Persönliches
Fla­nie­ren in der Groß­stadt

Man­che mei­ner Freun­de schwär­men von ihrem ent­span­nen­den Dorf­le­ben, doch ich woh­ne („lebe“) gern in der Groß­stadt. Ich brau­che in der Groß­stadt kein Auto, erspa­re mir somit eini­ge Aus­ga­ben eben­so wie Park­platz­sor­gen, und muss sel­ten weit rei­sen, um etwas zu erle­di­gen, was ich erle­di­gen woll­te, oder zu erle­ben, was ich erle­ben woll­te.

Was ich jedoch am Dorf­le­ben schät­ze, wenn ich mal dort zu Besuch bin, ist, dass ich dort den Ver­stand ent­schleu­ni­gen kann. Die oft mise­ra­ble Inter­net­an­bin­dung erschwert das lästi­ge doom­scrol­ling, das sich oft wie von selbst ergibt, wenn man nur mal was nach­schla­gen will und dabei auf Berich­te von täg­li­chem Unge­mach stößt, und zur Bewe­gung in frei­er Natur braucht man sel­ten schall­ge­schütz­te Kopf­hö­rer, denn die Geräu­sche beim Fla­nie­ren durch ein Dorf sind bis­wei­len kaum mehr als Vogel­ge­zwit­scher.

Da es vie­le Men­schen als loh­nens­wert erach­ten, von Mon­tag bis Sonn­abend die Stadt­mit­te (neu­lich mit­hil­fe der Anzei­ge­ta­feln in einer U‑Bahn erfah­ren: „City“ ist ein deut­sches Wort, das „Stadt­mit­te“ bedeu­tet, also auf Eng­lisch qua­si „city of the city“) exklu­siv für Einkaufs-„Events“ zu nut­zen, ist Fla­nie­ren im ent­spann­ten Sin­ne nur sonn- und fei­er­tags ver­nünf­tig zu machen, denn wer durchs Gedrän­ge stol­pert, der fla­niert nicht. Sonn- und fei­er­tags beschränkt sich das Gedrän­ge allen­falls auf auf zu schma­len Geh­we­gen neben­ein­an­der gehen­de Paa­re, denen aus­zu­wei­chen meist nicht schwer ist, mir jedoch ohne bei­na­he hör­ba­ren ange­streng­ten Gesichts­aus­druck noch nicht gut gelingt. Das ist in Ord­nung so.

Vög­lein zwit­schern auch in der Groß­stadt, doch wer hier fla­niert, der erfährt es nicht als tschilp-tschilp, son­dern als krah-krah. Melo­di­scher sind da die Stra­ßen­mu­si­ker, die sonn­tags auf­grund des ver­min­der­ten Publi­kums­ver­kehrs selbst nicht zahl­reich auf­tre­ten. Heu­te begeg­ne­te mir etwa ledig­lich ein Akkor­deo­nist. Zwar mag ich Akkor­de­on­spie­ler aus aku­sti­schen Grün­den nicht son­der­lich gern, aber zumin­dest spie­len sie sel­ten „Hal­le­lu­jah“. Was dem Lager­feu­er­sän­ger sei­ne grau­en­haf­te Dar­bie­tung von „Won­der­wall“, ist dem Stra­ßen­mu­si­ker sei­ne grau­en­haf­te Dar­bie­tung von „Hal­le­lu­jah“. Kei­ne Ahnung, womit Leo­nard Cohen das ver­dient hat. Unweit von die­sem Akkor­de­on­spie­ler hat­te ein abge­ris­sen geklei­de­ter, kei­nes­falls aber arm wir­ken­der Herr einen zu gro­ßen Laut­spre­cher auf­ge­stellt und spiel­te dar­auf über sein Smart­phone irgend­wel­che Pop­rock­stücke. Die ande­ren Fla­neu­re nah­men davon kei­ne erkenn­ba­re Notiz. Leben und lär­men las­sen.

Gepaart mit den Geräu­schen von der Stra­ße (denn „auto­freie Innen­städ­te“ sind rar gesät und Moto­ren auch aus der Fer­ne noch nicht stumm) und der fort­wäh­ren­den Beschal­lung aus den weni­gen offe­nen Cafés, denn es scheint Café­be­trei­ber mitt­ler­wei­le zu wur­men, wenn ihre Kun­den sich in nor­ma­ler Laut­stär­ke mit­ein­an­der unter­hal­ten kön­nen, ohne einen Hasch­mich zu bekom­men, bleibt mir als vor­läu­fi­ges Fazit der­zeit zu zie­hen:

Ich wünsch­te, die Groß­stadt könn­te auch mal die Fres­se hal­ten.