In den NachrichtenMusik
Tanzverbot für Phil Collins

In der Zeit vor Ostern wird traditionell auch in dem Land, das sich dringend darum zu bemühen sucht, sich auf seine christlichen Traditionen (i.s. Kreuzzüge und Judenverfolgung) zu besinnen, um sich von den Moslems abzugrenzen, alljährlich Religionskritik laut, denn wie auch an Heiligabend – was aus unklarem Grund selten zur Sprache kommt – soll an Karfreitag allenfalls traurig getanzt werden.

Da es nur wenig gibt, was trauriger wäre als Hannover, hielt ich die Website der Stadt Hannover für eine geeignete Quelle, um das genauer zu erforschen. Und tatsächlich gibt es dort Informationen:

Nach dem Niedersächsischen Feiertagsgesetz (NFeiertagsG) sind Tanzveranstaltungen am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag unzulässig.

Dass dieselbe Stadt Hannover auch am kommenden Karfreitag zum Tanz lädt, lasse ich hier aus dramaturgischen Gründen weitgehend unkommentiert und gucke mir stattdessen das NFeiertagsG an.

Was zunächst auffällt, ist, dass es explizit regelt, wann Videotheken öffnen dürfen. Es ist erfrischend, dass die Digitalisierung noch nicht überall um sich greift. Für den vorliegenden Kasus relevant ist aber insbesondere § 5 NFeiertagsG:

An den in § 3 genannten Tagen sind während der Zeit von 7 bis 11 Uhr morgens folgende Veranstaltungen und Handlungen verboten (…):

a) öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und öffentliche Aufzüge, die nicht mit dem Gottesdienst zusammenhängen; das Grundrecht der Versammlungsfreiheit ( Artikel 8 Abs. 2 des Grundgesetzes) wird insoweit eingeschränkt;

Man muss ja Prioritäten setzen: Christentum oder Versammlungsfreiheit? Die Entscheidung lag doch wohl auf der Hand!

b) die der Unterhaltung oder dem Vergnügen dienenden Veranstaltungen, bei denen nicht ein höheres Interesse der Kunst, der Wissenschaft oder der Volksbildung vorliegt;
c) Veranstaltungen und Handlungen, soweit sie religiöse oder weltanschauliche Feiern stören oder den Besucherinnen oder Besuchern dieser Feiern den Zugang erschweren.

Dass es Religionen geben soll, die zu ihren Ausdrucksmitteln den freudigen Tanz zählen, sei hier aufgrund meines ausbleibenden Interesses, diese Behauptung zu verifizieren, nur als Pointe angebracht. Entscheidend scheint mir aber Satz „b” zu sein: Zählt es nicht bereits als Volksbildung, wenn man als Protest gegen dieses für einen vorgeblich säkulären Staat sonderbare Gesetz eine Tanzveranstaltung abhält, durch die möglicherweise Bürger dazu bewegt werden, sich mit der gängigen Rechtsprechung aktiv statt nur passiv zu beschäftigen? Welches höhere Interesse hat „die Kunst” und was ist eigentlich Kunst? Wer schließlich bestimmt, was Vergnügen bereitet und was nicht? Mir zum Beispiel bereitet die Musik von Phil Collins anhaltende Schmerzen – ist es mir also weiterhin gestattet, an einem Karfreitag mit schmerzverzerrter Miene zu Phil Collins zu tanzen?

Andernfalls hätte ich gegen eine Ausweitung der Gültigkeit des Gesetzes auf einen Großteil des übrigen Jahres nämlich nichts einzuwenden.

Senfecke:

  1. Jaja, die Religioten.
    Ich habe es einmal mitbekommen, dass am „Gründonnerstag-Abend” ein Black-Metal-Konzert auf abgelegenem Gelände (vermutlich nach Beschwerden von „Anwohnern” oder „besorgten Christen”) von der Polzei gestürmt und die Eingänge gesperrt wurden – wer grad draußen war hatte Pech und kam nicht wieder rein, selbst wenn er/sie – wie ich in dem Fall – zusammen mit einer der Kapellen da war.
    Gut, dass wir genügend Polizei haben um solche Gefahren abwenden zu können!

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
:P 
:ups: 
:cry: 
:evil: 
:twisted: 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre class="" title="" data-url=""> <code class="" title="" data-url=""> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style="" class="" title="" data-url=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Ihre IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details finden Sie hier.

Senf hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du willst deinen Senf dazugeben, dir ist aber der Senf ausgegangen? Dann nutz den SENFOMATEN! Per einfachem Klick kannst du fertigen Senf in das Kommentarfeld schmieren, nur dazugeben musst du ihn noch selbst.