv­en Seit­en. Zusam­menge­fasst bedeuteten sie: Klein, aber mein.

Dann kam die “Dot-Com-Blase”, die Mon­e­tarisierung des WWW, als irgen­dein schus­seliger Prak­tikant einem Schlip­sträger verse­hentlich zu ver­ste­hen gegeben hat­te, dass dieses Web zwar kreis­chend bunt und voller Men­schen, jedoch noch weit­ge­hend frei von groß angelegten Wer­bekam­pag­nen war. Das sollte sich ändern: Urplöt­zlich, gle­ich­sam über Nacht, fie­len die Ver­mark­tungsstrate­gen wie einst die spanis­chen Erober­er in das nur mit dem Danc­ing Baby bewaffnete per­sön­liche Web ein und bracht­en ihm “Demokratie”, “Frei­heit” und den Tod. Es schien für sie unerträglich zu sein, dass da ein paar Leute ein­fach ihren Spaß haben kon­nte, ohne dass größere Geld­be­träge flossen.

Beein­druckt vom Erschei­n­ungs­bild des nun­mehr verblich­enen per­sön­lichen Webs ersan­nen die weni­gen Unternehmen, die das lei­der viel zu späte Blasen des Platzes Platzen der Blase über­lebt hat­ten, gle­ich­falls bunte, blink­ende, tönende Wer­bung, die ihren Platz auf Web­seit­en mit virtuellen Klauen und Zäh­nen vertei­digte. In ihrer Vor­freude auf die zu erzie­len­den Wer­beein­nah­men haben sie jedoch vergessen, dass Inter­net­nutzer auch nur Men­schen sind und nur wenige Men­schen es mögen, wenn sie arg­los einen Stadt­bum­mel machen und plöt­zlich ein Dudel­sack­spiel­er sich von hin­ten anschle­icht und ihnen ins Ohr trötet: Wer nervt, der macht sich eben unbe­liebt. (Ich empfehle an dieser Stelle nochmals den her­vor­ra­gen­den offe­nen Brief zum The­ma von Jan Schejbal.)

Und so schlossen sich die Stadt­bumm­ler zusam­men und entwick­el­ten aller­lei Abwehrmaß­nah­men. Erfol­gre­ich waren, auch auf­grund ihrer freien Ver­füg­barkeit, vor allem die Pro­jek­te Prox­omitron und Adblock. Während aber ersteres aus natür­lichem Grund, näm­lich dem Tod seines Pro­gram­mier­ers vor eini­gen Jahren, nicht mehr grundle­gend weit­er­en­twick­elt wer­den kann, erfuhr zweit­eres nach Zer­würfnis­sen eine Auf­s­pal­tung, und es ent­stand Adblock Plus.

Jahre­lang genoss Adblock Plus neben Ad Munch­er die Stel­lung eines Ref­eren­zpro­duk­ts bei einem großen Teil der Inter­net­nutzer. Im Jahr 2011 bemerk­te Wladimir Palant, maßge­blich Ver­ant­wortlich­er für die Entwick­lung von Adblock Plus, dass sein freies Pro­jekt sich zum Reich­w­er­den nur wenig eignete, und grün­dete gemein­sam mit Till Fai­da die Eyeo GmbH, deren Zweck es sein sollte, die Entwick­lung finanzieren zu helfen. Vor­erst war dies, so die Ankündi­gung, lediglich eine Umfir­mierung ohne weit­eren Ein­fluss auf das Pro­dukt selb­st. Beobachter beschworen den­noch umge­hend das Ende von Adblock Plus her­auf und rieten zu Alter­na­tiv­en.

Dann kam Ver­sion 2.0 und mit ihr die Klasse der “nicht auf­dringlichen Wer­bung”. Adblock Plus sollte sich so selb­st über­flüs­sig machen. Das Prinzip lautet: Wer­bung, die nicht nervt, erfordert nicht unbe­d­ingt jeman­den, der sie in die Schranken weist. Diese Idee erschien nur kon­se­quent, hat­te man doch die Wer­be­block­ier­er einst erdacht, um sich gegen immer auf­dringlichere Wer­bung zur Wehr set­zen zu kön­nen. Ein Inter­net, dessen Wer­bung wed­er auf­dringlich noch daten­schutztech­nisch frag­würdig ist, bedarf solch­er Maß­nah­men im Grunde genom­men nicht mehr, der Finanzierung größer­er Pro­jek­te mith­il­fe von Wer­beein­blendun­gen käme dies zugute.

Lei­der wurde diese Änderung offen­bar nicht aus­re­ichend kom­mu­niziert, die Inter­net­nutzer brüll­ten im Chor, es sei eine “Schweinerei”, dass eine Erweiterung zum Block­ieren von Wer­bung kün­ftig keine Wer­bung mehr block­ieren sollte. Dass das Abschal­ten der neuen Tol­er­anz nur eines ein­fachen Klicks im Ein­stel­lungs­bild­schirm bedarf, ist ihnen wohl meist völ­lig ent­gan­gen. (Zum Ver­gle­ich: Das ist unge­fähr so, als wenn man sein neues Auto reklamiert, weil man den Schlüs­sel herum­drehen muss, bevor es fährt.) Der wesentliche Kri­tikpunkt scheint darin zu beste­hen, dass Adblock Plus nicht in der Lage ist, automa­tisch einge­bun­dene Wer­bung anhand ihres Ver­hal­tens zu erken­nen, und somit auf eine von den Entwick­lern gepflegte “weiße Liste” zurück­greifen muss, auf die der Benutzer keinen aktiv­en Ein­fluss nehmen kann, vom Melden verse­hentlich freigeschal­teter Wer­bung ein­mal abge­se­hen.

Um in diese Liste aufgenom­men zu wer­den, muss ein Wer­be­treiben­der eine entsprechende Vere­in­barung einge­hen: Er verpflichtet sich, vom Schal­ten brül­len­der Nervereien als Wer­bung abzuse­hen, und bekommt dafür einen Ein­trag als Quelle unauf­dringlich­er Wer­bung. Dabei geben sich die Ver­ant­wortlichen nicht käu­flich, über­legen sich öffentlich lediglich die Ein­führung von Ver­wal­tungs­ge­bühren für die Freis­chal­tung eines neuen Lis­tenein­trags.

Die Redak­tion des reißerischen Com­put­er­magazins PC-WELT wider­spricht seit gestern ener­gisch und behauptet unter Beru­fung auf nicht näher genan­nte Quellen (“Besuch von Adblock Plus”), man könne sich Ein­träge auf der “weißen Liste” schlicht erkaufen.

Web­seit­en-Betreiber müssen voraus­sichtlich zahlen, um auf die Aus­nah­meliste mit den „accept­able ads“ zu kom­men. Anders for­muliert: Für Geld will Adblock Plus Wer­bung zum User durch­lassen. Wer nicht zahlt, kommt nicht auf die Liste und muss auf Wer­beein­nah­men verzicht­en. (…) Die Web­seit­en sollen zahlen. Die Wer­be­block­er-Nutzer sollen Wer­bung sehen.

Ja, das ist zutr­e­f­fend. So etwas wie jour­nal­is­tis­che Tätigkeit (zum Beispiel Hin­ter­grun­drecherchen) erwarte ich von den “Redak­teuren” der PC-WELT schon lange nicht mehr, aber für einen solchen schw­eren Vor­wurf (“Das sind schwere Vor­würfe.”) hätte man als Leser zumin­d­est erwartet, dass sich der Schreiber ein­mal mit den Aus­sagen “von Adblock Plus” befasst, denn diese Frage wurde, wie oben bere­its angedeutet, der­er­seits hin­re­ichend beant­wortet:

Wer­den Sie für Ein­träge in die Liste bezahlt?

Nein. (…) Es ist (…) wahrschein­lich, dass ab einem gewis­sen Zeit­punkt die Fir­men an den Kosten beteiligt wer­den, die in die Liste aufgenom­men wer­den möcht­en.

Vielle­icht müssen ab einem gewis­sen Zeit­punkt Anbi­eter akzept­abler Wer­bung ein wenig Geld investieren, um als solche gekennze­ich­net zu wer­den. Schlicht falsch ist aber offenkundig die Behaup­tung, es gäbe Pläne, diesen Sta­tus später ein­mal — oder gar bere­its jet­zt — erkaufen zu kön­nen. (Dass jemand die qui­etschbunte PC-WELT-Wer­bung als “nicht auf­dringlich” klas­si­fizieren würde, halte ich ohne­hin für ein Gerücht, das auch Unkundi­geren zu ver­ste­hen geben sollte, dass hier Unfug kol­portiert wird.)

Möglicher­weise ist die gegen­wär­tige Imple­men­tierung der “Liste akzept­abler Wer­bung” noch nicht das Gelbe vom Ei, möglicher­weise ist sie inkom­pat­i­bel mit dem Ver­ständ­nis viel­er Anwen­der vom Zweck eines Wer­be­block­ier­ers. Zeter und Mor­dio zu schreien und die Entwick­ler zu ver­fluchen ist aber der falsche Schritt, denn es zeugt allen­falls vom eige­nen Missver­ständ­nis.

Aber wer lieber den Aufwand auf sich nimmt, auf eine Alter­na­tive umzusteigen, statt ein­fach den entsprechen­den Hak­en in den Adblock-Plus-Fil­tere­in­stel­lun­gen zu ent­fer­nen, dem muss man mit sach­lichen Erk­lärun­gen wahrschein­lich gar nicht erst kom­men.

Senfecke:

  1. Nie­mand muss damit rech­nen, dass die Werk­statt über Nacht Teiles des Motors in der Weise aus­tauscht oder so verän­dert hat, dass er nicht mehr die gewün­schte Leis­tung bringt. Man merkt, dass Du noch nie im Leben ein Kfz. geführt hast. Auch für die Zukun­ft sehe ich schwarz. Geschrien hat übri­gens nur ein­er; dies jedoch nach zuvor Geschrieben­em zu Recht.

  2. Ich habe niemals behauptet, die Werk­statt würde Fahrzeuge willkür­lich beschnei­den. Bitte lies kün­ftig genauer.

    Ich ver­wies lediglich auf ein Beispiel, geschrien haben dur­chaus auch weit­ere Pro­tag­o­nis­ten.

  3. Genau. Denn Dein Ver­gle­ich ist völ­lig abwegig und gilt allen­falls für eine Erstin­stal­la­tion. Ich hat­te gehofft, Du kämst selb­st drauf. Im Übri­gen hätte es nahe gele­gen, auch die anderen Schweinerei schreien­den Chor­mit­glieder zumin­d­est teil­weise zu ver­linken.

  4. Nein, auch Fol­ge­in­stal­la­tio­nen haben diesen Hak­en, sofern man nicht auf bere­its vorhan­dene Ein­stel­lun­gen zurück­greifen kann, geset­zt.

    Du weißt, ich tu’ sel­ten, was nahe liegt.

  5. Natür­lich haben auch Fol­ge­in­stal­la­tio­nen diesen Hak­en. Nur: Nach ein­er Erstin­stal­la­tion, ursprünglich ohne Hak­en, achtet nie­mand mehr auf die Fil­tere­in­stel­lun­gen, die ja auch in der Ver­gan­gen­heit immer unange­tastet geblieben sind. Deshalb auch kein Hin­weis in Form eines ein Pop­ups oder wie auch immer, was fair gewe­sen wäre.

  6. Genau, warum sollte man sich auch darüber informieren, was ein update mit sich bringt? Warum sollte es jeman­den inter­essieren, was mit seinem Brows­er passiert?

  7. Eben. Nie­mand muss damit rech­nen, dass ein Tool, welch­es bish­er geschützt hat, einem nun Bös­es unter­jubeln will. Tut es dies jedoch, wird es zu Recht geächtet.

  8. Nie­mand jubelt dir Bös­es unter, das habe ich oben aus­führlich erläutert.

    Ger­ade als Lin­ux­er sollte man aber doch wis­sen: Man sollte immer genauestens guck­en, was ein update macht, son­st ste­ht man beim näch­sten Neustart ohne Net­zw­erk da. Wenn es dir scheiße­gal ist, was Dritte (!) mit deinem Brows­er anstellen, dann laste das nicht den Drit­ten an.

  9. Kaum ein Nicht­in­for­matik­er dürfte ver­ste­hen, was ein Update genau macht. Das merkt man immer erst nach dem näch­sten Start, es sei denn, man wartet die Erfahrun­gen ander­er kom­pe­ten­ter­er Nutzer ab. Deshalb immer schön Clonezil­la & Co. nutzen. Ich laste es Drit­ten, die das Ver­trauen ihrer Nutzer gewon­nen haben, sehr wohl an, wenn sie jet­zt auf die Unacht­samkeit ihrer Kun­den zählen und diese ohne irgen­deinen Hin­weis aus­nutzen.

  10. “Ohne irgen­deinen Hin­weis”, sieht man ein­mal davon ab, dass es wochen­lang bekan­nt war und auch auf der Web­site von Adblock Plus ste­ht. In deutsch­er Prosa.
    Sog­ar addons.mozilla.org hat so etwas wie “Ver­sion­sh­in­weise”. In großen Buch­staben für ältere Semes­ter.

    Da set­zt man also nicht auf Unacht­samkeit — im Gegen­teil: Ein Benutzer, der all diese Hin­weise nicht beachtet, ist ger­adezu böswillig unin­formiert.

  11. Blödsinn: Das Update lief ohne einen Hin­weis durch. Nie­mand grast das Inter­net mit ständig schril­len­der Alarm­sirene auf der Suche nach Fall­en sein­er genutzten Pro­gramme ab; es sei denn, man ist ewiger Stu­dent und hat eh nichts Besseres zu tun.

  12. Das ver­suchst du aber ger­ade zu vertei­di­gen, als hättest du wed­er Ein­fluss noch Inter­esse an jeglichem Ein­fluss darauf, was mit deinem Sys­tem geschieht.

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