In den Nachrichten
Medienkritik XXXIX: Saddams Krater

Ach, wie schade: In Thürin­gen gab es gestern einen Erdrutsch.
Halt, nein, noch mal.

Ach, wie schade: In Thürin­gen gab es gestern einen Erdrutsch, und die Medi­en hat­ten ihre kreativ­en Mitar­beit­er ger­ade nicht im Haus. Stillschweigend vere­in­barten die Medi­en (leipzig-seiten.de, die Braun­schweiger Zeitung, SPIEGEL Online, Yahoo! Nachricht­en Deutsch­land und lei­der auch, unwider­sprochen, das BILD­blog), dass es sich wie bere­its bei ähn­lichen Vor­fällen vor weni­gen Monat­en (siehe zum Beispiel rp online, Welt Online usw.) um einen “Krater” han­dle, ver­mut­lich, weil das Wort so schön ono­matopo­et­isch ist, denn beim Aussprechen von “Kra-” reißt man seinen Schlund gle­icher­maßen kraterähn­lich auf.

Dass das, was die Medi­en tun, übri­gens eher an das Prinzip der “stillen Post” erin­nert, wird deut­lich, wenn man ein­mal die Angaben ver­gle­icht; ihnen zufolge ist das Resul­tat zwis­chen 12 (Braun­schweiger Zeitung, Finan­cial Times Deutsch­land) und “etwa 20” (u.a. Ham­burg­er Abend­blatt), mitunter gar “20 bis 25” Meter tief (SPIEGEL Online), na, wür­feln wir es mal aus, gle­ich is’ Mit­tagspause und da lohnt sich kein inves­tiga­tiv­er Jour­nal­is­mus mehr.

Dumm ist nur: Wenn die Erde rutscht, entste­ht kein Krater.

Die lang­weilige Ety­molo­gie, gemäß der­er übri­gens auch der Heilige Gral ein Krater ist, betont jedoch auf der zweit­en Silbe, möchte ich meinen noch geneigten Lesern ers­paren. Die 9. Auflage des Duden-Fremd­wörter­buchs jeden­falls besagt:

Kra|ter der; ‑s, — (gr.-lat.) 1. trichter- od. kes­selför­mige Öff­nung eines Vulka­ns. 2. trichter- od. kes­selför­mige Ver­tiefung im Erd- od. Mond­bo­den

Erstere Def­i­n­i­tion kann man­gels eines Vulka­ns get­rost ignori­ert wer­den, übrig bleibt noch die zweit­ere. Nun sieht man auf den bekan­nten Fotografien die Form des “Kraters” nicht, also müssen andere Quellen her. Die Wikipedia ken­nt mehrere Arten von Kratern, zutr­e­f­fend ist jedoch kein­er von ihnen. Da der “Krater” erwiesen­er­maßen nicht durch Mete­oritenein­schlag, eine Explo­sion oder vulka­nis­che Ereignisse ent­standen ist, ste­ht der Leser zunächst ein­mal rat­los da.

In den Kom­mentaren zu oben bere­its erwäh­n­tem Welt-Online-Artikel war zu lesen, dass man bei durch Erdrutsche ent­stande­nen Boden­ver­tiefun­gen von Karst­trichtern oder Dolinen spricht, bei­des Begriffe, die mir selb­st bis dato unbekan­nt waren. Aber ger­ade auch regelmäßige Kon­sumenten deutsch­er Medi­en ken­nen seit Dezem­ber 2003 eine bessere, weil weniger falsche Ter­mi­nolo­gie:

Sad­dam Hus­sein ver­steck­te sich im Erd­loch

Und plöt­zlich sind sie ganz still, die Jour­nal­is­ten, weil ihnen ein­fällt: huch, das haben wir ja damals selb­st geschrieben!

(Zur Verdeut­lichung: Man stelle sich vor, die Nachricht­en zur Ergrei­fung Sad­dam Hus­seins, anlässlich der­er viele Men­schen zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort “Erd­loch” gehört haben, hät­ten “Sad­dam Hus­sein ver­steck­te sich im Krater” gelautet. Wer hätte da an nicht an Raum­fahrt oder zumin­d­est Vulka­ne gedacht?)

Richtig macht­en es übri­gens die Ad Hoc News und die anson­sten nicht zu empfehlende junge Welt; für sie ist der “Krater” schlicht ein Loch bzw., na bitte!, ein Erd­loch.

Warum nicht gle­ich so?


Übri­gens hat sich Kraft Foods anlässlich mein­er Kon­tak­tauf­nahme heute mit ein­er Stan­dard­mail gemeldet:

Auf jeden Fall haben wir Ihren Hin­weis an die zuständi­ge Abteilung weit­ergeleit­et und wir sind sich­er, dass man sich dort Gedanken darüber machen wird.

Umw­er­fend! :)

Senfecke:

  1. Wie würdest Du die Ver­tiefun­gen im Gesicht des derzeit­i­gen Bun­desmin­is­ters des Auswär­ti­gen nen­nen? Also, wenn das keine Krater sind…

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