PersönlichesFotografie
Min­ga (nicht)

Mei­ne erste Part­ne­rin, lan­ge ist’s her, wohn­te in Fran­ken, und schon früh lern­te ich: Man ist in Bay­ern und den Regio­nen, die recht­lich gese­hen dazu­ge­hö­ren, am besten bera­ten, wenn man nicht als Tou­rist auf­fällt. „‚Min­ga‘ sagen nur Tou­ri­sten und der Besit­zer des ‚Min­ga Kiosk‘“ sagen aber Men­schen aus Mün­chen, also rei­se ich heu­te nicht nach Min­ga, son­dern nach Mün­chen. Ein­fach, weil ich Bock dar­auf habe. Rei­sen sind der Luxus derer, die sie sich lei­sten kön­nen, sie erwei­tern den Hori­zont und, wie ich mal irgend­wo schmun­zelnd gele­sen habe, ent­lee­ren den Darm.

Außer­dem war ich noch nie dort und woll­te das mal nach­ho­len. Also in Mün­chen, nicht im Darm. Da war ich zwar schon gele­gent­lich, aber gefal­len hat es mir nicht ganz so gut. So viel zum sowie­so schon über­be­an­spruch­ten The­ma der Kli­schees über sexu­el­le Vor­lie­ben von allen Män­nern immer dann auch.

Ach so, Mün­chen.

Mün­chen für Tou­ri­sten, das ist vor allem das Okto­ber­fest, und weil ich schon vom blo­ßen Gedan­ken ans Okto­ber­fest – ein mie­ses Bier für den Preis einer Kiste weni­ger mie­sen Biers trin­ken und dau­ernd in die Kot­ze ande­rer Leu­te tre­ten – jede Lust auf räum­li­che Nähe zu Bay­ern ver­lie­re, bin ich sicher­heits­hal­ber im Juni da. Im Juni gibt es kein Okto­ber­fest, son­dern, wie der Name schon sagt, im Sep­tem­ber. So eine Kalen­der­app hat­te ich auch mal.

Der Zug fährt über eini­ge Sta­tio­nen, immer­hin pünkt­lich. Ich sol­le doch den Kom­fort-Check-in nut­zen, plärrt eine viel zu bun­te Anzei­ge im Zug. Sel­bi­ges geht aber nicht, wenn man ent­we­der eine Bahn­Card 100 hat oder auf einem Platz sitzt, für den man eine Reser­vie­rung bräuch­te. Das steht aber nicht am Platz, so dass es jedes Mal ein klei­ner Ner­ven­kit­zel ist, wenn man das ver­sucht. Alle hal­be Stun­de wird das Fen­ster­rol­lo neben mei­nem Sitz wahl­wei­se hoch- oder run­ter­ge­zo­gen. Men­schen sind schwie­rig.

Die Spra­che der Ein­hei­mi­schen bil­de ich mir zu ver­ste­hen ein, hal­te aber trotz­dem nach Ankunft, unspek­ta­ku­lär mit der spek­ta­ku­lär zu bezah­len­den Bahn absol­viert, weit­ge­hend die Schnau­ze. Es steht jedem Men­schen gut zu Gesicht, dort, wo er zu Gast ist, nur so viel zu spre­chen, dass es nicht auf­dring­lich wirkt. Das gilt für frem­de Woh­nun­gen, das gilt für frem­de Milieus, das gilt für frem­de Städ­te. In dem Hotel, in dem ich eini­ge Stun­den spä­ter unter­kom­me, ist mein wesent­li­cher Gesprächs­part­ner aller­dings die Rei­se­be­glei­tung, mit der Kon­ver­sa­ti­on zu betrei­ben mir nicht fremd ist. Das senkt die Gefahr der Auf­dring­lich­keit erheb­lich. (Aber, bevor mir dies­be­züg­lich wei­te­re Ange­bo­te gemacht wer­den, ich ver­lei­he mei­ne Beglei­tun­gen grund­sätz­lich nur ungern, sofern ich nicht selbst Teil der Lei­he bin. Auch das hat sich bewährt.)

Hey München, rein in die Tonne!

Die Zeit bis zur Bezie­hung des Hotel­zim­mers ver­brin­ge ich mit einer ersten Annä­he­rung an die Stadt. Ich fin­de sie nicht so schön wie Nürn­berg, aber immer­hin auch nicht so gräss­lich wie Frank­furt am Main. Ver­glei­che mit Han­no­ver ver­bie­ten sich an die­ser Stel­le. Han­no­ver ist gestraft genug. Den ersten Cap­puc­ci­no Mün­chens – in unbe­kann­ten Gegen­den bevor­zu­ge ich Cap­puc­ci­no gegen­über Kaf­fee, denn auch ein schlech­ter Kaf­fee gewinnt, wenn er als Cap­puc­ci­no daher­kommt – trin­ke ich zwi­schen Döner­lä­den, Smart­phone­kli­ni­ken und Western Uni­on. Hier lie­gen kei­ne Bett­ler schla­fend auf der Stra­ße, die lie­gen nur dort, wo teu­re­re Geschäf­te sind. Cle­ver sind sie ja. Das anschei­nend von Ita­lie­nern geführ­te Café hat im Schat­ten Gäste und in der Son­ne nicht. Typisch. Wo weni­ger los ist als in den gro­ßen Ket­ten, ist der Kaf­fee aber meist bes­ser; so auch hier. Es gibt nicht mal einen blö­den Keks dazu. Ich fin­de das aus­drück­lich gut. Noch auf dem Weg zum Hotel fällt mir aller­dings auf, dass es in Mün­chen ein Über­an­ge­bot an Ita­lie­nern und dazu­ge­hö­ri­gen Geschäf­ten zu geben scheint. Es könn­te schlim­mer sein, trotz allem. Die Zahl der Zuwan­de­rer habe sich hier seit Ende Mai hal­biert, infor­miert eine Mel­dung in den Bus­nach­rich­ten. Kein Wun­der: Aus Ita­li­en sind ja jetzt schon alle da.

Münch­ne­rin­nen erkennt man an den Ete­pe­te­te­fri­su­ren. Dies nur als Beob­ach­tung ohne wei­te­ren Kom­men­tar.

Im Englischen Garten geht's eigentlich mit München

Das Hotel­zim­mer war ver­däch­tig gün­stig, ist jedoch auch vol­ler klei­ner Feh­ler. Wenig­stens geht die Kli­ma­an­la­ge, und das sehr gut. Nach mir die Kli­ma­kri­se, jetzt erst mal nicht im eige­nen Saft schwim­men. Prio­ri­tä­ten sind wich­tig und „auch im Juni nicht wie ein schwit­zen­des Dro­gen­op­fer aus­se­hen“ ist eine davon. Den­noch freue ich mich, nicht lan­ge zu ver­wei­len: nicht all­zu weit ent­fernt näm­lich exi­stiert ein Geschäft namens Hop­Dog, das drei tol­le Din­ge gleich­zei­tig kann, näm­lich Hot Dogs (dazu gleich mehr) ser­vie­ren, gutes Bier dazu rei­chen und die Über­set­zung sei­ner Web­site total ver­sem­meln. Ich hat­te in Bay­ern einen geschick­te­ren Umgang mit der deut­schen Spra­che erwar­tet, aber Mün­chen scheint das Ber­lin von Bay­ern zu sein. Wie­der ein ver­meint­li­ches Vor­ur­teil erfolg­reich bestä­tigt. Auf dem Weg dort­hin exi­stiert mehr­fach eine „Hof­pfi­sterei“. Ich erklä­re hier nicht, war­um ich geki­chert habe. Ist doch albern.

Und da wir gera­de dabei sind bezie­hungs­wei­se ich dabei bin: An den Bus­sen der Stadt sind vorn jeweils zwei Regen­bo­gen­flag­gen ange­bracht, die auch sonst vie­ler­orts hän­gen. Es ist Stolz­mo­nat Juni im immer noch grü­nen Mün­chen. Der Gra­tis­mut fliegt tief. In den­sel­ben Bus­sen wirbt die Stadt mit einer sti­li­sier­ten Moschee für ihre eige­ne Welt­of­fen­heit. Es ist scha­de, dass die Erkennt­nis, dass nicht mehr ver­schie­de­ne, son­dern ins­ge­samt weni­ger Tem­pel mit Applaus aus öffent­li­cher Hand ein Garant für höhe­re Diver­si­tät wären, die Stadt­ver­wal­tun­gen im Westen noch so sel­ten erleuch­tet hat.

Gratismutige Gratisflaggen

Mün­chen. Die Stadt, in der alles aus ist. Das Bier, das ich haben woll­te? Lei­der aus. Die Wurst? Lei­der aus. Immer­hin gibt es in der angeb­lich besten Cock­tail­bar der Stadt den angeb­lich besten Smo­ked Old Fashio­ned der Welt. Ich wider­spre­che nicht, ich bin ange­tan. An Städ­ten, in denen ich nie bin, mag ich am lieb­sten die Ecken, in denen auch sonst sel­ten wer ist. Die Cock­tail­bar ist kei­ne Aus­nah­me. Setzen‘s sich, wo‘s wol­len. Mach‘ ich. (Hoch­deutsch ist in Mün­chen die Lin­gua fran­ca. Die Poin­te ist lusti­ger, wenn man schon mal in Fran­ken war. Wenig­stens die Gast­wir­te der Stadt hal­ten das Bai­ri­sche noch in Ehren.)

Ich habe in Mün­chen in bereits erwähn­tem respek­ta­blen Bier­schup­pen einen, wie der Name „Hop­Dog“ zumin­dest sug­ge­riert, höl­lisch schar­fen Hot Dog geges­sen und seit­dem noch mehr Respekt vorm Maschi­ni­sten. Genuss und Schmerz sind unge­fähr eine hal­be Mil­li­on Sco­ville von­ein­an­der ent­fernt. 7.777.777 Sco­ville sind mei­ne Art von Humor, aber für die­se Form von Selbst­hass brau­che ich noch zwei bis drei Freun­din­nen (nach­ein­an­der und/oder gleich­zei­tig sich von mir tren­nend). Bewer­bun­gen bit­te an die übli­che Adres­se.

Bei Nicht­ge­fal­len garan­tiert Gefüh­le zurück.
Spi­der Mur­phy Gang: Wo bist du?

Man soll­te den Deut­schen in der Schu­le außer der Steu­er­erklä­rung auch bei­brin­gen, wie die Türen von Bus­sen und Zügen funk­tio­nie­ren. Ein­mal drücken, wenn grün, nicht vor­her zwölf­mal und dann gucken wie eine Kuh auf dem Eis, wenn die Tür nicht auf­geht, bloß, weil der Knopf grün leuch­tet. Trot­tel.

In zwei Bier­gär­ten gehe ich am zwei­ten Tag, doch zuvor über den Vik­tua­li­en­markt. Wer das Gegen­teil vega­ner Stadt­vier­tel erle­ben möch­te (an die­ser Stel­le aller­herz­lich­sten Gruß nach Ber­lin), der wird hier sehr zufrie­den sein. Hier ist Bay­ern noch so Bay­ern, wie es die Kli­schee­bü­cher unse­rer Ahnen schon berich­ten. Es gibt auf dem Markt ganz fan­ta­sti­sche Brat­wurst. Wärm­stens emp­foh­len, wie auch die Kaf­fee­rö­ste­rei am glei­chen Ort. – Ich schaf­fe es wäh­rend mei­nes Auf­ent­halts in Mün­chen, den Früh­stücks­raum des Hotels immer genau dann zu betre­ten, wenn dort außer der Kaf­fee­ma­schi­ne kei­ner mehr arbei­tet. Per­fekt. Ich benö­ti­ge mor­gens mög­lichst viel Kof­fe­in bei mög­lichst wenig Gespräch.

Stammkriagalparkplatz

Im Bier­gar­ten gegen­über vom Eng­li­schen Gar­ten kostet die Maß fast elf Euro, aber das scheint mir ange­sichts der Prei­se für ein Hal­bes fast noch ein Schnäpp­chen zu sein. Mün­chen halt. Ken­nen­ge­lern­tes Getränk jen­seits eini­ger durch­aus ange­neh­mer und eines wenig­stens inter­es­sant schwie­ri­gen Whis­kys ist der „Russn“, anschei­nend ein Rad­ler auf Weiß­bier­ba­sis, wodurch sich sehr schö­ne Kräu­ter­no­ten erge­ben. Ich über­le­ge, ob man damit eine taug­li­che Salat­sauce zube­rei­ten könn­te, habe aber natür­lich kei­nen Salat dabei.

Mün­chen. 90 Grad Fah­ren­heit. Die Bus­se haben ungern Kli­ma­an­la­gen. Wer hier sein will, muss lei­den kön­nen. Ich bin inso­fern inten­sivst hier. Viel­leicht bekom­me ich irgend­wann eine Medail­le vom ewi­gen Söder als Kom­pli­ment dafür, hier nicht gestor­ben zu sein. Mit Kreuz drauf. Das macht man hier so. In Bay­ern, infor­miert eine wei­te­re Schlag­zei­le, wer­den pro Tag 2.000 Blut­kon­ser­ven benö­tigt. Was hat Söder nur vor? In einem Geschäft namens „Der ver­rück­te Eis­ma­cher“ gibt es Eis in den Sor­ten Augu­sti­ner, Cur­ry­wurst und Toma­te Basi­li­kum. Natür­lich pro­bie­re ich so was. Ich pro­bie­re so was ja immer. Es schmeckt schwie­rig.

Stadtfest in München

Mün­che­ner Fuß­we­ge. Stu­den­tin­nen tra­gen ihre Brust­war­zen­pier­cings spa­zie­ren. Ich weiß nicht, war­um sie vom Gesetz noch immer dazu ver­pflich­tet wer­den, ein Ober­teil dar­über zu tra­gen, das nichts ver­deckt, son­dern die Brust nur (hier:) blau ein­färbt, bin aber grund­sätz­lich dage­gen. Ich mag Brü­ste in ande­ren Far­ben als Schlumpf. Für so eine fal­sche Scham haben unse­re Müt­ter damals nicht die BHs unse­rer Väter ver­brannt. Die Revo­lu­ti­on schei­tert immer wie­der aufs Neue. Die Bus­se kom­men am ersten Tag zu früh und am zwei­ten Tag zu spät. Viel­leicht kom­men sie zur Abrei­se pünkt­lich. (Sie tun. Dafür fällt eine S‑Bahn aus und wirft mei­nen Rück­fahr­plan durch­ein­an­der. Toll, so ein ÖPNV. Außer­dem ist der ICE auf der Rück­fahrt kaputt.)

Abends bin ich trotz­dem wie­der in mei­ner hood, wie Leu­te sagen, die „wie jun­ge Leu­te sagen“ sagen und damit ver­meint­lich iro­nie­voll bloß nicht sich selbst mei­nen. Mor­gen ist wie­der Büro­tag, fern­ab Bay­erns. Das bewahrt die Erin­ne­rung als eine exo­ti­sche. Der Mensch braucht so was. Zumin­dest ist das mei­ne Aus­re­de.

Senfecke:

  1. Zusam­men­fas­sung:

    Es war schwie­rig-lang­wei­lig in Mün­chen.

    Im Bier­gar­ten beim Eng­li­schen Gar­ten wur­de
    mir mal ein Hund geschenkt. Mit dem Zug
    nach Mün­chen. Mit Hund zufuß nach Köln.

    (Regie:Ton ab, Titel­me­lo­die „India­na Jones“)

  2. Eis in den Sor­ten Augu­sti­ner […]

    Hel­les oder Edel­stoff?

    (Das ver­kau­fen die doch an die Tou­ri­sten. Da kom­men bestimmt immer noch so vie­le Japa­ner wie vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert. In Mün­chen – das mir immer ein biss­chen wie ein Han­no­ver mit mehr Kor­rup­ti­on, käl­te­rer Her­zens­käl­te, freund­li­che­ren Men­schen, viel lecke­re­rem Fres­schen und weni­ger Dreck vor­kam – habe ich gelernt, was das Unter­schied zwi­schen Tou­ri­sten und Ter­ro­ri­sten ist: Ter­ro­ri­sten haben Sym­pa­thi­san­ten. »Sau­preiß, japa­ni­scher!« habe ich wirk­lich mal auf dem Vik­tua­li­en­markt gehört. Ich mag nur nicht die für mich auch nach län­ge­rer Gewöh­nung sehr fremd­ar­ti­ge Mund­art trans­skri­bie­ren.)

  3. Ich muss­te durch Nürn­berg, als die­ses Rocker­fest dort war und eine, wohl sehr wich­ti­ge, Brücke gera­de defekt gewe­sen sein soll.

    Mün­chen sel­ber emp­fand ich als lang­wei­lig, habe mir dar­auf nichts ein­ge­bil­det, da ich kei­ne 72 Stun­den Zeit zum Ver­wei­len hat­te.
    Besag­te Brust­pier­cings wur­den mir nicht prä­sen­tiert, das wäre mir sofort in’s Auge gesto­chen.

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