Heute wird Bob Dylan 70 Jahre alt, und zwar den ganzen Tag lang. Tröt, Tusch, hurra! Einmal abgesehen davon, dass er seit dem Ende der “Rolling Thunder Revue” (u.a. beim SPIEGEL berichtete man) nur mehr schnulzige Liebeslieder in öder Countryform zu schreiben scheint, erachte ich es als unnötig, ihn hier noch einmal gesondert vorzustellen, obschon die Einführung seiner seit 1988 laufenden “Never Ending Tour” sein bisheriges Schaffen jedes Mal ausführlich zusammenfasst, aber wir sind hier ja nicht als Veranstalter tätig, sondern schnöde Schreiberlinge, und bei dem annehmbaren Wetter draußen fassen wir uns mit Vorliebe kurz.
Bob Dylan also, dessen in rascher Folge aufgenommene Alben Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und Blonde on Blonde eine beinahe schon radikale Abkehr von den zwar oft gehörten, aber letztlich musikalisch doch eher anspruchslosen Volksweisen der Vorjahre bedeuteten und heute im Allgemeinen zu den Alben gezählt werden, die man zumindest mal gehört haben sollte, bevor man dereinst ins Gras beißt, kann auf eine abwechslungsreiche Karriere zurückblicken, sofern ihm denn danach ist.
Diese Karriere ist immerhin vorbildlich, hat er sich doch zumindest jahrzehntelang nicht nur auf seinem Erfolg ausgeruht, sondern immer dann eine völlig neue Richtung eingeschlagen, wenn seine Popularität ihn zum Idol der Massen zu machen drohte. Wir lernen: Um Druck von außen zu verhindern, muss man versuchen, den Leuten so wenig zu gefallen wie es möglich ist. Ein Höhepunkt dieser Entwicklung ist das Album “Self Portrait” von 1970, das aus Neuaufnahmen eigener Stücke und einigen Coverversionen, etwa “The Boxer”, ursprünglich von Simon & Garfunkel (genauer: von Paul Simon), besteht und von der Kritik seinerzeit verwundert aufgenommen wurde; Greil Marcus etwa, Autor und Musikjournalist, fragte, was dieser Scheiß denn solle. Tatsächlich scheint sich Bob Dylan hier größte Mühe zu geben, möglichst schief zu klingen, aber wer dieses Album ernst nimmt und deshalb einen Verriss schreibt, der hat bestimmt auch CDs von Muse und Radiohead im Schrank und hält Lady Gaga für den Inbegriff der Innovation.
Ich kenne nun keine konkrete Aussage seitens Bob Dylans zur Bedeutung von “Self Portrait”, aber würde es, fragte man mich, schon aufgrund des Titels als Parodie ansehen. Und in der Tat dürfte es schwer sein, Bob Dylan besser zu parodieren als Bob Dylan selbst, unter anderem The Velvet Underground (“Prominent Men”) sind daran gescheitert; wenn man nicht gerade “Weird Al” Yankovic heißt, denn der kann das.
Natürlich muss die Stimme nicht jedem gefallen, und sie ist für Leute, die noch nie Bob Dylan gehört haben, wohl auch das Ungewöhnlichste an seiner Musik, die, fehlte der Gesang, zwar ausdruckslos wäre, aber wohl niemandem deutlich missfiele, aber sie ist doch ein prägendes Element gerade der genannten drei Alben. Während immerhin “All Along the Watchtower” sich in Jimi Hendrix’ Coverversion bis heute größerer Beliebtheit erfreut als die vergleichsweise spartanische Urversion Bob Dylans und konsequenterweise die Inspiration für spätere Liveversionen darstellte, sind etwa der “Subterrenean Homesick Blues” — für die VIVA-Klientel: das ist das Lied mit dem bekannten Video — oder “One Of Us Must Know (Sooner Or Later)” nur schwerlich von Dritten interpretiert vorstellbar, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Den Charakter seiner, Bob Dylans, Musik macht aber nicht nur seine Stimme aus, gerade auch die Texte verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung, nicht umsonst hat ihn die Presse stellvertretend zum poeta laureatus, zum lorbeerbekränzten Dichter, ernannt, und das sicher nicht nur aus Versehen, sondern für die kryptische Bildsprache von Liedern wie “Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues again” (übrigens ebenfalls von “Blonde on Blonde”):
Grandpa died last week and now he’s buried in the rocks
But everybody still talks about how badly they were shocked
But me, I expected it to happen, I knew he’d lost control
When he built a fire on Main Street and shot it full of holes
20 Jahre nach Loudon Wainwright III nun und somit, wie üblich, als einer der Letzten erhebe ich meine Tasse Kaffee und sage, schreibe und wünsche:
Alles Gute, Bob Dylan!
Auf weitere 70 Jahre. Mindestens.


Also ich persönlich mag die Dillsauce von Knorr nicht.
Ich mache mir Dillsauce auch am liebsten selbst.