MusikPersönliches
Textsicher und stillos

„Mein Genital tut furcht­bar weh, immer dann, wenn ich pisse.“
– Die Ärzte: Onprangering (vom Album „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!“, mit Platin ausgezeichnet)


Wie regel­mä­ßi­ge Leser wis­sen, gehö­re ich zu der­je­ni­gen Minderheit der Musikhörer, deren Angehörigen außer­halb der Wirkungsmusik und ins­be­son­de­re bei inlän­di­schen Gruppen Texte nicht völ­lig unwich­tig sind. Aus Rapkonsumentenkreisen wur­de mir vor einer Weile berich­tet, dass der zu die­sem Zeitpunkt füh­ren­de, mir jedoch bis heu­te nur nament­lich bekann­te Rapper Capital Bra zwar Texte habe, die eigent­lich grau­en­voll sei­en, aber die Melodien und die beats „gin­gen“ nun mal „ab“. Diese Herangehensweise tei­le ich selten.

Nun ist es nicht so, dass ein anson­sten gut dar­ge­bo­te­nes Gesangsstück durch Fehlleistung des jeweils zustän­di­gen Lyrikers auto­ma­tisch an Beliebtheit bei mir ver­lö­re. Viele Lieder in der ersten Hälfte mei­ner per­sön­li­chen Bestenliste haben einen Text, den ich mir als Buch nie­mals zuleg­te, denn wäh­rend mei­ne Freude an der Musik von Bob Dylan eine vor allem text­ba­sier­te ist, über­zeu­gen ande­re Künstler, dar­un­ter Bent Knee, mehr mit der Darbietung als mit dem, was sie als mes­sa­ge mitbringen.

SDP - Das Lied (feat. Bela B)

Daraus lässt sich zum Beispiel fol­gern, dass unab­sicht­lich blö­de Texte und unzu­rei­chen­de musi­ka­li­sche Fähigkeiten nur gemein­sam ein Lied zu einem ins­ge­samt schreck­li­chen machen kön­nen, nicht aber müs­sen: Selbst die Fantastischen Vier, deren Hervorbringungen musi­ka­lisch weit von mei­nen per­sön­li­chen Vorlieben ent­fernt sind, haben wegen ihrer Texte einen siche­ren Platz in mei­ner Sammlung. Dass Sandro Galfetti von „Energy Schweiz“ kürz­lich anreg­te, man möge auf lyrics „schei­ßen“ - „Hauptsache Mitsingen“ -, hal­te ich den­noch für eine nicht löb­li­che Haltung, denn was nützt die schön­ste Textsicherheit, wenn sie stil­los bleibt?

In der „Micky Maus“ emp­fahl man mir, als ich noch ein Kind war und den Kram noch kauf­te, ich möge mei­ner Umgebung einen Streich spie­len, indem ich sie dazu auf­for­der­te, beschwö­rend „owi dowi spinn“ - „oh, wie doof isch bin“ - zu mur­meln und abzu­war­ten, wie lan­ge es wohl dau­ern wür­de, bis die Teilnehmer es bemerk­ten. Ich habe damals dar­auf ver­zich­tet, denn ich habe schon als Kind eher ungern aufs Maul bekom­men. Stetig weni­ger ver­ständ­lich wird es für mich jedoch, war­um Teile der­sel­ben Menschen, denen ein Reinfallen auf besag­ten Streich augen­schein­lich schreck­lich unan­ge­nehm wäre, nicht ein­mal an öffent­li­chen Plätzen wie etwa in Wirtshäusern davor zurück­schrecken, laut­hals Lieder zu into­nie­ren, in denen es im Wesentlichen um Drogen, ums Vögeln und/oder ums Meucheln geht. Möglicherweise wäre es erfolg­reich, bräch­te man ein stumpf stamp­fen­des Lied her­aus, des­sen Text nur aus dem Refrain besteht und unge­fähr „ich habe auf Koks Sex mit dei­ner Leiche“ lau­tet. Das schnel­le Geld winkt in der Kneipe, wenn man nur hin­rei­chend rufi­gno­ran­ter Liedschreiber ist.

Es gibt gute Argumente für Instrumentalmusik. Karaokeabende sind nur eines von ihnen.


„Auf der Reise zu den Inseln wer­den wir das Schiff anpinseln.“
– Subway to Sally: Auf der Reise

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