PersönlichesLyrik
Sie. (Fragment 6.1, unvollendet)

… Er hat­te nicht mit ihr gerech­net.

Unzäh­lige Male schon war er in dieser kleinen Stadt gewe­sen, hat­te einen Teil der, wie die Anderen sagten, besten Jahre seines Lebens dort zuge­bracht und let­ztlich ver­schwen­det. Er sah Fre­unde wie Feinde kom­men und gehen, ließ seine Lei­den­schaften auf­blühen und ver­welken, wie sie ihm ger­ade gescha­hen. Es war bequem, aber es füllte ihn nicht aus. Die Leere hat­te ihn begleit­et, seit er seine Jugend hin­ter sich gelassen hat­te, und so oft er sich auch der Feier und der Lust hingab, so oft kehrte sie zurück. Er dachte an Sisyphos, den griechis­chen Sagen­helden, und an dessen Los, eine schwere Last vergebens einen Hang hin­aufzustem­men.

Als in ihm die neue Lei­den­schaft auf­flammte, war er noch immer ruh­e­los. Er wollte Antworten, doch jede Antwort warf neue Fra­gen auf, und jede Frage war ein weit­er­er Schnitt. Er wäh­nte sich ver­loren in dem Dic­kicht, das er selb­st immer wieder auf­forstete, um der Leere zu ent­ge­hen. Auch deshalb nahm er die Gele­gen­heit wahr. Er brach die Brück­en ab, die ihn bis dahin über die Leere geleit­et hat­ten, und gab sich dem hin, was, wie er ein­mal gele­sen hat­te, manche Men­schen als “neues Leben” beze­ich­nen. Er mochte diese Worte nicht.

Tat­säch­lich aber fühlte es sich für ihn wie ein Neuan­fang an. Er schätzte es, in den Kreisen der­er zu verkehren, die seine Begeis­terung teil­ten, und sich mit ihnen auszu­tauschen. Bis zu diesem Tag hat­te sich hier­bei nie etwas Ein­schnei­den­des ereignet.

Dieses Mal war etwas anders.

Es hat­te harm­los begonnen. Als er den Tre­ff­punkt erre­ichte, traf er auf viele alte und neue Bekan­nte. Er scherzte mit ihnen und ging auf in den Gesprächen, die er führte, und ver­gaß hierüber endlich, weshalb er so weit gekom­men war und warum er über­haupt hier war; er ver­gaß, wovor er geflo­hen war, und es inter­essierte ihn auch nicht mehr. Vergessen waren die Jahre, die sich für ihn anfühlten wie eine end­los scheinende Visu­al­isierung des Stück­es “Domed” von And Also The Trees.

Dann sah er sie.

Sie stand am anderen Ende der Schlange, in der er sich ger­ade befand, und strahlte ihn an. Ihr Blick war von ein­er Tiefe, die er bis dahin nicht kan­nte, und so wenig er dieses Wort auch schätzte, so kam er doch nicht umhin, ihre Erschei­n­ung (“wie eine Mariener­schei­n­ung” dachte er) ins­ge­samt als süß zu empfind­en, und schämte sich für dieses Wort. Er kan­nte ihren Namen, immer­hin (stand er auf ihrer Brust und) hat­ten sie sich in der Ver­gan­gen­heit schon aus­ge­tauscht. Nicht ein­mal im Traum allerd­ings hätte er ver­mutet, dass sich hin­ter diesem ein Lächeln wie ihres ver­ber­gen würde.

Je länger er sich wider­set­zte, je mehr er ver­suchte, das Unauswe­ich­liche zurück­zu­drän­gen, desto lauter spielte der längst vergessene Plat­ten­spiel­er in seinem Kopf Lieder aus ver­gan­genen Zeit­en. In anoth­er land I try to find some­body. Längst stand er nicht mehr in der Schlange, er fiel. Die Men­schen, die vor und hin­ter ihm sprachen und lacht­en, bemerk­ten es nicht.

Nein, er hat­te nicht mit ihr gerech­net. …

Senfecke:

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