Ach, wie schade: In Thüringen gab es gestern einen Erdrutsch.
Halt, nein, noch mal.
Ach, wie schade: In Thüringen gab es gestern einen Erdrutsch, und die Medien hatten ihre kreativen Mitarbeiter gerade nicht im Haus. Stillschweigend vereinbarten die Medien (leipzig-seiten.de, die Braunschweiger Zeitung, SPIEGEL Online, Yahoo! Nachrichten Deutschland und leider auch, unwidersprochen, das BILDblog), dass es sich wie bereits bei ähnlichen Vorfällen vor wenigen Monaten (siehe zum Beispiel rp online, Welt Online usw.) um einen “Krater” handle, vermutlich, weil das Wort so schön onomatopoetisch ist, denn beim Aussprechen von “Kra-” reißt man seinen Schlund gleichermaßen kraterähnlich auf.
Dass das, was die Medien tun, übrigens eher an das Prinzip der “stillen Post” erinnert, wird deutlich, wenn man einmal die Angaben vergleicht; ihnen zufolge ist das Resultat zwischen 12 (Braunschweiger Zeitung, Financial Times Deutschland) und “etwa 20” (u.a. Hamburger Abendblatt), mitunter gar “20 bis 25” Meter tief (SPIEGEL Online), na, würfeln wir es mal aus, gleich is’ Mittagspause und da lohnt sich kein investigativer Journalismus mehr.
Dumm ist nur: Wenn die Erde rutscht, entsteht kein Krater.
Die langweilige Etymologie, gemäß derer übrigens auch der Heilige Gral ein Krater ist, betont jedoch auf der zweiten Silbe, möchte ich meinen noch geneigten Lesern ersparen. Die 9. Auflage des Duden-Fremdwörterbuchs jedenfalls besagt:
Kra|ter der; ‑s, — (gr.-lat.) 1. trichter- od. kesselförmige Öffnung eines Vulkans. 2. trichter- od. kesselförmige Vertiefung im Erd- od. Mondboden
Erstere Definition kann mangels eines Vulkans getrost ignoriert werden, übrig bleibt noch die zweitere. Nun sieht man auf den bekannten Fotografien die Form des “Kraters” nicht, also müssen andere Quellen her. Die Wikipedia kennt mehrere Arten von Kratern, zutreffend ist jedoch keiner von ihnen. Da der “Krater” erwiesenermaßen nicht durch Meteoriteneinschlag, eine Explosion oder vulkanische Ereignisse entstanden ist, steht der Leser zunächst einmal ratlos da.
In den Kommentaren zu oben bereits erwähntem Welt-Online-Artikel war zu lesen, dass man bei durch Erdrutsche entstandenen Bodenvertiefungen von Karsttrichtern oder Dolinen spricht, beides Begriffe, die mir selbst bis dato unbekannt waren. Aber gerade auch regelmäßige Konsumenten deutscher Medien kennen seit Dezember 2003 eine bessere, weil weniger falsche Terminologie:
Saddam Hussein versteckte sich im Erdloch
Und plötzlich sind sie ganz still, die Journalisten, weil ihnen einfällt: huch, das haben wir ja damals selbst geschrieben!
(Zur Verdeutlichung: Man stelle sich vor, die Nachrichten zur Ergreifung Saddam Husseins, anlässlich derer viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort “Erdloch” gehört haben, hätten “Saddam Hussein versteckte sich im Krater” gelautet. Wer hätte da an nicht an Raumfahrt oder zumindest Vulkane gedacht?)
Richtig machten es übrigens die Ad Hoc News und die ansonsten nicht zu empfehlende junge Welt; für sie ist der “Krater” schlicht ein Loch bzw., na bitte!, ein Erdloch.
Warum nicht gleich so?
Übrigens hat sich Kraft Foods anlässlich meiner Kontaktaufnahme heute mit einer Standardmail gemeldet:
Auf jeden Fall haben wir Ihren Hinweis an die zuständige Abteilung weitergeleitet und wir sind sicher, dass man sich dort Gedanken darüber machen wird.
Umwerfend!

Wie würdest Du die Vertiefungen im Gesicht des derzeitigen Bundesministers des Auswärtigen nennen? Also, wenn das keine Krater sind…
Ich weiß nicht, ob dort etwas erodiert ist.