In den NachrichtenPiratenpartei
Ausgelauert

Erin­nert sich noch jemand an Christo­pher Lauer?

Christo­pher Lauer war unlängst noch, nun, charis­ma­tis­ch­er Lan­desvor­sitzen­der des Lan­desver­ban­des Berlin der Piraten­partei Deutsch­land und fiel in den let­zten Jahren meist dadurch auf, dass er poli­tis­che Geg­n­er im Berlin­er Abge­ord­neten­haus eben­so wie in diesen scheußlichen talk­shows genüsslich zer­riss, wobei er sich auch in der eige­nen Partei sel­ten mit Kri­tik zurück­hielt.

Sein jüng­ster großer Auftritt, die Bewer­bung als poli­tis­ch­er Geschäfts­führer auf dem außeror­dentlichen Bun­desparteitag in Halle, hat­te auch für mich als Teil des anwe­senden Pub­likums einen hohen Unter­hal­tungswert:

Christo­pher Lauer grandiose Kan­di­datur Rede beim #aBPT14

So dreist und satirisch diese Rede auch gewe­sen sein mag, er ver­drängt nur teil­weise den schwe­len­den Rich­tungsstre­it (wir erin­nern uns: auf diesem Parteitag hat der pro­gres­sive Flügel der Piraten­partei jeglich­es Vor­stand­samt auf Bun­de­sebene aufgeben müssen). Christo­pher Lauer als Vertreter des linken Teils der Piraten­partei hat sich hier als Lan­desvor­sitzen­der also mit ein­er Mehrheit — den Lib­eralen (von den Pro­gres­siv­en gern bek­loppter­weise auch die Recht­en genan­nt) — angelegt.

Es ist in der Piraten­partei nicht ver­boten, einen Parteitag zu trollen, was mir sehr gele­gen kommt; die Satzung gilt trotz­dem. Vom neuen Bun­desvor­stand, der auf diesem Parteitag gewählt wurde, wurde auch erwartet, sich nicht zum Spiel­ball machen zu lassen, wie es der vorherige Bun­desvor­stand war. Gerücht­en zufolge hat dieser Bun­desvor­stand auch angemessen reagiert und satzungs­gemäß nach vorheriger Anhörung möglicher­weise Ord­nungs­maß­nah­men gegen Christo­pher Lauer ver­hän­gen wollen, der Anhörung­ster­min wäre der 25. Sep­tem­ber gewe­sen. Auch son­st macht der amtierende Bun­desvor­stand vieles anders und ver­sagt etwa der “open­mind”, der Kon­ferenz mit dem Sym­bol der verkrampft geschlosse­nen erhobe­nen Faust, die Unter­stützung.

Gestern trat Christo­pher Lauer aus und kam damit ein­er Amt­sen­the­bung zuvor. Manche Mit­glieder der “pro­gres­siv­en” — 2009 nan­nte man ja noch die “Net­zpoli­tik­er” in der Partei “pro­gres­siv” — Partei­seite fol­gten seinem Beispiel, oft unter großem Gezeter (auf Twit­ter) und Applaus (ebd.), denn ein leis­er, unkom­men­tiert­er Aus­tritt ist ja doch nicht stilecht.

Sein Man­dat im Berlin­er Abge­ord­neten­haus möchte der “Bubi” (Christo­pher Lauer über aus­ge­tretene Parteim­it­glieder) übri­gens behal­ten. Aus Grün­den.

Wir haben uns das auch ein­fach­er vorgestellt.


Nach­trag: Auch Anne Helm (“THANK YOU BOMBER HARRIS” — lei­der über­schat­tete diese doch eher unüber­legte Aktion ihre bis dahin weit­ge­hend löbliche Arbeit für die Men­schen­rechte) und Oliv­er Höf­in­g­hoff sind aus­ge­treten, bedauernd begleit­et von den Medi­en, die einen Aus­tritt, wenn er nur laut genug ertönt, grund­sät­zlich als Zeichen für das sichere Ende der Piraten­partei deuten wollen; andere gehen, weil der Bun­desvor­stand ihnen ver­meintlich nicht antifaschis­tisch genug sei. Die Piraten­partei ist zwar keine Antifa-Ver­anstal­tung, wohl aber ist sie — wie alle guten demokratis­chen Parteien — total­itären Strö­mungen gegenüber neg­a­tiv eingestellt.

Die Piraten­partei stellt zweifel­sohne gesellschaftlich radikale Forderun­gen; wem eine Partei, in der poli­tis­ch­er Radikalis­mus grund­sät­zlich nicht willkom­men ist, jedoch nicht weit genug geht, der war in der Piraten­partei von vorn­here­in falsch. Es wäre ver­früht, den Aus­tritt von Klassen­clowns und ehe­ma­li­gen Mit­gliedern, die sich mit den Grund­festen der Partei von Anfang an nicht iden­ti­fizieren kon­nten, als Zeichen für den Nieder­gang der Partei zu ver­ste­hen. Es ist vielmehr ein sicheres Zeichen dafür, dass sie wieder weiß, wo sie ste­hen möchte, und sich nicht noch länger mit Flügelkämpfen selb­st demon­tieren will. Ich bin damals in eine Partei einge­treten, weil ich das Urhe­ber­recht und aktuelle Überwachungs­ge­set­ze in der gegebe­nen Form nicht in Ord­nung fand und finde — nicht, um poten­ziell Gewalt­bere­ite zu ver­dreschen.

Ich finde das gut.