NerdkramsMir wird geschlecht
Noch hacker als die Jungs

Der i3 e.V. aus Ham­burg betreibt unter ande­rem ein Pro­jekt, das sich als Hacker­schu­le aus­gibt. Über EDV-Sicher­heit lernt man dort zwar eben­so wenig wie über Pla­ti­nen­lö­ten, aber immer­hin darf man sich aus­su­chen, ob man in der schreck­li­chen Lern­spra­che Python – Kon­zept: BASIC mit Zwangs­ein­rückung – oder in der schreck­li­chen Lern­spra­che Scratch – Kon­zept: BASIC ohne Code – ein Spiel, eine App oder eine Web­site (seit wann pro­gram­miert man eigent­lich Text­an­zei­ge?) in einem natür­lich bin­de­strich­frei­en Hacker School Kurs pro­gram­mie­ren darf:

Wir leben in einem digi­ta­len Zeit­al­ter. Schon für Kin­der und Jugend­li­che ist es wich­tig zu ler­nen, wie Com­pu­ter, Pro­gram­me und Codes auf­ge­baut sind.

Ich fürch­te, Pro­jek­te wie die­ses sind der Grund, war­um das Niveau in der EDV immer wei­ter sinkt. Klar bin ich Hacker, ich habe immer­hin eine Web­site!

Zurück zum Zitat: Über die Defi­ni­ti­on eines digi­ta­len Zeit­al­ters zu dis­ku­tie­ren ist hier nicht nötig, denn in einem sol­chen leben wir tat­säch­lich seit über fünf­zig Jah­ren. Inter­es­san­ter ist die Neben­ein­an­der­stel­lung die­ser bei­den Sät­ze, die eine Art Zusam­men­hang sug­ge­riert. Aber ist das so?

Zum Ver­gleich hier ein ähn­li­cher kur­zer Text, dies­mal von mir:

Wir leben in einem Zeit­al­ter des elek­tri­schen Lichts. Schon für Kin­der und Jugend­li­che ist es wich­tig zu ler­nen, wie Strom­ma­sten, Licht­schal­ter und Ener­gie­spar­lam­pen auf­ge­baut sind.

Nein, offen­bar fehlt da noch ein ent­schei­den­des Kri­te­ri­um. In der Liste der Part­ner des Pro­jekts glau­be ich das feh­len­de Glied – hihi, Glied – gefun­den zu haben: Mer­ce­des-Benz, Luft­han­sa, Tele­kom und irgend­wel­che IT-Unter­neh­mens­be­ra­ter stecken mit im Boot. Man schel­te mich einen Zyni­ker, aber ich wür­de anneh­men wol­len, dass es die­sen Part­nern dar­um geht, mög­lichst früh­zei­tig neu­es Human­ka­pi­tal zu gene­rie­ren. Pro­gram­mie­rer wer­den wohl mehr gesucht als Elek­tri­ker, da kommt so ein Ver­ein, der das Erler­nen markt­taug­li­cher Fähig­kei­ten mit­tels des Bear­bei­tens vor­ge­ge­be­ner Auf­ga­ben als „Hacken“ ver­brämt, gera­de recht.

Und weil im Jahr 2020 nicht nur die Fähig­keit, blö­de vor­ge­ge­be­ne Auf­ga­ben run­ter­pro­gram­mie­ren zu kön­nen, son­dern auch die Fähig­keit, kei­nen Penis zu tra­gen, auf dem Arbeits­markt von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist, wur­de das Port­fo­lio des Pro­jekts eigens sowohl um einen sprach­li­chen Unfall als auch um eine Son­der­spar­te erwei­tert:

Gemein­sam mit Frau­en-Ver­bin­den haben wir Anfang Mai die erste GIRLS Hacker School @home für euch durch­ge­führt. In 12 Kur­sen konn­ten Girls im Alter von 11 bis 99 Jah­ren erste Schritt im Pro­gram­mie­ren machen. Die Girls konn­ten sich zu zweit als Tan­dem-Part­ne­rin­nen anmel­den – aber wir hat­ten auch was für Sin­gles. Die Kurs­the­men reich­ten von Scratch und Python über Web­pro­gram­mie­rung mit HTML/CSS bis hin zu Datenschutz/SQL und Bil­der­ken­nung mit Künst­li­cher Intel­li­genz.

Was es über jeman­den aus­sagt, Elf­jäh­ri­ge als Sin­gles und 99-Jäh­ri­ge als Girls zu bezeich­nen, möge bit­te ein ande­rer Leser der ver­link­ten Sei­te aus­for­mu­lie­ren. Dass hin­ter „Frau­en ver­bin­den“ aber­mals die Wirt­schaft steckt, sei mei­ner­seits hier aber kei­nes­wegs ver­schwie­gen.

Zum Inhalt: Dass „Datenschutz/SQL“ hof­fent­lich „Datenbanken/SQL“ hei­ßen soll, las­se ich als Flüch­tig­keits­feh­ler durch­ge­hen, aber bei „HTML/CSS“, also einer Spra­che, die (ähn­lich einem Word­do­ku­ment) Text struk­tu­riert, und einer Spra­che, die (ähn­lich einer Stil­an­ga­be in Word) die­sem struk­tu­rier­ten Text Form und Far­be ande­fi­niert, von „Pro­gram­mie­rung“ zu reden ist ein Ärger­nis, das immer­hin einen spä­te­ren Satz auf der­sel­ben Sei­te beweist:

Infor­ma­tik- und Tech­nik-Skills sind so wich­tig, (sic! A.d.V.) wie nie zuvor und soll­ten in jedem Alter geför­dert wer­den[.]

Viel­leicht soll­te man die Wer­be­ab­tei­lung vom i3 e.V. mal in so einen Kurs set­zen.

Die Inten­ti­on die­ser geschlech­ter­ge­trenn­ten Kurs­wo­chen­en­den ist die­sel­be wie sonst auch:

Die IT-Bran­che braucht mehr Frau­en.

Hier geht es eben nicht um empower­ment für girls, son­dern dar­um, dass die Part­ner spä­ter auf mög­lichst vie­le mög­lichst preis­wer­te Arbeits­kräf­te zurück­grei­fen kön­nen. Ich war erst ein wenig erstaunt, dass die­se „Schu­le“ sogar in kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Krei­sen bewor­ben wird, aber dann fiel mir wie­der ein, dass Kapi­ta­lis­mus ja nur dann eine schlim­me Sache ist, wenn man selbst weni­ger Vor­tei­le davon hat als ande­re. Hat man hier nicht, wenn man eine Frau ist, also ist die Ver­söh­nung nur kon­se­quent.

Näch­ster Satz:

Der Frau­en­an­teil in der IT liegt unter 20 % – und dabei war die erste Pro­gram­mie­re­rin, Ada Love­lace, eine Frau!

Was natür­lich nicht nur eine Nicht­nach­richt ist (ich bin davon über­zeugt, dass es eben­so unver­schul­det ent­stan­de­ne Grup­pen gibt, denen noch weni­ger EDV-Arbeits­kräf­te ange­hö­ren), son­dern auch histo­risch falsch: Ada Love­laces Ver­dienst war es, lan­ge vor der Exi­stenz eines Com­pu­ters im heu­ti­gen Sinn einen Algo­rith­mus für einen sol­chen auf­ge­schrie­ben zu haben, aber das hat mit Pro­gram­mie­ren an sich erst mal nicht beson­ders viel zu tun; anson­sten wäre ver­mut­lich irgend­ein Grie­che der Anti­ke die erste Pro­gram­mie­re­rin gewe­sen. Erschwe­rend kommt hin­zu: Die unvoll­endet geblie­be­ne Ana­ly­ti­cal Engi­ne, für die Ada Love­lace besag­ten Algo­rith­mus ent­wor­fen hat, wur­de nicht nur von einem Mann ent­wickelt und gebaut, auch stamm­ten wohl alle auf der (nie­mals pro­gram­mier­ba­ren) Maschi­ne jemals aus­ge­führ­ten Berech­nun­gen nicht von ihr. Ihre Pio­nier­ar­beit in der Algo­rith­mik unge­ach­tet: Hin­sicht­lich der Ent­wick­lung von Com­pu­tern müss­ten eigent­lich Charles Bab­ba­ge und sein Sohn wenig­stens einen Teil des Ruhms ern­ten, der heu­te in Gän­ze Ada Love­lace zuteil wird.

Eine wei­te­re, etwas weni­ger schlech­te Aus­re­de, den Kurs für den Geschlech­ter­kampf zu nut­zen, steht wei­ter unten und befasst sich mit dem image der Infor­ma­tik oder, wie der i3 e.V. sie nennt, der Welt der ein­zel­nen und der grup­pier­ten Zustän­de:

[N]och immer hat die Welt der Bits und Bytes das Image, sie wäre eher etwas für die Jungs. (…) Damit sich in den Köp­fen der jun­gen Men­schen hier etwas ändert, braucht es am besten prak­ti­sche Bei­spie­le und geschütz­te Räu­me. Das hat auch die Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft (HTW) in Ber­lin erkannt und bie­tet seit rund zehn Jah­ren ein Bache­lor­stu­di­um für Infor­ma­tik und Wirt­schaft als rei­nen Frau­en­stu­di­en­gang an.

Ich hal­te es ja für eine inter­es­san­te Fol­ge­rung, man kön­ne jun­gen Men­schen (wir erin­nern uns: 11 bis 99 Jah­re) am besten auf­zei­gen, dass es kei­ne fach­li­chen Unter­schie­de zwi­schen den Geschlech­tern gibt, indem man sie ein­mal im Monat räum­lich von­ein­an­der trennt. Auf Twit­ter teil­te man mir mit, nor­ma­ler­wei­se fän­den Klas­sen geschlechts­un­ab­hän­gig statt, nur die monat­li­chen Mäd­chen­kur­se sei­en hier­von aus­ge­nom­men. Han­delt der i3 e.V. also mit den anschei­nend häu­fi­ge­ren gemisch­ten Klas­sen ohne geschütz­te Räu­me sei­nem eige­nen Ziel zuwi­der? Wit­zig wär’s.

Hacken bedeu­te, tei­len die FAQ mit, ein­fach nur, ein System „bis ins Detail zu ver­ste­hen, es zu ver­än­dern und zu ver­bes­sern“. Das ist nicht völ­lig ver­kehrt, aber mich ärgert es wirk­lich gera­de ein biss­chen, dass ich alters­mä­ßig nicht mehr in die Ziel­grup­pe pas­se.

Ich wür­de näm­lich gern was am System ver­än­dern.


Gute Nach­rich­ten auf einem ganz ande­ren Gebiet: In Öster­reich darf man end­lich wie­der außer­halb der eige­nen Fami­lie hei­ra­ten.

Senfecke:

  1. Es ist nicht mehr selbst­ver­ständ­lich daß die Jogend einen Rech­ner selbst­täig bedie­nen. kann. Am Tele­fon rum­wi­schen kön­nen alle, aber sonst sind die Kennt­nis­se durch­aus dürf­tig. Aus der Per­spek­ti­ve ist das Ange­bot viel­leicht gar nicht so doof. Even­tu­ell erkennt n Mädel ihr Talent und stu­diert was Ertrag­rei­ches anstatt les­bi­sche Tanz­päd­ago­gik.

  2. Frau soll nen Chef-Aus­bil­der/­Leh­rer hei­ra­ten und ne Con­sul­ting-Fir­ma aufmachen…unter ihrem Mäd­chen­na­men…
    Kon­trol­le ist alles!

  3. Dein The­me ist häss­lich. fsmaul­al­da? Was für ein sel­ten bescheu­er­ter Bei­trag.

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