Liebe Leser,
ich bin Mitglied einer kriminellen Vereinigung.
Dies jedenfalls behauptet die jüngst erschienene 200. Ausgabe des Magazins “M!Games”, trotz des Namens offenbar kein Magazin für digitale Jugendkultur, indem es propagiert:

Schon herumgesprochen, so nahm ich an, hat sich die Geschichte hinter der Piratenpartei spätestens seit der letzten Bundestagswahl. Warum ein vorgeblich journalistisches Magazin dennoch solche grotesken Fehlinformationen verbreitet, ist für mich unbegreiflich. Ich nehme mir daher an dieser Stelle einmal die Freiheit heraus, den holprig formulierten Unsinn brauchbar zu paraphrasieren und ihm energisch zu widersprechen; die vage Hoffnung, dass dieser Text über allerlei dünkelhafte Umwege in die Hände der zuständigen Schreiberlinge gelangt, allein genügt als Antrieb.
“Jetzt hat sich eine Gruppe von Raubkopierern als Partei aufgestellt, um ihr illegales Treiben zu legalisieren”, so lautet der zitierte Satz sinngemäß und weniger verschwurbelt, und dass es zum abschließenden Inflektiv “*schnaub*” nicht mehr gereicht hat, ist wohl einer glücklichen Fügung von Zufällen zu verdanken. Jedenfalls ist in diesem Satz, wie man ihn auch umstellt, beinahe nichts wahr:
“Jetzt” (im Originaltext “jüngst”) ist schon eine völlig falsche Einleitung. Die deutsche Piratenpartei trat im Jahr 2006 erstmals öffentlich auf, die schwedische als ihr Vorbild existiert somit auch nicht erst seit letzter Woche. Da ist an den Redakteuren wohl einiges vorbeigezogen. Zwar ist “hat sich eine Gruppe von” wenigstens einigermaßen zutreffend, aber die Gründer der deutschen Piratenpartei pauschal als “Raubkopierer” zu bezeichnen ist auch wieder ein amüsanter Einfall.
Richtig ist, dass die Idee hinter der schwedischen “Piratpartiet” auf das Tauschportal “The Pirate Bay” zurückgeht, das in den letzten Jahren oft Gegenstand von Gerichtsverhandlungen mit entsprechendem Medienecho war und in der Folge verkauft wurde. Hier endet die Wahrheit allerdings schon, denn zwischen den Betreibern des Portals und den Gründern der schwedischen Partei besteht personell keine Identität; von der deutschen, die “M!Games” zu beschreiben vorgibt, ganz zu schweigen.
Was genau ist denn übrigens ein “Raubkopierer”? Das Beziehen digitaler Daten (elektrischer Impulse, Strom an und Strom aus, vulgo “1 und 0”) kann man mit ein wenig Fantasie tatsächlich als eine Art Kopie abstrahieren, aber was genau wird auf diese Weise wem geraubt, also gewaltsam entrissen? Die Definition eines Raubes oder doch wenigstens Diebstahls bedingt einen abgeschlossenen Besitz-(nicht Eigentums-)transfer, will sagen: Danach ist es weg. Das wäre allerdings in der Tat eine technische Revolution, wäre über das Internet tatsächlich solcherlei möglich. Die Jahrhunderte des Eindringens in fremde Wohnungen, womöglich mit Sach- oder gar Personenschaden verbunden, wären endlich gezählt! So aber bleibt nur zu wiederholen, was Beate Merk anlässlich des beabsichtigten Ankaufs von Bankdaten aus der Schweiz sprach: Daten kann man nicht stehlen.
Weiter im Text: “um ihr illegales Treiben zu legalisieren” (resp. eben “um ihren Lastern politischen Nachdruck zu verleihen”), nein, nein und nochmals nein. Die Novellierung des Urheberrechts, die die Piratenpartei anstrebt, hat vielmehr damit zu tun, dass jenes in seinem jetzigen Zustand der globalen Vernetzung nicht mehr gewachsen ist. Hierzu eine Grafik am Beispiel eines Tonträgers:
Diese Verteilung ist weder im Sinne der Musikschaffenden noch der Konsumenten, denn man zahlt als Endnutzer keinesfalls für geistige Schöpfungskraft, sondern allein für den Profitwillen derer, die auf dem teuer erworbenen Tonträger nicht einmal zu hören sind. Davon abgesehen sieht das derzeitige Urheberrecht so etwas wie Musikdownloads, legal oder nicht legal, nicht einmal vor. Jens Seipenbusch drückte es im Gespräch mit Jan Philipp Albrecht, Chris Piallat und Jan Engelmann so aus:
Wenn man sich jetzt den Text des Urheberrechts anguckt, ist da im Grunde genommen noch von Farbkopierern die Rede. Den Fotokopierer gibt es seit Ende der sechziger Jahre. Daran erkennt man zum einen, dass es einen extremen Aufarbeitungsstau gibt. Zum anderen haben der Prozess der Digitalisierung und die Verbreitung des Internets das Urheberrecht praktisch überrannt. (…) Die Tonträgerbranche wandelt sich, weil trägerlose Medien dominant geworden sind. Deswegen ist auch die Diskussion um Pauschalabgaben schwierig. Früher hatten wir Tonträger, jetzt haben wir eine Infrastruktur, die aber nicht exklusiv von den Unterhaltungsmedien genutzt werden kann.
Nicht zu vergessen ist schließlich auch, dass die Piratenpartei keine bloße Einthemenpartei war und ist. Neben der Novellierung des Urheberrechts werden auch ein transparenter Staat, die Abschaffung jeglicher Überwachungs- und Zensurinfrastrukturen und eine Eindämmung des Lobbyismus gefordert, darüber hinaus viele weitere Aspekte von Demokratie und Bürgerrechten; kurz gesagt: Die Piratenpartei ist die F.D.P. des 21. Jahrhunderts. Aber wir machen keine Fehler.
(Am 9. Mai ist Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, wie mir kürzlich zugetragen wurde. Nutzt die Gelegenheit weise!)
Um diesen Text nun also zusammenzufassen, liebe Redakteure von “M!Games”, falls es nur für wenige Sätze reicht:
Vorher, falsch: “Schließlich haben sich die Raubkopierer jüngst zur Piratenpartei formiert, um ihren Lastern politischen Nachdruck zu verleihen.”
Nachher, richtig: “Auch die in mehreren Ländern vertretene Piratenpartei hat sich unter anderem die längst fällige Überarbeitung des Urheberrechts zum Ziel gesetzt.”
Bittesehr, nichts zu danken.



Gut gebrüllt, Löwe!
Groar!