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Anbiedermänner

Was mir selb­st zwar noch nicht begeg­net, aber dank zahlre­ich­er Fernse­hüber­tra­gun­gen entsprechen­den Inhalts längst zur Genüge bekan­nt ist, ist eine üble Marotte, die sich aus­ländis­che Kün­stler im Laufe der let­zten Jahrzehnte über­wiegend zugelegt haben und der sie aus­giebig frö­nen, wenn sie Deutsch­land betouren. Diese Marotte ist die Anbiederung. Was bei den Bea­t­les noch kon­se­quent war, ver­bracht­en sie doch einen Großteil ihrer frühen Kar­ri­ere­jahre in Ham­burg, ist bei “Kün­stlern” jün­ger­er Jahre nur mehr als pen­e­trant zu werten.

Ein nicht mehr allzu aktuelles Beispiel, um zu ver­an­schaulichen, was gemeint ist: Da ste­ht also ein Welt­star wie, sagen wir mal, Rob­bie Williams auf ein­er Bühne vor “rund 10.000 Fans”, alter­na­tiv “vor 10.000 Berlin­ern”, eins wird schon stim­men, die alle­samt oder jeden­falls großteils Geld bezahlt haben, um Her­rn Williams’ drögem Pop zu lauschen, und dann han­delt der Konz­ert­bericht nicht etwa von seinem Gesangsstil oder den vor­ge­tra­ge­nen Stück­en, wom­öglich gar gepaart mit Kri­tik an der enthal­te­nen Lyrik, son­dern vielmehr liegt man dem Kün­stler zu Füßen, weil er nicht nur doof auf der Bühne rumhüpft, son­dern auch noch ein paar auswendig gel­ernte Phrasen abspult. Sog­ar einige Begrüßun­gen auf Deutsch hat­te Williams für sein Pub­likum parat. “Danke schön” und “Ich liebe Euch” ver­set­zte(n) das Pub­likum in wahre Freuden­taumel, wenn das Pub­likum von der darge­bote­nen “Musik” schon nicht begeis­tert ist, hil­ft es offen­bar, stattdessen ein­fach mal irgend­was daherzusülzen, und er ges­tand, tat ihm wohl echt Leid, nach den, unfass­bar, ganzen sieben darge­bote­nen Songs: “Danke, Deutsch­land, für alles, was ihr für mich getan habt.”

Was das ist, was Deutsch­land für ihn wie auch für all die anderen Kün­stler, die diese Kun­st der Anbiederung zu beherrschen meinen, getan haben soll, bleibt im Ungewis­sen. Man stelle sich das aber ein­mal vor: Da ste­ht ein mil­liar­den­schw­er­er Welt­star auf ein­er Bühne, ver­di­ent mal eben ein paar hun­dert Kröten pro Takt und hält es dann noch für nötig, deutsche Phrasen zu dreschen, ver­mut­lich, damit das Pub­likum denkt: Oh, er kann Deutsch, das macht ihn direkt viel weniger zu einem schmalzi­gen Pop­star, son­dern zu einem von uns!

Götz Als­mann, ein­er der let­zten akzept­ablen (unter anderem) Fernsehmod­er­a­toren Deutsch­lands, sagte ein­mal sin­ngemäß: Empfind­un­gen, die man, auf irgen­dein Pub­likum fix­iert, in ein­er frem­den Sprache aus­drückt, etwa beim Schreiben fremd­sprachiger Lieder, bleiben Worthülsen ohne Inhalt. Ich zum Beispiel besuche ein Konz­ert oder eine Lesung nor­maler­weise, damit die jew­eili­gen Pro­tag­o­nis­ten mich mit ihrer musikalis­chen und/oder poet­is­chen Ader beglück­en. Stam­men die Pro­tag­o­nis­ten aus dem Aus­land, so erwarte ich nicht, dass sie ihr Werk zuvor auf Deutsch über­set­zen, aber dann möchte ich doch bitte auch nicht, dass sie sich neben­bei mit ein­er Sprache quälen, die sie nicht beherrschen. Um mich auf Musik­er zu beschränken und es ein wenig abzukürzen: Auf einem Konz­ert erwarte ich, dass der von meinem ergaunerten Geld teuer bezahlte Kün­stler mich mit sein­er gern auch fremd­sprachi­gen Musik unter­hält, nicht jedoch, dass er mich auf Deutsch voll­sülzt. Möchte ich von Leuten, die es nicht beherrschen, auf Deutsch vollgesülzt wer­den, so besuche ich eine Beruf­ss­chule oder eine Sitzung im Reich­stag, aber kein Konz­ert eines welt­bekan­nten Kün­stlers.

“Welt­bekan­nt” ist ohne­hin ein wichtiges Stich­wort. Wertes Berlin­er Pub­likum beziehungsweise Pub­likum in Berlin, das ihr von Rob­bies “Dankeschön!” offen­bar total von den Sock­en wart, wie auch liebe andere Pub­liküme, die ihr anbe­tend eurem jew­eili­gen Idol zu Füßen liegt, wenn es deutsche Phrasen drischt: Glaubt ihr tat­säch­lich, “ohne Scheiß”, dass der Kün­stler sich, wom­öglich oben­drein her­zlich, bei euch bedankt, dass ihr so toll mitk­latscht, gar anfangt zu johlen, wenn ihr nach den ersten paar Sekun­den das jew­eilige Lied erkan­nt habt und das für erwäh­nenswert hal­tet? Nein, der Kün­stler bekommt sein Geld auch, wenn ihr stumm auf eurem Aller­w­ertesten sitzen bleibt und die Fresse hal­tet. Dass ihr seine Lieder erken­nt, müsst ihr ihm auch nicht mit­teilen, denn davon geht er aus. Und wenn ihr nicht herumhüpft wie doof, son­dern euch ein­fach mal so ver­hal­tet, dass man nicht etwas lauter reden beziehungsweise sin­gen muss, um euer Gejohle zu übertö­nen, so wird das auch einen Rob­bie Williams nicht in den Alko­holis­mus oder ähn­liche depres­sions­be­d­ingt Sucht­en treiben, son­dern er wird mit den Schul­tern zuck­en, seine Mil­lio­nen ein­stre­ichen und so tun, als wäre nichts passiert. Ich nehme Wet­ten an, erwarte jedoch Gegen­belege.

Ein Pub­likum, das stun­den­lang geduldig zum Beispiel englis­chsprachi­gen Liedern lauscht, ist auch mit “thank you” nur schw­er­lich zu über­fordern. Wenn ihr euch bedanken wollt, ihr Rob­bies und Madon­nas da draußen, wenn ihr es auch wirk­lich so meint, dann bedankt euch in der Sprache eures Herzens. Das ist, sofern ihr aus den USA, Frankre­ich, Spanien oder Bay­ern kommt, nicht Deutsch. Ich als zahlen­der Gast pfeife darauf, dass ein Kün­stler, dessen kün­st­lerischen out­put ich sehr schätze, ver­sucht, sich bei mir beliebter zu machen, indem er so tut, als kön­nte er meine Mut­ter­sprache ver­ste­hen. Ich werde kein Musikalbum und kein Buch nur deshalb weniger kaufen, weil der Schöpfer kein Deutsch spricht, jedoch werde ich an einen darge­bracht­en Vor­trag dieser Werke weniger pos­i­tive Erin­nerun­gen hegen, wenn der Vor­tra­gende glaubt, jemand, der Geld bezahlt, um ihn zu sehen, müsse mit Zwis­chen­spie­len, die nicht Teil seines gewohn­ten Reper­toires sind, bei Laune gehal­ten wer­den.

Die von mir bish­er besucht­en Konz­erte bzw. Lesun­gen bestrit­ten aus­nahm­s­los deutschstäm­mige Kreative, so dass all das Geschilderte jeden­falls in der Ich-Form als rein hypo­thetisch anzuse­hen ist und hof­fentlich bleiben wird. Den­noch wäre es schön, die enthal­tene Wahrheit spräche sich in der Welt der reichen Boule­vard­lieblinge schnell herum, auf dass der Men­schheit höchst pein­liche, via Presse ver­bre­it­ete und wom­öglich von ahnungslosen Anzeigenkun­den mit­fi­nanzierte Huldigun­gen wie die genan­nte erspart bleiben mögen.

(Fire­fox-Nutzer aufge­merkt: Ich habe meine Erweiterung Open­Down­load, inzwis­chen Open­Down­load², im Ver­lauf der vorigen Stun­den auf Ver­sion 3.0.0 aktu­al­isiert, die unter anderem Unter­stützung für Fire­fox 4 und andere Betrieb­ssys­teme als Win­dows mit­bringt. Ich hoffe, ihr seid damit ein­ver­standen.)

Senfecke:

  1. Wird’s nicht Zeit für Dich, zu Bett zu gehen? Ich fahre gle­ich zum Flohmarkt; zum ersten Mal seit Wochen werde ich nicht zu Fuß gehen.

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