In den NachrichtenPiratenpartei
Medi­en­kri­tik XXVII: Wir kri­mi­nel­les Pack!

Lie­be Leser,

ich bin Mit­glied einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung.

Dies jeden­falls behaup­tet die jüngst erschie­ne­ne 200. Aus­ga­be des Maga­zins „M!Games“, trotz des Namens offen­bar kein Maga­zin für digi­ta­le Jugend­kul­tur, indem es pro­pa­giert:

Schließlich haben sich die Raubkopierer jüngst zur Piratenpartei formiert, um ihren Lastern politischen Nachdruck zu verleihen.

Schon her­um­ge­spro­chen, so nahm ich an, hat sich die Geschich­te hin­ter der Pira­ten­par­tei spä­te­stens seit der letz­ten Bun­des­tags­wahl. War­um ein vor­geb­lich jour­na­li­sti­sches Maga­zin den­noch sol­che gro­tes­ken Fehl­in­for­ma­tio­nen ver­brei­tet, ist für mich unbe­greif­lich. Ich neh­me mir daher an die­ser Stel­le ein­mal die Frei­heit her­aus, den holp­rig for­mu­lier­ten Unsinn brauch­bar zu para­phra­sie­ren und ihm ener­gisch zu wider­spre­chen; die vage Hoff­nung, dass die­ser Text über aller­lei dün­kel­haf­te Umwe­ge in die Hän­de der zustän­di­gen Schrei­ber­lin­ge gelangt, allein genügt als Antrieb.

„Jetzt hat sich eine Grup­pe von Raub­ko­pie­rern als Par­tei auf­ge­stellt, um ihr ille­ga­les Trei­ben zu lega­li­sie­ren“, so lau­tet der zitier­te Satz sinn­ge­mäß und weni­ger ver­schwur­belt, und dass es zum abschlie­ßen­den Inflek­tiv „*schnaub*“ nicht mehr gereicht hat, ist wohl einer glück­li­chen Fügung von Zufäl­len zu ver­dan­ken. Jeden­falls ist in die­sem Satz, wie man ihn auch umstellt, bei­na­he nichts wahr:

„Jetzt“ (im Ori­gi­nal­text „jüngst“) ist schon eine völ­lig fal­sche Ein­lei­tung. Die deut­sche Pira­ten­par­tei trat im Jahr 2006 erst­mals öffent­lich auf, die schwe­di­sche als ihr Vor­bild exi­stiert somit auch nicht erst seit letz­ter Woche. Da ist an den Redak­teu­ren wohl eini­ges vor­bei­ge­zo­gen. Zwar ist „hat sich eine Grup­pe von“ wenig­stens eini­ger­ma­ßen zutref­fend, aber die Grün­der der deut­schen Pira­ten­par­tei pau­schal als „Raub­ko­pie­rer“ zu bezeich­nen ist auch wie­der ein amü­san­ter Ein­fall.

Rich­tig ist, dass die Idee hin­ter der schwe­di­schen „Piratpar­tiet“ auf das Tausch­por­tal „The Pira­te Bay“ zurück­geht, das in den letz­ten Jah­ren oft Gegen­stand von Gerichts­ver­hand­lun­gen mit ent­spre­chen­dem Medi­en­echo war und in der Fol­ge ver­kauft wur­de. Hier endet die Wahr­heit aller­dings schon, denn zwi­schen den Betrei­bern des Por­tals und den Grün­dern der schwe­di­schen Par­tei besteht per­so­nell kei­ne Iden­ti­tät; von der deut­schen, die „M!Games“ zu beschrei­ben vor­gibt, ganz zu schwei­gen.

Was genau ist denn übri­gens ein „Raub­ko­pie­rer“? Das Bezie­hen digi­ta­ler Daten (elek­tri­scher Impul­se, Strom an und Strom aus, vul­go „1 und 0“) kann man mit ein wenig Fan­ta­sie tat­säch­lich als eine Art Kopie abstra­hie­ren, aber was genau wird auf die­se Wei­se wem geraubt, also gewalt­sam ent­ris­sen? Die Defi­ni­ti­on eines Rau­bes oder doch wenig­stens Dieb­stahls bedingt einen abge­schlos­se­nen Besitz-(nicht Eigentums-)transfer, will sagen: Danach ist es weg. Das wäre aller­dings in der Tat eine tech­ni­sche Revo­lu­ti­on, wäre über das Inter­net tat­säch­lich sol­cher­lei mög­lich. Die Jahr­hun­der­te des Ein­drin­gens in frem­de Woh­nun­gen, womög­lich mit Sach- oder gar Per­so­nen­scha­den ver­bun­den, wären end­lich gezählt! So aber bleibt nur zu wie­der­ho­len, was Bea­te Merk anläss­lich des beab­sich­tig­ten Ankaufs von Bank­da­ten aus der Schweiz sprach: Daten kann man nicht steh­len.

Wei­ter im Text: „um ihr ille­ga­les Trei­ben zu lega­li­sie­ren“ (resp. eben „um ihren Lastern poli­ti­schen Nach­druck zu ver­lei­hen“), nein, nein und noch­mals nein. Die Novel­lie­rung des Urhe­ber­rechts, die die Pira­ten­par­tei anstrebt, hat viel­mehr damit zu tun, dass jenes in sei­nem jet­zi­gen Zustand der glo­ba­len Ver­net­zung nicht mehr gewach­sen ist. Hier­zu eine Gra­fik am Bei­spiel eines Ton­trä­gers:

Die­se Ver­tei­lung ist weder im Sin­ne der Musik­schaf­fen­den noch der Kon­su­men­ten, denn man zahlt als End­nut­zer kei­nes­falls für gei­sti­ge Schöp­fungs­kraft, son­dern allein für den Pro­fit­wil­len derer, die auf dem teu­er erwor­be­nen Ton­trä­ger nicht ein­mal zu hören sind. Davon abge­se­hen sieht das der­zei­ti­ge Urhe­ber­recht so etwas wie Musik­down­loads, legal oder nicht legal, nicht ein­mal vor. Jens Sei­pen­busch drück­te es im Gespräch mit Jan Phil­ipp Albrecht, Chris Pial­lat und Jan Engel­mann so aus:

Wenn man sich jetzt den Text des Urhe­ber­rechts anguckt, ist da im Grun­de genom­men noch von Farb­ko­pie­rern die Rede. Den Foto­ko­pie­rer gibt es seit Ende der sech­zi­ger Jah­re. Dar­an erkennt man zum einen, dass es einen extre­men Auf­ar­bei­tungs­stau gibt. Zum ande­ren haben der Pro­zess der Digi­ta­li­sie­rung und die Ver­brei­tung des Inter­nets das Urhe­ber­recht prak­tisch über­rannt. (…) Die Ton­trä­ger­bran­che wan­delt sich, weil trä­ger­lo­se Medi­en domi­nant gewor­den sind. Des­we­gen ist auch die Dis­kus­si­on um Pau­schal­ab­ga­ben schwie­rig. Frü­her hat­ten wir Ton­trä­ger, jetzt haben wir eine Infra­struk­tur, die aber nicht exklu­siv von den Unter­hal­tungs­me­di­en genutzt wer­den kann.

Nicht zu ver­ges­sen ist schließ­lich auch, dass die Pira­ten­par­tei kei­ne blo­ße Ein­the­men­par­tei war und ist. Neben der Novel­lie­rung des Urhe­ber­rechts wer­den auch ein trans­pa­ren­ter Staat, die Abschaf­fung jeg­li­cher Über­wa­chungs- und Zen­sur­in­fra­struk­tu­ren und eine Ein­däm­mung des Lob­by­is­mus gefor­dert, dar­über hin­aus vie­le wei­te­re Aspek­te von Demo­kra­tie und Bür­ger­rech­ten; kurz gesagt: Die Pira­ten­par­tei ist die F.D.P. des 21. Jahr­hun­derts. Aber wir machen kei­ne Feh­ler.

(Am 9. Mai ist Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len, wie mir kürz­lich zuge­tra­gen wur­de. Nutzt die Gele­gen­heit wei­se!)

Um die­sen Text nun also zusam­men­zu­fas­sen, lie­be Redak­teu­re von „M!Games“, falls es nur für weni­ge Sät­ze reicht:

Vor­her, falsch: „Schließ­lich haben sich die Raub­ko­pie­rer jüngst zur Pira­ten­par­tei for­miert, um ihren Lastern poli­ti­schen Nach­druck zu ver­lei­hen.“
Nach­her, rich­tig: „Auch die in meh­re­ren Län­dern ver­tre­te­ne Pira­ten­par­tei hat sich unter ande­rem die längst fäl­li­ge Über­ar­bei­tung des Urhe­ber­rechts zum Ziel gesetzt.“

Bit­te­s­ehr, nichts zu dan­ken.

Senfecke:

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