… Er hatte nicht mit ihr gerechnet.
Unzählige Male schon war er in dieser kleinen Stadt gewesen, hatte einen Teil der, wie die Anderen sagten, besten Jahre seines Lebens dort zugebracht und letztlich verschwendet. Er sah Freunde wie Feinde kommen und gehen, ließ seine Leidenschaften aufblühen und verwelken, wie sie ihm gerade geschahen. Es war bequem, aber es füllte ihn nicht aus. Die Leere hatte ihn begleitet, seit er seine Jugend hinter sich gelassen hatte, und so oft er sich auch der Feier und der Lust hingab, so oft kehrte sie zurück. Er dachte an Sisyphos, den griechischen Sagenhelden, und an dessen Los, eine schwere Last vergebens einen Hang hinaufzustemmen.
Als in ihm die neue Leidenschaft aufflammte, war er noch immer ruhelos. Er wollte Antworten, doch jede Antwort warf neue Fragen auf, und jede Frage war ein weiterer Schnitt. Er wähnte sich verloren in dem Dickicht, das er selbst immer wieder aufforstete, um der Leere zu entgehen. Auch deshalb nahm er die Gelegenheit wahr. Er brach die Brücken ab, die ihn bis dahin über die Leere geleitet hatten, und gab sich dem hin, was, wie er einmal gelesen hatte, manche Menschen als “neues Leben” bezeichnen. Er mochte diese Worte nicht.
Tatsächlich aber fühlte es sich für ihn wie ein Neuanfang an. Er schätzte es, in den Kreisen derer zu verkehren, die seine Begeisterung teilten, und sich mit ihnen auszutauschen. Bis zu diesem Tag hatte sich hierbei nie etwas Einschneidendes ereignet.
Dieses Mal war etwas anders.
Es hatte harmlos begonnen. Als er den Treffpunkt erreichte, traf er auf viele alte und neue Bekannte. Er scherzte mit ihnen und ging auf in den Gesprächen, die er führte, und vergaß hierüber endlich, weshalb er so weit gekommen war und warum er überhaupt hier war; er vergaß, wovor er geflohen war, und es interessierte ihn auch nicht mehr. Vergessen waren die Jahre, die sich für ihn anfühlten wie eine endlos scheinende Visualisierung des Stückes “Domed” von And Also The Trees.
Dann sah er sie.
Sie stand am anderen Ende der Schlange, in der er sich gerade befand, und strahlte ihn an. Ihr Blick war von einer Tiefe, die er bis dahin nicht kannte, und so wenig er dieses Wort auch schätzte, so kam er doch nicht umhin, ihre Erscheinung (“wie eine Marienerscheinung” dachte er) insgesamt als süß zu empfinden, und schämte sich für dieses Wort. Er kannte ihren Namen, immerhin (stand er auf ihrer Brust und) hatten sie sich in der Vergangenheit schon ausgetauscht. Nicht einmal im Traum allerdings hätte er vermutet, dass sich hinter diesem ein Lächeln wie ihres verbergen würde.
Je länger er sich widersetzte, je mehr er versuchte, das Unausweichliche zurückzudrängen, desto lauter spielte der längst vergessene Plattenspieler in seinem Kopf Lieder aus vergangenen Zeiten. In another land I try to find somebody. Längst stand er nicht mehr in der Schlange, er fiel. Die Menschen, die vor und hinter ihm sprachen und lachten, bemerkten es nicht.
Nein, er hatte nicht mit ihr gerechnet. …


*furz*
Gefällt mir.
Was für’n Schmalz.
Was für ein widerlicher Ekelschmalz.