Ah, endlich passiert mal wieder was in Deutschland. Ich hatte schon angefangen, mich zu langweilen. Es gibt mächtig Zoff in der Medienlandschaft.
Die Piraten zum Beispiel — ich selbst treffe auf Parteitagen eigentlich überwiegend friedfertige, harmoniewillige Gestalten — lassen Johannes Ponader endlich mal in Ruhe und schießen sich stattdessen wieder einmal auf die Rechten ein. Dass sie dabei die einstigen Ideale (Achtung, ungewollt nautische Metapher folgt!) über Bord werfen wie einst die ehemals pazifistischen Grünen, interessiert sie dabei nur wenig:
Befinden sich die Piraten auf einen weg in die totalitäre Ecke?
Das ist nur einer der Gründe, wieso ich trotz (oder eben wegen) meiner Mitgliedschaft hoffe, dass die Piratenpartei bis auf Weiteres keinen Einzug in den Bundestag schaffen wird: Wenn schon intern die größten Schreihälse die Meinungshoheit an sich reißen, ist es dann wirklich ratsam, deren Bühne auch noch auf Bundesebene auszuweiten? Daran ändert auch eine FlauschCon nichts:
Unflauschiges Ende der #flauschcon: Boden und Wände ruiniert, Möbel gestohlen, explodierende Kosten, Rechtsstreit
Piraten sind eben auch nur Menschen.
Mit Wattebäuschchen bewerfen sich derweil auch Mitglieder der deutschsprachigen Wikipedia und Autoren des liberalen Magazins “eigentümlich frei”:
Was für ein Profil muss ein Wikipedia-Autor haben? Er erzeugt kein Wissen, er sammelt es. Er durchbricht keine Formen, er füllt sie. Er stellt keine Kategorien in Frage, er ordnet sie. Er formuliert nicht prägnant, sondern er zitiert prägnante Formulierungen. Er steigt in der Benutzerhierarchie nicht durch Wagnis und Tabubruch auf, sondern durch Fleiß und Wohlverhalten. (…) Ein Wesen aus der zweiten Dimension findet das Gerede von der „Kugel“ auch äußerst dubios.
Den Spruch werde ich beizeiten mal klauen.
Apropos “Menschen, die die Welt um sich herum nicht verstehen”: Der “Stern” — so etwas wie eine Kreuzung aus BILD und SPIEGEL — macht gerade das mit dem Urheberrechtsgetrolle und lässt die F.D.P. verklagen, weil diese im Sinne der “Transparenz” (das Wort haben sie vermutlich von den Piraten gelernt) einen Fragenkatalog über zweifelhafte Geschäfte von parteinahen Firmen, den man ihr seitens des “Sterns” zugeschickt hatte, mitsamt den Antworten ins Internet gestellt hat.
Die Begründung mit dem Urheberrecht greift aber zu kurz:
Nehmen wir an, Herr Tillack hat durch Recherche herausgefunden, dass in meinem Keller eine Leiche sein soll. Wenn er mich, journalistisch korrekt, mit diesem Vorwurf konfrontiert, habe ich natürlich die Möglichkeit, schnell noch in die Offensive zu gehen und selbst der Öffentlichkeit in meinen eigenen Worten mitzuteilen, dass da eine Leiche in meinem Keller ist, um der Enthüllung die Wucht zu nehmen und als erstes die Deutungshoheit zu haben.
Das mag für einen Journalisten ärgerlich und frustrierend sein, aber das ist so.
Ob die Papierzeitungsindustrie ihren Niedergang (jüngstes Opfer des bösen, bösen Internets ist die Frankfurter Rundschau) aufhalten kann, wenn sie Allerweltsfloskeln als geistiges Eigentum zu versilbern versucht, weiß ich nicht. Aber es ist mir auch egal — der “Stern” ist mir als Leser einfach zu boulevardesk.
Vielleicht würde einiges davon nicht geschehen, wenn die alten Institutionen sich endlich der neuen gesellschaftlichen Realität anpassen würden. Stattdessen erwarten sie von der gesellschaftlichen Realität etwas Entgegenkommen. Das kann nicht funktionieren.
Der schnelle gesellschaftliche Wandel hat eine Institutionenkrise verursacht, die in der digitalen Welt am deutlichsten zu beobachten ist.
Ich empfehle — völlig unabhängig davon, dass er von Sascha Lobo geschrieben wurde — verlinkten Artikel in Gänze zu lesen.
Einen noch, da wir oben bei Urheberrechtsgetrolle waren: Die Leute von Samsung holen sich dann mal die Prozesskosten von Apple zurück, indem sie die Prozessoren — und somit einige Apple-Geräte — teurer machen. Tja.


