MusikkritikKaufbefehle
Talk Talk — Spirit of Eden

Und schon ist wieder Ostern, die Zeit der Super­son­der­spezialak­tio­nen im Inter­net. Vor lauter Eiern find­et man zurzeit nur wenig ver­w­ert­bare Infor­ma­tio­nen. Das finde ich gut und richtig, denn immer nur Poli­tik ist auf Dauer doch ein wenig ein­tönig.

Wie Wei­h­nacht­en ist Ostern im west­lich-christlichen Kul­turkreis vor allem eine “besinnliche” Zeit. Zeit, um in sich zu gehen; und dazu passt Musik. Aber was für Musik sollte man wählen? Ein “Last East­er” haben Wham! ja lei­der nie aufgenom­men, und so muss man sich anders behelfen. Da trifft es sich gut, dass, wie aus­nahms- und lobenswert­er­weise SPIEGEL Online berichtet, das 24 Jahre alte Album “Spir­it of Eden” — “der Geist des Paradieses”, ein ger­adezu bib­lis­ch­er und somit für die öster­liche Beschal­lung geeigneter Titel — der New-Wave-For­ma­tion Talk Talk jüngst sich ein­er Neuau­flage erfreuen durfte, sofern ein Musikalbum das über­haupt zu tun ver­mag.

Talk Talk war eine britis­che Musik­gruppe, die Anfang der 1980er Jahre grässlichen Kau­gum­mipop (“It’s My Life”, “Such a Shame”) für schaf­fenswert hielt und auf dem let­zten Album (“Laugh­ing Stock”, 1991), etwa zur gle­ichen Zeit wie Slint (“Spi­der­land”), das miter­fand, was heute von etiket­tier­wüti­gen Rezensen­ten “Postrock” genan­nt wird. Dazwis­chen liegt das ein­ma­lige “Spir­it of Eden”.

Die Ein­ma­ligkeit gilt nicht nur inner­halb des Schaf­fens von Talk Talk, die nie zuvor und auch danach nie wieder ein der­art per­fek­tes Album aufgenom­men haben, sie gilt für das ganze Genre des New Wave. Aber ist das über­haupt noch New Wave? Das Inter­net verneint das.

Leise begin­nt es mit Stre­ich­ern und Trompete, nach etwa zweiein­halb Minuten set­zen Gitarre, verz­er­rt-ver­stärk­te Mund­har­moni­ka, Bass und Schlagzeug ein. Die Reise nimmt ihren Anfang, schon das 23-minütige und dre­it­eilige “The Rain­bow / Eden / Desire” lässt den Hör­er eine andere Gefühlsebene erleben. Die Stim­mung ist floy­dig, Mark Hol­lis singt ein wenig undeut­lich, dazu ein wenig Klavier. Nach viere­in­halb Minuten ist man sich zum ersten Mal seit Langem dem emo­tionalen Poten­zial von Musik bewusst, und während der Ver­stand den sur­realen Rufen wie aus weit­er Ferne fol­gt, drückt irgen­det­was ganz tief drin auf Gefüh­le, die man längst vergessen (oder ver­drängt?) hat­te.

Well, how can that be fair at all?
Repent­ed, changed,
aware where I have wronged.

Tief dur­chat­men, weit­er geht es. Die Melan­cholie weicht behut­samer Hoff­nung, “Eden” begin­nt. Every­body needs some­one to live by, ja, und dann plöt­zlich, so kurz wie kaum greif­bar, The Vel­vet Under­ground; krächz, jaul, näch­ste Stro­phe. Mark Hol­lis klagt jet­zt nicht mehr, er ruft, die Stimme fast noch sehn­süchtiger als der Text, den er spricht. Die Kli­max? “Desire”. Kam­merk­länge, spär­lich instru­men­tiert.

Desire, whis­pered, spo­ken, in time, rivers, oceans.

Der Moment, in dem man am lieb­sten schreien würde, ist schon längst über­schrit­ten. Aber man kann dann doch nicht von der Stim­mung lassen und lässt sich weit­er treiben; und plöt­zlich bricht das instru­men­tale Infer­no — gemessen immer am Gewe­se­nen — los. Den Sänger hält es jet­zt auch nicht mehr zurück: That ain’t me, babe, I’m just con­tent to relax than drown with­in myself, und hätte man ger­ade ein Textbuch zur Hand, man würde den Refrain mit­brüllen, aber so bleibt nur das Brüllen ganz tief drin. Irgen­det­was dort tief drin fle­ht um Gnade, und man würde es gern ohrfeigen, um den Schmerz zu spüren.

Das mit merk­würdi­gen elek­tro­n­is­chen Effek­ten verzierte “I Believe In You” hat es aus irgendwelchen Grün­den (zwei Jahre nach “I Don’t Believe In You”, wer erken­nt das Muster?) geschafft, als Einzel­stück aus­gekop­pelt zu wer­den. Gegen Ende der 1980er Jahre war solcher­lei dur­chaus beliebt. Ähn­lich wie “Inher­i­tance” und “Wealth” ori­en­tiert sich dieses Lied eher am Art-Pop, ersteres lässt den Rezensen­ten sich mitunter gar an die weni­gen guten Momente der späten Gen­e­sis erin­nern, ohne jemals deren Ober­fläch­lichkeit zu erre­ichen.

“Wealth” ist, wie son­st nur sel­ten, ein passender Abschluss des Albums: Fast nur von der Orgel begleit­et fle­ht Mark Hol­lis ein let­ztes Mal nach dem “Reich­tum der Liebe”, dem wealth of love, und ver­spricht dafür seine Frei­heit zu geben.

Cre­ate upon my flesh,
cre­ate a home with­in my head,
Take my free­dom for giv­ing me a sacred love.

Während die Musik langsam verklingt, sinkt der Hör­er in seinen Ses­sel, noch immer weit ent­fer­nt von sich selb­st. Das Album ist längst zu Ende, die Reise noch lange nicht vor­bei.

Es gibt nur wenige Musikalben, die es schaf­fen, gle­ichzeit­ig Herz und Hirn zu ent­führen, also psy­che­delisch und melan­cholisch zugle­ich zu sein. Dear John Let­ter ver­ste­hen sich auf diese Kun­st, Talk Talk haben sie schon 1988 per­fek­tion­iert.

Ganz groß.

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Senfecke:

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