NetzfundstückeWirtschaft
Medi­en­kri­tik CX: Von den Lear­nings eines Affi­lia­tes

Dass Web­sites, die teils alt­be­kann­te, teils neue, dafür aber quietsch­blö­de „Inhal­te“ mit mög­lichst vie­len Wer­be­links ver­se­hen und unter rei­ße­ri­schen Titeln anprei­sen, in einer ver­nünf­ti­gen Gesell­schaft mit­samt ihren Erschaf­fern geäch­tet wür­den, ist eine Wahr­heit, die mit der momen­ta­nen Rea­li­tät jedoch kol­li­diert statt kol­la­bo­riert. Weil die mei­sten imbe­zi­len Knall­frö­sche, die die aber­dut­zend­ste Auf­li­stung von Kat­zen­vi­de­os, Schau­spie­ler­tratsch und/oder Pfle­ge­pro­duk­ten für eine wert­vol­le Ergän­zung des Webs hal­ten, wahl­wei­se zu doof oder zu gie­rig sind, sich eine eige­ne Prä­senz auf­zu­bau­en, hän­gen sie sich wie Saug­wür­mer an einen ein­la­den­den Wirt. Der ein­la­dend­ste Wirt von allen ist 2017 die vom Unter­neh­men Face­book bereit­ge­stell­te „Platt­form“ glei­chen Namens, die bekann­ter­ma­ßen allein damit eini­ger­ma­ßen viel Geld ein­bringt, dass ihre Nut­zer kei­ne Medi­en­kom­pe­tenz mit­brin­gen und dar­um so etwas wie eine „Web­site“ gar nicht mehr ken­nen wol­len.

Einen ganz beson­ders spe­zi­el­len Fall von doof und gie­rig prä­sen­tier­te die­ser Tage das dada­istisch nütz­li­che Blog „OMR“, für das Tor­ben Lux unter der Huf­fing­ton-Post-wür­di­gen Über­schrift „Die­ser 26-Jäh­ri­ge Affi­lia­te baut seit zehn Jah­ren Face­book-Pages – das sind sei­ne Lear­nings“ (im Ori­gi­nal natür­lich in Groß­buch­sta­ben) einen Schul­ab­bre­cher dafür bewun­dert, dass die­ser in Erman­ge­lung ver­nünf­ti­ger Bil­dung lie­ber für zu viel Geld Rekla­me auf Face­book macht; denn wer braucht schon Zukunft oder wenig­stens einen Rest Anstand, wenn er auch Spam­mer wer­den kann?

Der Arti­kel beginnt vor­geb­lich sach­lich:

Eigent­lich will Mar­kus David König aus Schörf­ling am Atter­see in Ober­öster­reich sein Abitur machen. Weil erste gemein­sam mit einem Freund gestar­te­te Blog- und Face­book-Pro­jek­te aber so gut lau­fen, bricht er es 2010 ab. Seit­dem fokus­siert er sich kom­plett auf den Auf­bau und die Mone­ta­ri­sie­rung von Face­book-Sei­ten.

Obwohl es ange­mes­sen erscheint, Mar­kus David König für die­ses, wie man auf Neu­deutsch sagt, mind­set auf aller­nied­rig­stem Niveau aus­zu­la­chen, wird er statt­des­sen zum Gespräch gebe­ten. Das Kon­zept von „OMR“, das anders­wo Wör­ter wie „Prä­se“ ver­wen­det, um SEO-Eso­te­rik zu emp­feh­len, und auf dem schon wie­der Tor­ben Lux sei­ner Ent­täu­schung dar­über, dass ein gro­tes­kes You­Tube- und Instagram-„Model“ nicht mal für viel Geld sei­ne Brü­ste raus­holt, in zu vie­len Absät­zen zu viel Aus­druck geben darf, scheint es im All­ge­mei­nen nicht zu sein, lästi­ge Mit­men­schen als sol­che erkenn­bar zu machen, viel­mehr scheint das Gegen­teil der Fall zu sein.

Besag­ter Mar­kus David König hat dem Arti­kel zufol­ge schon früh nichts ver­stan­den:

„Mit einem Kol­le­gen habe ich wäh­rend der Schul­zeit ange­fan­gen, Web­sei­ten mit Goo­gles Dienst Blog­ger auf­zu­set­zen. Damals waren wir 15 oder 16 Jah­re alt“, erin­nert sich Mar­kus David König im Gespräch mit OMR.

Web­sei­ten „auf­zu­set­zen“ (wie Müt­zen oder zum Bei­spiel hei­ßes Was­ser) bedeu­te­te, als ich 15 oder 16 Jah­re alt war, ja noch nicht, sich irgend­was bei Goo­g­le­dien­sten zusam­men­zu­klicken, aber wer nichts mit­tei­len, son­dern nur etwas ver­kau­fen will, dem ist Qua­li­tät eben auch ziem­lich egal (vgl. „SPIEGEL ONLINE“). Da jenes Alter beim Objekt der Betrach­tung zeit­lich mit dem Auf­stieg Face­books zusam­men­fiel, haben wir hier immer­hin einen inter­es­san­ten Fall von der Gna­de irgend­ei­ner Geburt vor­lie­gen:

Schon damals habe es Fir­men und Agen­tu­ren gege­ben, die grö­ße­re Fan­sei­ten schlicht nach Reich­wei­te auf­ge­kauft haben. Auch König schlägt zu und über­nimmt eine klei­ne Page für 600 Euro. „Als ich die dann mit 19 Jah­ren für 20.000 Euro wei­ter­ver­kau­fen konn­te, wuss­te ich, dass ich die­sen Weg wei­ter­ver­fol­gen muss. Das hat mich nach­träg­lich auch noch ein­mal in der Ent­schei­dung bestä­tigt, das Abitur abzu­bre­chen.“

Hät­te es das nicht, dann wäre das bestimmt sehr betrüb­lich gewor­den, aber wer braucht schon Bil­dung, wenn er Geld haben und sich dafür von einer Web­site, deren Gram­ma­tik auch nicht die beste ist („OMR Updates direkt an Dich“, sic!), als Vor­zei­ge­spam­mer dar­stel­len las­sen kann? Klar: Als Spam­mer wür­de er sich ungern bezeich­nen las­sen, denn immer­hin ist er ein seriö­ser („Die (…) größ­te Sei­te im Port­fo­lio von Mar­kus David König ist „Atem­be­rau­ben­de Tat­too Ideen“. Es fol­gen (…) „DAS WILL ICH HABEN“ (25.300 Fans) und „Hun­de-Wau“ (10.300 Fans).“, T. Lux über M. D. König) Geschäfts­mann, der sein Hand­werk fast so gut beherrscht wie sei­ne Mut­ter­spra­che („Super Weih­nachts Geschenk­ideen“, zitiert aus: „DAS WILL ICH HABEN“) und mit Spam selbst­ver­ständ­lich nichts zu tun haben will:

Wenig spä­ter reinve­stiert König einen Teil sei­nes Gewinns und kauft eine Face­book-Sei­te mit rund 900.000 Fans, die aber offen­bar vor allem aus indi­schen Fake-Pro­fi­len besteht. Er erklärt: „Wir haben sehr viel aus­pro­biert und woll­ten auch sol­che recht ein­deu­ti­gen Spam-Sei­ten testen. (…)“

Das Geld, das er mit frem­den Inhal­ten („Wir bekom­men wirk­lich sehr viel Mate­ri­al geschickt, das wir natür­lich sehr ger­ne nut­zen.“) ver­dient, ist meist kein gesetz­li­ches Zah­lungs­mit­tel, son­dern besteht der­zeit über­wie­gend aus Ama­zon-Gut­schei­nen. Es ist Mar­kus David König zu wün­schen, dass Super­markt und Ver­mie­ter Ama­zon-Gut­schei­ne als Zah­lungs­mit­tel akzep­tie­ren, sonst ist sein Erfolg, mit­tel­fri­stig gese­hen, gar kein aus­rei­chen­der. Dass er die Ama­zon­gut­schei­ne im Wesent­li­chen dafür erhält, dass er diver­se „Sei­ten“ – dar­un­ter auch „recht ein­deu­ti­ge Spam-Sei­ten“ – auf Face­book mit „Pro­dukt­emp­feh­lun­gen“ voll­klebt, macht ihn noch nicht zu einem Rekla­mehei­ni, denn dafür müss­te er, wie er sagt, erst sein Port­fo­lio um Video­re­kla­me erwei­tern:

„Klar gibt es Pro­duk­te in Vide­os, die per­fekt zu The­men wie Tat­toos oder Innen­ein­rich­tung pas­sen. Trotz­dem ist es immer ein schma­ler Grat und wirkt schnell wie Spam.“

Wäh­rend jemand, der mit „Click­bait-Sei­ten“ („OMR“), auf denen auch mal öder „IKEA“-Krempel, wie im Arti­kel zu sehen, mit „Wow, schaut mal was für tol­le Ein­rich­tungs­ideen es hier gibt!“ bewor­ben wird, natür­lich nicht wie ein lästi­ger Spam­mer, son­dern wie ein wert­vol­les Mit­glied der Gesell­schaft wirkt, zu dem es auf­zu­schau­en gilt, denn er lebt unser aller Traum: Mit mög­lichst wenig Bil­dung mög­lichst viel „Geld“ von mög­lichst ein­fäl­ti­gen Men­schen („Face­book-Fans“ von „Hun­de-Wau“ et al.) zu bekom­men.

Unter dem Arti­kel sind der­zeit die ersten Kom­men­ta­re von kon­kur­rie­ren­den Spam­mern seriö­sen Geschäfts­leu­ten zu lesen, die behaup­ten, der arti­kel­wei­se Geprie­se­ne habe „Vide­os geklaut“. Hof­fent­lich las­sen sie sich in Gut­schei­nen bezah­len.

Senfecke:

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