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Dichten soll sich wieder lohnen, aber Anna-Lena Scholz ist nicht inspiriert.

Bob Dylan hat, das hat wohl inzwis­chen selb­st der­jenige Großteil der Men­schheit, dem umge­hängte Medaillen ein­fach mal schnuppe sind, mit­bekom­men, jüngst wenig über­raschend den Nobel­preis für Lit­er­atur, genauer: für, über­wiegend, seine Lied­texte, erhal­ten. #Stein­meier gefällt das. Bob Dylan wurde auch deshalb aus­geze­ich­net, weil er nun seit über 50 Jahren, allen Aus­fällen (man munkelt, es seien religiöse Alben unter seinem Namen erschienen) zum Trotz, Gedichte geschrieben und ver­tont hat, die den sound­track ganz­er sog. Bewe­gun­gen bilde­ten, selt­same Stimme hin oder her. Irgendwelche Antworten wer­den noch heute in den Wind geblasen, Bob Dylan aber ver­weilte nicht lange. Ikone sein zu wollen hat ihm ohne­hin offen­bar nie gele­gen: Als ihm die ver­dammten Hip­pies zu viel Aufmerk­samkeit zuteil wer­den ließen, offen­bar in der Hoff­nung, er möge für den Rest seines Lebens ihre Lieblingslieder qua­si als men­schlich­es Radio wiedergeben, steck­te er seine Gitarre in die Steck­dose und beschloss, dass die Lager­feuer­lieder kün­ftig andere Men­schen machen mögen. So behauptet es jeden­falls die Leg­ende.

Bob Dylan — Maggie’s Farm (Cham­paign 1985).mp4

Bob Dylan ist nicht erfol­gre­ich gewor­den, weil er dem Ide­al­bild eines glat­ten Kün­stlers entsprach, son­dern ger­ade auch wegen sein­er Texte. Frieden­shym­nen wur­den bald von sub­til­er, sel­ten auch brachialer Gesellschaft­skri­tik abgelöst — selb­st der Präsi­dent der USA, zum Beispiel, habe manch­mal nichts an (“It’s Alright, Ma (I’m Only Bleed­ing)”, Über­set­zung von mir), was jahrzehn­te­lang von Jubeln des Pub­likums begleit­et wurde, die sind’s eben auch nicht mehr gewohnt — und blieben zumin­d­est bis Anfang der 1970-er Jahre beein­druck­end wort- und bil­dre­ich, wie man es son­st nur von weni­gen anderen Musik­ern wie etwa Leonard Cohen kan­nte.

Dass gereimte Texte, seien sie nun gesun­gen, gesprochen oder gerülpst, meist zweifels­frei als Lit­er­atur (zumal Lyrik) auszu­machen sind, lässt die “his­torische Zäsur” (Michael Hübl, Ressortleit­er für Kul­tur bei den “Badis­chen Neuesten Nachricht­en”) noch erstaunlich­er wirken. Hat son­st noch nie­mand aus Musik­erkreisen so nach­drück­lich gewirkt? Um einen Lit­er­aturnobel­preis zu erhal­ten, hat­te der Preis­s­tifter immer­hin einst ver­fügt, sel­biger Preis möge der­jeni­gen Per­son ver­liehen (muss man den dann eigentlich wieder zurück­geben?) wer­den, die auf dem Felde der Lit­er­atur die her­aus­ra­gend­ste Arbeit im pos­i­tiv­en Sinne ver­richtet hat, und daran beste­hen ver­mut­lich nur geringe Zweifel.

Bob Dylan Bal­lad Of a Thin Man

Doof ist nur, dass Bob Dylan ein Mann ist, ein alter weißer oben­drein, was die “Geis­teswis­senschaft­sjour­nal­istin” — das ist ver­mut­lich jemand, der für zu viel Geld zu lange Texte über Leute schreibt, die beru­flich tat­säch­lich geistige Arbeit ver­richt­en — Anna-Lena “Doc” Scholz zu dem Hin­weis ver­an­lasste, dass es wohl nicht sehr inspiri­erend (ich nehme an: für ander­sar­tige Men­schen) sei, wenn der diesjährige Nobel­preis auss­chließlich an “Män­ner über 65” ver­liehen werde, was ja schon deshalb nicht stimmt, weil drei der elf Preisträger noch nicht über 65 Jahre alt sind, aber Jour­nal­is­mus hat mit Recherche eben nur am Rande etwas zu tun. Welche her­aus­ra­gen­den Leis­tun­gen junger Frauen von den Preisver­lei­h­ern nicht aus­re­ichend berück­sichtigt wor­den sein sollen, teilte sie bedauer­licher­weise nicht mit, so dass ich nur rat­en kann: Ist Anna-Lena Scholz offen­sichtlich seit Beginn ihrer beru­flichen Lauf­bahn nur deshalb nicht aus­re­ichend inspiri­ert, um Bemerkenswertes zu schaf­fen, weil die Preisträger 2016 alle­samt im Ruf ste­hen, über ein naturgemäß männlich­es Geschlecht­steil zu ver­fü­gen? Den Scholzpreis für beson­dere Weib­lichkeit bekom­men sie so sich­er nicht!

Guck­en wir uns das mal genauer an. Von den sechs Nobel­preiskat­e­gorien Physik, Chemie, Physiologie/Medizin, Lit­er­atur, Frieden und Wirtschaftswis­senschaften wäre Frau Scholz — sie beschäftigt sich laut Selb­st­darstel­lung außer mit Lit­er­atur auch mit der The­o­rie- und Ideengeschichte der Ger­man­is­tik sowie mit, als hätte ich es geah­nt, fem­i­nis­tis­ch­er The­o­rie und lit­er­atur­wis­senschaftlich­er Geschlechter­forschung, ins­ge­samt also eher mit eso­ter­ischen als mit nüt­zlichen The­men — qua Ken­nt­nis­stand zumin­d­est für den Nobel­preis für Lit­er­atur poten­ziell qual­i­fiziert. Für das Gold­ene Brett 2016 kamen ihre Bemühun­gen um den Fem­i­nis­mus allerd­ings lei­der auch zu spät, diesjähriger Preisträger ist, hihi, ein Mann. Nun beste­ht eine “her­aus­ra­gende Leis­tung” im Preissinne nicht darin, dass man Büch­er rezen­siert, son­st hätte ich sicher­lich auch bere­its mehrfach den Frieden­sno­bel­preis ver­liehen bekom­men, immer­hin rezen­siere ich hier mehr oder weniger regelmäßig Texte über Schar­mützel irgend­wo auf der Welt.

Nein, wer nur Bote eines Werkes ist, der schafft dadurch keine kreative Groß­tat, die es zu würdi­gen gilt. Die bish­er einzige Zweifach­no­bel­preisträgerin Marie Curie ließ sich nicht davon abhal­ten, dass die vorheri­gen für ihre Ver­di­en­ste in Physik und Chemie Aus­geze­ich­neten alle­samt Män­ner waren, sie hat ein­fach gear­beit­et, und das in ein­er Zeit, in der Frauen noch weit davon ent­fer­nt waren, das Priv­i­leg zu besitzen, die ganze Welt mit ihren regres­siv­en Ansicht­en über die Rel­e­vanz von Geschlechtern bei der Würdi­gung der Leis­tun­gen ein­er Per­son zu behel­li­gen; und auch Bob Dylan wäre sicher­lich der Let­zte, der die Inspi­ra­tion durch seine Zeitgenossen nicht zu umfassen wüsste: Ohne die Welt­ge­wandtheit sein­er ein­sti­gen Fre­undin Suze Roto­lo und ohne die Unter­stützung sein­er fol­gen­den Fre­undin Joan Baez, selb­st erfol­gre­iche Musik­erin, hätte seine Lyrik möglicher­weise niemals die nun­mehr qua­si gekrönte Qual­ität erre­icht, über die manch Geis­teswis­senschaft­sjour­nal­istin heute auf­grund seines (oder auch ihres) Geschlechts die Nase rümpft.

Vielle­icht sollte Frau Scholz es mal mit Sin­gen ver­suchen.

Bil­dung ist eine Ressource, die von jeher ungle­ich verteilt wird.
Anna-Lena Scholz

Senfecke:

  1. Zwar sind Dylans Song­texte nicht, was sie ihren Lieb­habern zu sein scheinen, aber so schlecht, dass er deshalb zum Nach­fol­ger des Gün­ter Grass und der Her­ta Müller gemacht wer­den müsste, sind sie nun auch wieder nicht.

  2. Es gibt mehrere zweifach-Nobel­preisträger (Per­so­n­en): Sanger (2x Chemie), Bardeen (2x Physik), Paul­ing (Chemie und Frieden). Curie is tat­säch­lich die einzige Frau darunter.

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