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In Chile ist nichts passiert.

In Chile wird — ohne Abstand und Maske, aber das scheint egal zu sein, denn die Flagge ist ja nicht schwarz-weiß-rot — heute gefeiert, denn die seit der Herrschaft des mal als mil­i­taris­tisch, mal als faschis­tisch betitel­ten Dik­ta­tors Augus­to Pinochet gel­tende „neolib­erale“ („taz“) Ver­fas­sung wird dem­nächst vom Volk neu geschrieben wer­den. Ein übler Zyniker, wer jet­zt den Wun­sch äußert, dass man das in Deutsch­land auch mal so machen solle.

Diejeni­gen Medi­en, die diesen Vor­gang jet­zt voll schnafte find­en, gehen zumeist davon aus, dass das chilenis­che Volk nicht über­wiegend aus Men­schen beste­ht, die aus den Fehlern ander­er Län­der nichts gel­ernt haben. Sie hät­ten aber auch ein­fach in den demografis­chen Aufze­ich­nun­gen nach­se­hen kön­nen, die über das chilenis­che Volk unter anderem fol­gende Auskün­fte erteilen:

  • Bei der let­zten Volk­szäh­lung 2012 gaben 86,2 Prozent der Befragten an, sie seien christlichen Glaubens. Eine Mehrheit für einen säku­laren Staat zu find­en kön­nte trotz allem schwierig wer­den, denn der Anteil der­er, die Reli­gion als „sehr wichtig“ ver­ste­hen, hat sich 2017 ver­dop­pelt. Bish­er waren zwei Reli­gion­sstun­den pro Woche Pflicht­fach, eine Stre­ichung ist insofern unwahrschein­lich.
  • Aus der bish­er let­zten Präsi­dentschaftswahl im Novem­ber 2017 ging Sebastián Piñera, der Kan­di­dat von Chile Vamos, eines poli­tisch recht­en Parteien­bünd­niss­es, als klar­er Sieger her­vor.
  • Im eben­falls 2017 neu gewählten Abge­ord­neten­haus ist die Ren­o­vación Nacional („Nationale Erneuerung“), Teil dieses Parteien­bünd­niss­es, als Partei mit den meis­ten Abge­ord­neten zu find­en, in der Wikipedia als „wirtschaft­slib­er­al“, ander­swo hinge­gen als „ver­längert­er Arm der recht­sradikalen UDI-Partei mit aus­geprägtem faschis­tis­chen Pro­fil“ beze­ich­net.

Das kann natür­lich Zufall sein und keine Kon­se­quen­zen für die kom­mende Ver­fas­sung haben, auch ver­ste­he ich die selt­sam wirk­ende Gle­ich­set­zung von Volksab­stim­mung mit sozialer Öff­nung, denn mitunter neigen poli­tisch Inter­essierte dazu, ihres­gle­ichen für die weltweite Mehrheit zu hal­ten; den­noch: Die Medi­en wer­den sich noch wün­schen, man hätte das Volk nicht gefragt.