Netzfundstücke
Medienkritik CXII: Beschränktes Horizont.

Der welt­größte Ver­mark­ter von Onlinereklame befand nun, dass ein “sicheres Web” gekom­men sei, um zu bleiben, was auch immer das nun heißen mag: Dass Wer­bung eine Web­site auch mit Schlöss­chen dran schnell in glühende Kohlen ver­wan­deln kann, sollte inzwis­chen bekan­nt sein.

Dass die Welt der Wer­ber eine ganz eigene ist, erfährt man kaum irgend­wo bess­er als auf “Hor­i­zont”, ein­er übri­gens prob­lem­los via klas­sis­chem HTT-Pro­tokoll erre­ich­baren Nachricht­en­seite für der­lei Gestal­ten, die es offen­bar seit inzwis­chen über dreißig Jahren auch in ein­er Druck­aus­gabe gibt. Wer würde nicht auch gern am Früh­stück­stisch die neuesten Nachricht­en aus der Welt der Wer­bung lesen kön­nen? Eben.

Drei willkür­lich aus­ge­suchte Onlin­eartikel aus der gegen­wär­ti­gen Woche lassen mich allerd­ings annehmen, dass jeden­falls ich ein­er von denen bin, die nicht unbe­d­ingt ein Abon­nement abschließen möcht­en; und das, obwohl sich die Redak­tion von “Hor­i­zont” mit einiger­maßen tage­sak­tuellen The­men beschäftigt, zulet­zt am ver­gan­genen Mon­tag:

Bei keinem anderen TV-Event wird im Netz so lei­den­schaftlich über Wer­bung disku­tiert, (sic! A.d.V.) wie beim Super Bowl.

Nach dem, was ich Pas­sivs­port­muf­fel aus den ein­schlägi­gen Bericht­en bis­lang her­ausle­sen kon­nte, ist das sach­lich sog­ar richtig: Für die Zuschauer des “Super Bowls” scheint das biss­chen Bewe­gung zwis­chen­durch nur eine lästige Pinkel­pause zwis­chen Wer­be­block und Gesangs­dar­bi­etung zu sein, wie bei “Wet­ten, dass…?” die Wet­ten ja auch meist nur der Über­brück­ung zweier Filmwer­bun­gen der jew­eils anwe­senden Schaus­piel­er von Nutzen waren. Mir ist unklar, warum eine der­art pen­e­trante Dauer­werbe­sendung sich den­noch so großen Zus­pruchs erfreut.

Tim Theobald von “Hor­i­zont” jeden­falls ist da voll in seinem Ele­ment. Unter der Über­schrift “Diese 15 Spots haben das NFL-Finale gerockt” — wenn es schon für Sportler nicht reicht — zeigt er die wohl selb­st erko­re­nen “besten” 15 Wer­be­film­chen, die von dieser lästi­gen Sportver­anstal­tung unter­brochen wur­den. Allein vier von den ins­ge­samt gezeigten “Spots” scheinen sich um Waschmit­tel zu drehen:

Den wahrschein­lich größten Buzz während der Live-Über­tra­gung bei NBC ern­tete die Waschmit­tel-Marke Tide aus dem Hause Proc­ter & Gam­ble, die in den ver­gan­genen Wochen unfrei­willig wegen der “Tide Pod Chal­lenge” in die Schlagzeilen ger­at­en war. In gle­ich vier Spots (…) nahm die ver­ant­wortliche Agen­tur (…) klis­chee­be­laden die Wer­bung aus anderen Branchen wie Auto­mo­tive, Bier, Schmuck und Ver­sicherun­gen aufs Korn — und macht­en jeden einzel­nen der vie­len Mini-Com­mer­cials zu einem Spot für Tide. Ein großer Spaß!

Das klingt wirk­lich sehr amüsant. Ich halte Tim Theobald ohne genauere Ken­nt­nis für einen Men­schen, der sich mit Fre­un­den zum Wer­bung- statt zum Filmguck­en tre­f­fen möchte; für einen recht ein­samen Men­schen also.

Ander­er­seits: Haha, USA halt. Die haben noch leichte Unter­hal­tung in der oft gescholte­nen Glotze. Die Deutschen guck­en ja dank des Inter­nets kaum noch Fernse­hen, hier ist alles anders. Und selb­st in unseren direk­ten Nach­bar­län­dern geht es bergab für die Reklame­hei­nis, schrieben einen Tag später drei Schweiz­er Berufs­blender (Inhab­er ein­er “Medi­aa­gen­tur”), weil in ihrem Heimat­land das Äquiv­a­lent zu den hiesi­gen Rund­funkge­bühren gefährdet sei, brechen auch in Zeit­en von Sportüber­tra­gun­gen harte Zeit­en für ihres­gle­ichen an:

Ohne oder mit ein­er reduzierten SRG sind jedoch gewisse Medi­as­trate­gien nicht mehr umset­zbar, und das Medi­um TV ver­liert gesamthaft an Attrak­tiv­ität.

So weit ist es in der Schweiz schon gekom­men: Das Medi­um TV ver­liere an “Attrak­tiv­ität”, weil man dort dem­nächst nicht mehr so viel Geld für Wer­be­prospek­te mit Bewegt­bild und Ton haben wird. Das muss dieser Fortschritt sein.

In Deutsch­land ist man, weiß schließlich “Hor­i­zont”, schon einen Schritt weit­er, denn etwa die frühere Sat.1‑Serie “Pastewka”, die, wie der ver­sierte Fernsehken­ner vielle­icht ahnt, sich früher vor allem dadurch ausze­ich­nete, die bei Sat.1 übliche Dauer­wer­bung unnötiger­weise zu unter­brechen, läuft inzwis­chen kon­se­quent direkt in einem Kaufhaus statt auf einem Fernsehsender, näm­lich bei “Ama­zon Prime”, wo sie sich nicht nur in bis dahin unver­hoffter Bre­ite im gewohn­ten Reklame­dreck (“Ärg­er­nis”, Alexan­der Wipf für “Hor­i­zont”) suhlen kann, son­dern auch noch diesen lästi­gen ent­zo­gen ist. Anders als andere zeit­genös­sis­che Pro­duk­tio­nen wie etwa “Dittsche”, dessen Stam­mgetränk in der fik­tiv­en Serienkneipe seit Jahren eine frei erfun­dene Bier­sorte ist, denn man hält das Pub­likum öffentlich-rechtlich­er Fernsehsender offenkundig für so unmündig, dass es sich vom bloßen Anblick ein­er Bier­marke zu deren Kauf gedrängt sieht, ver­hält sich der halb erfun­dene Titel­held, ein gewiss­er Herr Pastewka, wie im echt­en Leben. Juliane Paper­lein von “Hor­i­zont” hat vor Neid schon feuchte Augen:

Doch “Pastewka” set­zt auch in ander­er Hin­sicht neue Maßstäbe. Canon, Sony, Hari­bo, Coca-Cola, Deth­leffs, DM, Welt, Nivea, Mey – die Liste der Fir­men, deren Logos im Laufe der Fol­gen auf­tauchen, ist lang. Das wirft eine ganze Rei­he von Fra­gen auf.

In mir auch, aber wahrschein­lich andere als ger­ade diese: “Ist diese Marken­flut erlaubt? Oder (Schleich-)Werbung? Eine Spiel­wiese für Con­tent Mar­ket­ing? Oder eine Auf­gabe für die für Reg­ulierung zuständi­gen Lan­desme­di­en­anstal­ten?” (ebd.); was man halt so denkt, wenn man sein Geld damit ver­di­ent, Prospek­te als wertvolle Ergänzung des men­schlichen Miteinan­ders mis­szu­ver­ste­hen, und dann plöt­zlich jemand kein Kunde sein will. Ob es nun recht­ens ist oder nicht, dass in ein­er in Deutsch­land spie­len­den Serie auch mal in Deutsch­land ver­bre­it­ete Marken auf­tauchen, sei hier bewusst offen gelassen, denn mir ist die Frage schon zu blöd. Klebt Juliane Paper­lein etwa ähn­lich schäu­mend Schilder mit der Auf­schrift “Dauer­wer­begeschäft” an ALDI-Fil­ialen, damit die Kun­den gewarnt sind, dass sie gle­ich Marken­na­men sehen wer­den? Für den “Hor­i­zont” jeden­falls kriegt sie sich nicht mehr ein:

Beson­ders auf­fäl­lig ist Folge 4, die in einem Media-Markt spielt und deut­lich das Logo, den Markt und dort zu kaufende Pro­duk­te zeigt. Das wirkt wie eine klas­sis­che Pro­duk­t­platzierung, bei der die Fir­men dafür zahlen, dass ihre Pro­duk­te gezeigt wer­den. Eine solche müsste mit dem Hin­weis “Unter­stützt durch Pro­duk­t­platzierun­gen” verse­hen wer­den. (…)
Dass das Logo promi­nent und gut les­bar einge­bun­den ist, obwohl Media-Markt nicht dafür bezahlt hat, begrün­det Brain­pool so: “Die Marke selb­st und die Marken­vielfalt dort spiegeln die Real­ität wider.” Brain­pool selb­st hat es mit der Wirk­lichkeit früher noch nicht so genau genom­men. (…) Eine Klärung tut not, denn wenn es so ein­fach ist, Pro­duk­te in Video­con­tent zu inte­gri­eren, ohne dass es Wer­bung ist, dürfte das Mod­ell “Pastewka” beim derzeit­i­gen Con­tent-Mar­ket­ing-Hype schnell Schule machen.

Mut­ti, da sind irgend­wo Marken zu sehen! Dem Kon­text mag es helfen, wenn man weiß, dass dieser Text auf dem gle­ichen Por­tal zu find­en ist, das noch im Jahr 2015 der schreck­lichen YouTube-Darstel­lerin “Bibi” eine Möglichkeit gegeben hat, um mehr Ver­ständ­nis für nicht gekennze­ich­nete, aber gekaufte Wer­bung zu bit­ten, und sich im gle­ichen Jahr wortre­ich darüber gefreut hat, dass James Bond im Kino auch weit­er­hin mit einem Meuchelpuffer der richti­gen Marke durch die Gegend ballern darf. Aber wehe, der Pastewka lässt seine Gum­mibären offen rum­liegen — da ken­nen die vom “Hor­i­zont” kein Erbar­men mehr und mit dem Leser sowieso nicht.

Ich habe jeden­falls urplöt­zlich Lust auf eine Aspirin®-Tablette. Vielle­icht mache ich sog­ar ein nicht gekennze­ich­netes Foto davon — ein­fach, um Juliane Paper­lein zu ärg­ern.

Senfecke:

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