Bob Dylan hat, das hat wohl inzwischen selbst derjenige Großteil der Menschheit, dem umgehängte Medaillen einfach mal schnuppe sind, mitbekommen, jüngst wenig überraschend den Nobelpreis für Literatur, genauer: für, überwiegend, seine Liedtexte, erhalten. #Steinmeier gefällt das. Bob Dylan wurde auch deshalb ausgezeichnet, weil er nun seit über 50 Jahren, allen Ausfällen (man munkelt, es seien religiöse Alben unter seinem Namen erschienen) zum Trotz, Gedichte geschrieben und vertont hat, die den soundtrack ganzer sog. Bewegungen bildeten, seltsame Stimme hin oder her. Irgendwelche Antworten werden noch heute in den Wind geblasen, Bob Dylan aber verweilte nicht lange. Ikone sein zu wollen hat ihm ohnehin offenbar nie gelegen: Als ihm die verdammten Hippies zu viel Aufmerksamkeit zuteil werden ließen, offenbar in der Hoffnung, er möge für den Rest seines Lebens ihre Lieblingslieder quasi als menschliches Radio wiedergeben, steckte er seine Gitarre in die Steckdose und beschloss, dass die Lagerfeuerlieder künftig andere Menschen machen mögen. So behauptet es jedenfalls die Legende.
Bob Dylan ist nicht erfolgreich geworden, weil er dem Idealbild eines glatten Künstlers entsprach, sondern gerade auch wegen seiner Texte. Friedenshymnen wurden bald von subtiler, selten auch brachialer Gesellschaftskritik abgelöst — selbst der Präsident der USA, zum Beispiel, habe manchmal nichts an (“It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)”, Übersetzung von mir), was jahrzehntelang von Jubeln des Publikums begleitet wurde, die sind’s eben auch nicht mehr gewohnt — und blieben zumindest bis Anfang der 1970-er Jahre beeindruckend wort- und bildreich, wie man es sonst nur von wenigen anderen Musikern wie etwa Leonard Cohen kannte.
Dass gereimte Texte, seien sie nun gesungen, gesprochen oder gerülpst, meist zweifelsfrei als Literatur (zumal Lyrik) auszumachen sind, lässt die “historische Zäsur” (Michael Hübl, Ressortleiter für Kultur bei den “Badischen Neuesten Nachrichten”) noch erstaunlicher wirken. Hat sonst noch niemand aus Musikerkreisen so nachdrücklich gewirkt? Um einen Literaturnobelpreis zu erhalten, hatte der Preisstifter immerhin einst verfügt, selbiger Preis möge derjenigen Person verliehen (muss man den dann eigentlich wieder zurückgeben?) werden, die auf dem Felde der Literatur die herausragendste Arbeit im positiven Sinne verrichtet hat, und daran bestehen vermutlich nur geringe Zweifel.
Doof ist nur, dass Bob Dylan ein Mann ist, ein alter weißer obendrein, was die “Geisteswissenschaftsjournalistin” — das ist vermutlich jemand, der für zu viel Geld zu lange Texte über Leute schreibt, die beruflich tatsächlich geistige Arbeit verrichten — Anna-Lena “Doc” Scholz zu dem Hinweis veranlasste, dass es wohl nicht sehr inspirierend (ich nehme an: für andersartige Menschen) sei, wenn der diesjährige Nobelpreis ausschließlich an “Männer über 65” verliehen werde, was ja schon deshalb nicht stimmt, weil drei der elf Preisträger noch nicht über 65 Jahre alt sind, aber Journalismus hat mit Recherche eben nur am Rande etwas zu tun. Welche herausragenden Leistungen junger Frauen von den Preisverleihern nicht ausreichend berücksichtigt worden sein sollen, teilte sie bedauerlicherweise nicht mit, so dass ich nur raten kann: Ist Anna-Lena Scholz offensichtlich seit Beginn ihrer beruflichen Laufbahn nur deshalb nicht ausreichend inspiriert, um Bemerkenswertes zu schaffen, weil die Preisträger 2016 allesamt im Ruf stehen, über ein naturgemäß männliches Geschlechtsteil zu verfügen? Den Scholzpreis für besondere Weiblichkeit bekommen sie so sicher nicht!
Gucken wir uns das mal genauer an. Von den sechs Nobelpreiskategorien Physik, Chemie, Physiologie/Medizin, Literatur, Frieden und Wirtschaftswissenschaften wäre Frau Scholz — sie beschäftigt sich laut Selbstdarstellung außer mit Literatur auch mit der Theorie- und Ideengeschichte der Germanistik sowie mit, als hätte ich es geahnt, feministischer Theorie und literaturwissenschaftlicher Geschlechterforschung, insgesamt also eher mit esoterischen als mit nützlichen Themen — qua Kenntnisstand zumindest für den Nobelpreis für Literatur potenziell qualifiziert. Für das Goldene Brett 2016 kamen ihre Bemühungen um den Feminismus allerdings leider auch zu spät, diesjähriger Preisträger ist, hihi, ein Mann. Nun besteht eine “herausragende Leistung” im Preissinne nicht darin, dass man Bücher rezensiert, sonst hätte ich sicherlich auch bereits mehrfach den Friedensnobelpreis verliehen bekommen, immerhin rezensiere ich hier mehr oder weniger regelmäßig Texte über Scharmützel irgendwo auf der Welt.
Nein, wer nur Bote eines Werkes ist, der schafft dadurch keine kreative Großtat, die es zu würdigen gilt. Die bisher einzige Zweifachnobelpreisträgerin Marie Curie ließ sich nicht davon abhalten, dass die vorherigen für ihre Verdienste in Physik und Chemie Ausgezeichneten allesamt Männer waren, sie hat einfach gearbeitet, und das in einer Zeit, in der Frauen noch weit davon entfernt waren, das Privileg zu besitzen, die ganze Welt mit ihren regressiven Ansichten über die Relevanz von Geschlechtern bei der Würdigung der Leistungen einer Person zu behelligen; und auch Bob Dylan wäre sicherlich der Letzte, der die Inspiration durch seine Zeitgenossen nicht zu umfassen wüsste: Ohne die Weltgewandtheit seiner einstigen Freundin Suze Rotolo und ohne die Unterstützung seiner folgenden Freundin Joan Baez, selbst erfolgreiche Musikerin, hätte seine Lyrik möglicherweise niemals die nunmehr quasi gekrönte Qualität erreicht, über die manch Geisteswissenschaftsjournalistin heute aufgrund seines (oder auch ihres) Geschlechts die Nase rümpft.
Vielleicht sollte Frau Scholz es mal mit Singen versuchen.
Bildung ist eine Ressource, die von jeher ungleich verteilt wird.
Anna-Lena Scholz



Zwar sind Dylans Songtexte nicht, was sie ihren Liebhabern zu sein scheinen, aber so schlecht, dass er deshalb zum Nachfolger des Günter Grass und der Herta Müller gemacht werden müsste, sind sie nun auch wieder nicht.
Es gibt mehrere zweifach-Nobelpreisträger (Personen): Sanger (2x Chemie), Bardeen (2x Physik), Pauling (Chemie und Frieden). Curie is tatsächlich die einzige Frau darunter.