PolitikIn den Nachrichten
Die Allgegenwart virtueller Lebensräume

Dieser Tage liest man mitunter, in Frankre­ich sei die Erwäh­nung von Face­book und Twit­ter in Rund­funkme­di­en nun unter­sagt, und obwohl das nur die halbe Wahrheit ist, denn es ist lediglich nicht mehr ges­tat­tet, gezielt auf sendereigene “Pro­file” dort zu ver­weisen, lässt mich das doch erneut über den Demokratiebe­griff des Her­rn Sarkozy nach­denken.

Vor allem aber wirft es die Frage auf, warum aus­gerech­net Face­book und Twit­ter die öffentliche Diskus­sion der­art beherrschen, dass über­haupt solche Schritte nötig sind.

Twit­ter ist dabei eigentlich noch ziem­lich harm­los, wen­ngle­ich sich die Aus­rich­tung von “Was machst du ger­ade?” zu “Was gibt’s neues?” ver­schoben hat und es also nicht mehr darum geht, der Weltöf­fentlichkeit mitzuteilen, dass man ger­ade drin­gend kack­en muss, son­dern darum, der Weltöf­fentlichkeit mitzuteilen, dass es draußen ger­ade gewit­tert, was natür­lich ein ger­adezu unfass­bar­er Mehrw­ert ist, aber immer­hin noch in der Gren­ze von 140 Zeichen bleiben muss, es sei denn, man schreibt seine Gedanken auf eine externe Inter­net­seite und set­zt nur noch den Ver­weis darauf in Twit­ter, aber dann kann man es eigentlich auch ganz lassen. Ich mein­er­seits nutze Twit­ter außer zum Ver­linken von Tex­ten, die ich umfassender zu betra­cht­en ger­ade zu faul bin, und für gele­gentliche Schwätzchen primär für über­aus flache Wort­spiele, die für einen eige­nen Artikel hier auch optisch ein­fach viel zu kurz wären; sozusagen als “Mikroblog”.

Das Schöne bei Twit­ter ist, dass einem dort in der Regel kein ver­meintlich­er “Fre­und” auf den Zeiger geht, man möge sich doch bitte mit Leuten, die man nicht mal ausste­hen kann, befre­un­den, von gele­gentlichen “Empfehlun­gen” (“Fol­low­ing Fri­day”) ein­mal abge­se­hen. Es ist schlicht zweck­los, über ein solch­es Por­tal virtuelle Fre­un­deskreise aufzubauen.

Ganz anders Face­book. Face­book ist trotz all der daten­schutzrechtlichen und son­sti­gen Unver­schämtheit­en, die es seinem Benutzerkreis zumutet (hierzu zählt seit neuestem auch kon­textbe­zo­gene Wer­bung, wie sie bei Google Mail anscheinend auch noch nie einen Benutzer ern­stlich in Aufre­gung ver­set­zt hat), eine Art Fax des 21. Jahrhun­derts. War es vor unge­fähr einem Jahrzehnt noch mit oft erhe­blichem Mehraufwand ver­bun­den, ohne Faxgerät geschäftliche Kor­re­spon­denz zu führen, gilt man nun als gesellschaftlich­er Außen­seit­er, wenn man das Gesuch, weit­ere Infor­ma­tio­nen via Face­book auszu­tauschen, abschlägig beschei­det. Dabei ist es vol­lkom­men uner­he­blich, ob man über­haupt dort angemeldet ist oder sein Benutzerkon­to vielle­icht aus bes­timmten Grün­den nicht zur Inter­ak­tion mit Hinz und Kunz, obwohl diese bei­den Pro­tag­o­nis­ten sich ja eines großen Bekan­ntenkreis­es sich­er sein kön­nen, nutzen möchte. Dieses Phänomen immer­hin war bei Myspace, einst selb­st “soziales Net­zw­erk”, heute noch immer uneingeschränkt empfehlenswerte Musik­plat­tform, trotz gele­gentlich­er Ten­den­zen nie zu beobacht­en. Dabei ist Face­book eigentlich gar nicht allzu weit von Twit­ter ent­fer­nt. Die Sta­tus­meldun­gen kön­nen 140 Zeichen über­schre­it­en, hochge­ladene süße Katzen­baby­fo­tos lassen sich kat­e­gorisieren, das war es eigentlich schon. Und um so ein eigentlich weit­ge­hend sinnlos­es “Gedöns” (Ger­hard Schröder, c/o SPD) wird so ein Trara gemacht?

Es gibt unzäh­lige Möglichkeit­en, mit Per­so­n­en über das Inter­net in Kon­takt zu treten. E‑Mail gibt es schon länger als viele Face­booknutzer über­haupt leben, und dank der Ver­bre­itung von instant mes­sag­ing (ICQ, MSN, Y!IM, AIM, Jab­ber und was es nicht alles gibt) sind auch Echtzeitun­ter­hal­tun­gen, selb­st in Grup­pen, längst kein Prob­lem mehr. Wofür also all dieser Qua­si­zwang, einen weit­eren Kom­mu­nika­tion­skanal ständig zu beobacht­en, falls wom­öglich jemand Inter­esse daran haben sollte, Kon­takt mit mir aufzunehmen? Es ähnelt sehr der “Bitte um Rück­ruf”: Den eige­nen Kom­mu­nika­tion­swun­sch wan­delt man in eine Hand­lungspflicht für den­jeni­gen um, mit dem man zu kom­mu­nizieren wün­scht, und schämt sich meist nicht ein­mal dafür.

Mit Face­book ver­hält es sich wie mit den *VZ-Net­zen: Die Fre­unde sind da, also muss man auch da sein und sich natür­lich umge­hendst mit ihnen “ver­net­zen”, als würde der Fre­un­deskreis son­st ohne einen stat­tfind­en. Ich drücke es mal pro­voka­tiv aus: Wer darauf angewiesen ist, mit seinem “Fre­un­deskreis” über irgendwelchen “sozialen” Inter­netkram in Kon­takt zu treten, der sollte seine gesellschaftliche Stel­lung kri­tisch beäu­gen und ver­suchen, sie entsprechend zu bessern. Wer jeden­falls mich im real life, im “wirk­lichen Leben”, darum bit­tet, ihn zum Zwecke etwaigen Mei­n­ungsaus­tausches auf irgend­soein­er “Plat­tform” zu meinen Fre­un­den zu erk­lären, ist jemand, dessen Eig­nung zum Fre­und es mein­er­seits zu hin­ter­fra­gen gilt.

Natür­lich gibt es auch Men­schen, die von Berufs wegen auf eine virtuelle Zwei­t­ex­is­tenz qua­si angewiesen sind und wegen irgendwelch­er Verpflich­tun­gen dort auch bess­er erre­ich­bar, wom­öglich kom­mu­nika­tiv­er sind als nach Feier­abend in anson­sten gewohn­ter Umge­bung. Dazu zählen aber nur wenige Vertreter der genan­nten Gruppe, und es ist anzunehmen, dass sie die Tren­nung zwis­chen Online und Offline wohl zu vol­lziehen wis­sen. Wer aber seine Fre­unde anhand ihres Kom­mu­nika­tionsver­hal­tens auf irgendwelchen Inter­net­seit­en bew­ertet und gegebe­nen­falls aussiebt, wird das spätestens dann bereuen, wenn er einen echt­en Fre­und bit­ter nötig hat. Ein Chat lin­dert nicht jedes Herzeleid, nicht jed­er Chat­fre­und würde im Not­fall auch nachts mit Rat und Tat zur Seite ste­hen.

(Und wer eine Beziehung erst dann als gescheit­ert akzep­tiert, wenn der ehe­ma­lige Part­ner auf Face­book “nicht mehr in ein­er Beziehung” ist, sollte beizeit­en darüber nach­denken, was ihm im Leben eigentlich wichtig ist.)

Es ist zu befürcht­en, dass sich erst dann, wenn Face­book das gle­iche Schick­sal erlei­det wie Myspace, näm­lich die Konkur­renz seit­ens eines neuen, noch trendi­geren “sozialen Net­zes” mit noch bun­teren Bildern drin, all diejeni­gen, die die Alter­na­tiv­en “Werd mein virtueller Fre­und oder geh kack­en” für selb­stver­ständlich hal­ten, verge­gen­wär­ti­gen, dass sie wom­öglich doch etwas falsch gemacht haben; und wenige Tage später wird es dann heißen: “Face­book? Das nutzt eh kein­er mehr. Komm zu NeuesTolle­sPortal, da sind jet­zt alle, nur du noch nicht!”

Ich beobachte das Treiben der­weil amüsiert und nicht ohne Stolz, denn für meine sozialen Kon­tak­te bin ich seit über einem Jahrzehnt auf die gle­iche Weise erre­ich­bar. Über die Jahre kamen zwar neue Wege hinzu, aber ich habe die alten Brück­en nicht abgeris­sen. Ein Wesen der Fre­und­schaft, sagt der Weise, sei die Beständigkeit. Wohl wahr.

Senfecke:

  1. Es bleibt dabei: Face­book verbindet inter­na­tion­al als ein Weg unter vie­len. Ich freue mich jeden Tag darüber.

  2. Es ver­bi­etet sich jede pauschale Betra­ch­tungsweise. In diesem Zusam­men­hang ver­weise ich auf meinen ersten Kom­men­tar.

  3. Ich beobachte das Treiben der­weil amüsiert und nicht ohne Stolz, denn für meine sozialen Kon­tak­te bin ich seit über einem Jahrzehnt auf die gle­iche Weise erre­ich­bar

    Zum Glück hat­te IRC schon seit…immer…den Ruf nur für Hack­er und Kellerkinder inter­es­sant zu sein. Da hat sich zum Glück nie die ICQ- oder Popge­meinde hin verir­rt und jenes Konzept aus­geschlachtet.

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