PersönlichesLyrik
Sie. (Fragment)

… Noch in seinem Ses­sel, er hat­te längst die Zeit aus den Augen ver­loren, überkam ihn ein selt­sames Gefühl. Er blick­te an sich herab. Was war nur mit ihm passiert?
Er ließ die Zeit, seit sie fort war, Revue passieren. Das war nun schon lange her, und den­noch berührte es ihn noch immer sehr, wann immer er an sie dachte; und er dachte oft an sie.

Als sie noch bei ihm war, so sagten seine Fre­unde und seine Fam­i­lie, schien er voller Lebens­freude, mit sich und dem Leben im Reinen. Seine Augen leuchteten und seine Wan­gen glüht­en, wenn er von ihr sprach. Sie hat­te sein Leben bere­ichert, war längst zu einem Teil von ihm gewor­den; nein, sie war sein Leben. Men­schen verän­dern sich, dachte er, und das nicht immer nur zum Guten. Er hat­te es, wie so oft, gründlich ver­mas­selt, hat­te dadurch, dass er nur keine Fehler machen wollte, den größten Fehler seines bish­eri­gen und, so meinte er, ver­mut­lich auch zukün­fti­gen Lebens gemacht.

Hat­ten sie nicht die schön­ste Zeit ihres oder jeden­falls min­destens seines Lebens gemein­sam ver­bracht? Und dachte sie eigentlich genau so? Er wusste es nicht, es war ihm in dieser Minute auch völ­lig egal. “Ganz schön selb­st­süchtig”, dachte er und ver­achtete sich, wie so oft in den let­zten Monat­en, für seine eige­nen unaus­ge­sproch­enen Gedanken.

Nach­dem sie es been­det hat­te, war er nicht in Depres­sion ver­fall­en — die hätte er ver­mut­lich längst über­wun­den -, son­dern in Apathie. Seine Zukun­ft­spläne lagen in Scher­ben, das Leucht­en war ver­schwun­den. Es blieb eine Leere, die er, wenn er die Augen schloss, wie ein großes schwarzes Loch vor sich sah.

Im Radio lief “Was zählt” der Toten Hosen. Er sang leise mit:

“Für mich ist gestern wert­los und mor­gen ganz egal, so lange du mir ver­sprichst, dass du mich hal­ten kannst…”

Über all die Monate, bald Jahre hat­te er jeglich­es Inter­esse daran, seine Ver­gan­gen­heit endlich ruhen zu lassen, abgelegt. Nie­mand anders, dessen war er sich sich­er, hat­te ihm je dieses Gefühl gegeben, und er kon­nte sich nicht vorstellen, dass eine andere es ihm jemals geben kön­nte.

Er war damals — früher — sich­er nie ein Kostverächter gewe­sen, aber er wusste: Wenn er jemals wieder glück­lich wer­den wollte, brauchte er sie dafür. Natür­lich gab es andere Frauen in seinem Fre­un­des- und Bekan­ntenkreis, und natür­lich hätte er, und sei es aus Trotz, ver­suchen kön­nen, seine Geschichte in ihren Armen zu vergessen. Allein: Er wusste eben­so wie sie, dass dies unmöglich funk­tion­ieren kon­nte. Er würde ihnen — und sich — das Herz brechen. In seinen Träu­men sah er sie. In seinen Träu­men war er glück­lich, seine Augen leuchteten und seine Wan­gen glüht­en. Nein, so kon­nte das nicht funk­tion­ieren.

Vielle­icht hat­te er nur noch eine Chance, vielle­icht keine mehr; auf jeden Fall musste er es ver­suchen. Er musste seinen Mut zusam­men­nehmen, er musste sie zurück­gewin­nen. Was sollte ihm passieren? Er hat­te nichts zu ver­lieren, er kon­nte nur gewin­nen. Den Haupt­gewinn. Sie.

Zufrieden lächel­nd im Gedanken an das Glück griff er zaghaft nach der Bier­flasche, die halb geleert neben ihm stand.
Eine ver­traute Stimme in sein­er Erin­nerung flüsterte leise: “Ich liebe dich.” …

(Stim­mung heute: Schwül­stig.)

Senfecke:

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