MusikIn den Nachrichten
Medienkritik LI: Kreuzigung

Da schau her, offen­bar fand kür­zlich ein inter­na­tionaler Wet­tbe­werb statt, der am Rande irgend­was mit Sin­gen zu tun hat­te. Der bish­er am wenig­sten unerträglich schleimig-wehlei­di­ge Kom­men­tar zu diesem Ereig­nis stammt von Michael, Autor im Fernsehlexikon, der pointiert zusam­men­fasste:

[W]enn man die Musik mal außen vor lässt, war auch dieser Euro­vi­sion Song Con­test eine sehr unter­halt­same Ver­anstal­tung.

Ste­fan Kuz­many von SPIEGEL Online zeigt der­weil, wie Jour­nal­is­mus nicht funk­tion­iert:

Gebt Lena Mey­er-Lan­drut endlich, was sie ver­di­ent: Das Bun­desver­di­en­stkreuz.

Die Begrün­dung hier­für ist so “ein­leuch­t­end” wie “durch­dacht”: Ihre erneute Teil­nahme am inter­na­tionalen Gesangswettstre­it — erneut übri­gens mit einem Lied, das über Deutsch­land unge­fähr so viel aus­sagt wie Fahrrad­fahren — zeige, dass sie bere­it sei, jede nur erden­kliche Stra­paze auf sich zu nehmen, um Deutsch­lands Beliebtheit zu steigern. (Haben Ramm­stein und Die Toten Hosen, jew­eils im Aus­land über­aus beliebt, das Bun­desver­di­en­stkreuz eigentlich schon bekom­men?)

In der Orig­i­nal­fas­sung liest sich das unge­fähr so:

[N]icht ihr ein­ma­liger ESC-Sieg in Oslo macht Lena Mey­er-Lan­drut ausze­ich­nungswürdig, son­dern das Jahr danach, das sie zweifel­los “unter Zurück­stel­lung der eige­nen Inter­essen” und “über einen län­geren Zeitraum”, dazu alle­mal “mit erhe­blichem Ein­satz” diesem Land gewid­met hat — zumal es wesentlich beque­mer für sie gewe­sen wäre, sich auf dem ersten Erfolg auszu­ruhen und als Siegerin von der ESC-Bühne abzutreten. Für diese Leis­tung, für diesen zehn­ten Platz ist ihr das Land höch­sten Respekt schuldig.

Mit englis­chsprachi­gen Lied­chen, die ihr ein zufäl­lig ger­ade über aus­re­ichend Freizeit ver­fü­gen­der Pop­pro­duzent anscheinend mal eben in der Mit­tagspause hin­schmieren kann, gegen andere “Musik­er” in einem Wet­tbe­werb anzutreten, dessen folk­loris­tis­che Kom­po­nente schon seit Jahrzehn­ten nur noch the­o­retisch beste­ht, ist also ein “erhe­blich­er Ein­satz” für das Land und nicht etwa für die eigene Geld­börse. Ich glaube ja, jed­er im Export tätige Spedi­teur tut mehr für dieses Land als diese mit­telmäßig tal­en­tierte “Ange­him­melte” (Ste­fan Kuz­many über Lena Mey­er-Lan­drut); wo bleiben da eigentlich die Bun­desver­di­en­stkreuze?

Nur, um Missver­ständ­nis­sen vorzubeu­gen: Ich erkenne die tat­säch­liche Leis­tung, die so ein Musik­er­leben unter ständi­ger Beobach­tung der Öffentlichkeit mit sich bringt, gern als anstren­gend an. Aber:

Das Bun­desver­di­en­stkreuz wird ver­liehen für beson­dere Leis­tun­gen auf poli­tis­chem, wirtschaftlichem, kul­turellem, geistigem oder ehre­namtlichem Gebi­et.

Zählt es als “beson­dere Leis­tung auf kul­turellem Gebi­et”, in einem Musik­er­wet­tbe­werb (eigentlich: Pro­duzen­ten­wet­tbe­werb) ohne nach­haltige Auswirkun­gen, unab­hängig von dem darge­bote­nen Text, die meis­ten “Punk­te” zu bekom­men? Ein klein­er Exkurs in die Musikgeschichte sei mir ges­tat­tet: 1982 siegte eine gewisse “Nicole” mit dem paz­i­fistis­chen Lied “Ein bißchen Frieden”, das indi­rekt die Aufrüs­tung der West­mächte und der Sow­je­tu­nion im Kalten Krieg kri­tisierte, und hat damit der Welt gezeigt, dass Deutsch­land ein fried­lieben­des Land gewor­den ist. Für ein Bun­desver­di­en­stkreuz hat das nicht genügt.

Dass nun so genan­nte “Jour­nal­is­ten” das Ver­säum­nis aus­gerech­net im Fall Lena Mey­er-Lan­drut, deren Auss­chlag geben­der “Ver­di­enst” es nun sein soll, mit einem Lied über das Ver­führen den zehn­ten Platz erre­icht zu haben, nach­holen wollen, ist an Lächer­lichkeit kaum mehr zu über­bi­eten. (Außer vielle­icht von Steve Jobs.)

(Sehr gut gefällt mir eigentlich auch das Inter­view mit “Lady Gaga”, das ich gestern las. Freimütig gab sie zu Pro­tokoll, dass selb­st ihre Mut­ter sie “Gaga” nenne. Ich schätze, sie hat etwas missver­standen.)

Senfecke:

  1. Offen­sichtlich ist Ihnen — wie auch vie­len anderen — ent­gan­gen, dass der Spiegel-Artikel iro­nisch gemeint war. :mrgreen:

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