Vor ein paar Tagen, es könnten bereits Wochen sein, wurde ich im Verlaufe eines echauffierten geteilten Monologs zweier junger, mir ansonsten unbekannten Personen, die weder für mein bevorzugtes Beziehungsmodell (offenbar wird man durch gelebte Kritik an institutionalisierter Paarbeziehung zu einem, man erlaube mir das wörtliche Zitat, “kranke[n] H[uren]s[ohn]”, was meine Mutter so wohl nicht unbedingt bestätigen würde) noch für meine kurzzeitige Anwesenheit in einem Chatraum, in dem — was ich vorher nicht wusste — überwiegend noch jüngere Menschen als ich ihr Unwesen treiben, als “Boomer” beschimpft. Mein Einwand, dass ich dessen Definition schon aufgrund meines Geburtsjahres deutlich verfehle, traf nicht auf begierige Aufnahme; ist man über dreißig, ist man “Boomer”, so will es der Volksmund.
Das ist eine weitgehend uninteressante Passage — Fremde beschimpfen Fremde im Internet, der Überraschungseffekt ist mit “gering” noch unzureichend zurückhaltend beschrieben -, aber ich musste vorhin wieder an sie denken und die Europäische Union ist schuld.
Vorhin nämlich wurde ich auf eine Einladung (Archivversion) des Europäischen Ausschusses der Regionen hingewiesen, in der Menschen, die vor dem 2. Januar 1983 (zum Beispiel solche, die am 1. Januar 1983 geboren wurden) geboren wurden, zwar gesiezt, aber auch willkürlich beleidigt werden:
Sie sind Träger eines politischen Mandats auf lokaler oder regionaler Ebene in der EU und nach dem 1. Januar 1983 geboren? (…) Dann bewerben Sie sich für das Netz junger Mandatsträger „YEP“ (Young Elected Politicians)!
“Jung” ist, wer höchstens 40 ist, so fühlt sich wenigstens auch die Jugend angemessen repräsentiert. Ich wünschte, das wäre eine rein formale Diskussion, aber aus meiner bisherigen Arbeit in einem Stadtrat kann ich ablesen, dass man als gemeinhin als jung akzeptierter Mensch meist weder Bock noch Chance auf ein politisches Mandat hat. Das muss man auch wirklich wollen. Man stellt sich die Arbeit in einem politischen Gremium vorher ja oft eher wie Hollywood vor, mit viel Presse und erbitterten Kämpfen um das jeweils einzig Wahre, aber es ist doch vielmehr ein Kaninchenzüchtertreffen, das ganzjährig nur die größten Rammler gewinnen.
Dumm ist es, wenn dumm auch die Wähler sind: Meine Stadt wird von einer Mehrheit aus SPD und Grünen regiert, während der oberste Verwaltungsbeamte (d.h. der Oberbürgermeister) von der SPD in einer Stichwahl gegen seinen parteilosen Herausforderer gewann. Die Arbeit im Stadtrat sieht also folgendermaßen aus: Die SPD-Mehrheit in der Verwaltung schlägt der SPD-Mehrheit im Stadtrat Dinge vor, die diese Dinge dann als total gute Idee länger als unbedingt notwendig beklatscht, wenn die Presse zuguckt. Ich hatte vor ein paar Monaten spaßeshalber versucht, einen Antrag aus dem Wahlprogramm der Grünen einzubringen. Die Grünen als Teil der Koalition haben ihn abgelehnt — er war ja nicht von ihnen.
Der Europäische Ausschuss der Regionen wirbt des Weiteren:
Bei YEP finden Sie Anregungen für die Förderung der partizipativen Demokratie und Unterstützung bei der Frage, wie junge Menschen in die demokratische Debatte und das bürgerpolitische Leben vor Ort eingebunden werden können.
Angesichts der zumindest gewagten Implikation, “junge Menschen” von höchstens zarten 40 Jahren müssten für zielgerichtete Mitsprache nicht schlicht in der richtigen Partei sein, bin ich fast willens, ein Gegenprogramm zu “YEP” ins Leben zu rufen. Es trägt gar keinen (und damit auch keinen sackdoofen) Namen und hat ein Zwei-Punkte-Programm:
- Haltet die Wähler — bevorzugt mit guten Argumenten wie dem obigen — davon ab, Oberbürgermeister und Ratsleute aus demselben Topf zu ziehen, denn sonst findet demokratischer Diskurs bis zur nächsten Wahl schlicht nicht mehr statt.
- Macht es nicht.
Ich weiß noch nicht, was ich mache, wenn ich dereinst aus dem Rat ausscheiden (hihi) sollte; etwaige Angebote, meine Mandatszeit zu verlängern, werde ich jedenfalls ausschlagen. Die Selbstdarstellung liegt mir kaum, Kaninchenzucht indes noch weniger.
You have got to reach on up, never lose your soul
You have got to reach on up, never lose control
Es ist keine Politikverdrossenheit der Jugend — es ist die Jugendverdrossenheit der Politik.


Irgendwas mit sackdoofen Namen bekommt meist Fördergelder aus europäischen Töpfen.
Die sackdoofen Namen sind auf Englisch, weil die Engländer aus der EU ausgetreten sind. Spanisch würde zu provinziell klingen, Französisch zu schlüpfrig und Holländisch zu infantil. Sackdoof halt.
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N8
Ich glaube man sagt eher Hauptverwaltungsbeamte (HVB) bspw. zu OBs.
Die sind ja vor Jahren auf die aus vielen Gründen (auch Deinen) bekloppte Idee gekommen, die Stellen des OBs und des Oberstadtdirektors zu einer zu verschmelzen. Vorher war der OB nur repräsentativ und politisch tätig. Oberster Dienstherr war der OSD. Da ich den Alltag unseres OBs seit 2018 einigermaßen mitbekomme, würde ich sagen, dass zum einen Interessenkonflikte und zum anderen zeitliche Überforderung strukturelle Ergebnisse o.g. Änderung sind.