Nennt mal ein paar Lieder der Beatles! — Das ist nicht so schwer, ein Teil von ihnen (es gibt ja genug) wird sowieso von den Sendern tagein, tagaus einem beinahe wehrlosen Publikum vorgespielt. Ein besonders bedrückendes Beispiel war der Sender Radio 21, der vor ein paar Jahren die Angewohnheit hatte, jeden Morgen ein paar Beatles-Lieder zu spielen, inzwischen vermutlich aber damit aufgehört hat.
Und jetzt nennt mal ein paar Lieder der Rolling Stones!
“Satisfaction”, ja. “Start Me Up”, auch richtig. “Paint It, Black” und “Sympathy for the Devil”, vielleicht noch “Angie” und “Gimme Shelter”. War’s das? Meistens. Das ist eigentlich erstaunlich: Nach über 50 Jahren im Musikgeschäft haben “die Stones” deutlich mehr hinterlassen, was man kennen könnte. Klar, es war auch viel Unfug dabei, zum Beispiel das überflüssige “Tattoo You”, aber auch einige wahre Albenperlen wie “Some Girls” und das deutlich unterbewertete “Their Satanic Majesties Request”.
Letzteres, ein halbes Jahr nach “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” der Beatles veröffentlicht, wird oft als Versuch missverstanden, jenes zu kopieren. Während aber von “Sgt. Pepper” entgegen dem ursprünglichen Konzept nicht viel mehr übrig blieb als eine unzusammenhängende Liedsammlung, deren “Rahmenhandlung” um eine Musikgruppe namens “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” auf ein Minimum gekürzt wurde und deren “psychedelische Elemente” im Gegensatz zu Pink Floyds wiederum 1967 erschienenen Debüt allenfalls den Geist der Hippies atmeten, machten die Rolling Stones es von Anfang an richtig.
Das wohl bekannteste Stück auf “Their Satanic Majesties Request” — “She’s a Rainbow” — ist trotz der beachtlichen Instrumentierung zugleich das untypischste:
Wie so oft in den Jahren um 1967 herum wurde auf “Their Satanic Majesties Request” nämlich daneben allerlei Unfug getrieben; sei’s ein schnarchender Bill Wyman in “In Another Land”, sei’s das beschauliche Lagerfeuerlied “Sing This All Together”, das die erste LP-Seite (mit John Lennon und Paul McCartney als Hintergrundsänger) eröffnet und in einer etwas längeren, aber völlig anderen, psychedelisch-durchgedrehten Version (nicht der folgenden) wieder schließt:
Das alles ist noch kein Grund, “Their Satanic Majesties Request” überragend zu finden; aber da ist auch noch “Citadel”.
“Citadel” — one of the most underrated Stones songs ever — ist das psychedelische Lied der Rolling Stones, klingt natürlich nach John Lennon, Jefferson Airplane, The United States of America und …And You Will Know Us by the Trail of Dead (und zwar gleichzeitig) und kann gar nicht genug gewürdigt werden:
Dass “Citadel” wie auch die meisten anderen Stücke auf diesem Album nie live gespielt wurde, ist ebenso bedauerlich wie die Rückkehr der Rolling Stones zum gewohnten Bluesrock mit dem Nachfolgealbum “Beggars Banquet” 1968. Mitgründer Brian Jones blieb nicht mehr lange in der Band — vermutlich wegen übertriebenen Drogenkonsums zog er sich wie Syd Barrett immer mehr zurück, 1969 wurde er vor die Tür gesetzt und starb noch im selben Jahr. “Their Satanic Majesties Request” verschwand im Folgenden weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung, was etwas schade ist.
Ich empfehle jenen, die (wie ich) an den Rolling Stones vor allem ihre gelegentlichen Experimente (Disco und Punk auf “Some Girls” sowie eben dieses hier) schätzen, diese Wahrnehmung zurückzugewinnen, stilecht auf Vinyl (weil’s schöner ist) oder eben auf einem Tonträger eurer Wahl. Der Rest kann’s natürlich ignorieren, aber dann verpasst er was.
Open our heads, let the pictures come!
The Rolling Stones: Sing This All Together

